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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-26 · Heft 9 (26.2.1909) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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unseres Stammes, die ihre eigene Gottesgewißheit ihrer Gesamtheit mitteiltem und diese auf sich genommen hat?! Gewiß ist jeder geschichtlichen Religion eine gewisse kirchliche Organisation unentbehrlich, um die Gottesgewißheit zu erhalten, zu schützen, zu vertreten, zu lehren, und eine solche Organisation kann ohne Formen nicht bestehen. Aber behaupten, diese Formen der Organisation seien ewig wie die Gottesgewißheit selbst, ist eine Ueberhebung, die man nicht energisch genug zurückweisen kann, die festgehalten die Religion selbst gefährdet. Kann aber unsere Religion so im Handumdrehen eine solche Wandlung von der Herrschaft der Form zur Herrschaft des Wesens durchmachen? Unser Judentum ist, recht oder schlecht, ein Traditionsgebilde. Soll das mit einem Male in Trümmer geschlagen werden? Ist das Prinzip der langsamen Abbröcklung nicht praktischer? Die Rabbiner mögen über Ritual- und Zeremonialgesetze weder sprechen noch schreiben, in den Gemeinden selbst diesen Dingen keine Aufmerksamkeit schenken. Nach und nach schwinden sie aus dem Bewußtsein der Gesamtheit, fallen ab, ohne Schmerzen zu verursachen und Kämpfe hervorzurufen. Ist dieser Vorgang nicht der richtigere? In meinen Augen nicht. Ich halte dieses Prinzip für ein unheilvolles. Nicht allein wegen seiner Unaufrichtigkeit, die doch nirgends weniger angebracht sein dürfte als im religiösen Leben, sondern auch weil nichts so verheerend, so demoralisierend wirkt, als das gleichgültige Zuschauen des Verfalles. Dieses „Laufenlassen" hat in den letzten Jahrzehnten die allerschlimmsten Früchte getragen. Es hat viele Juden dem Judentum entfremdet, hat die Massen verwirrt und anarchische Zustände im religiösen Leben hervorgerufen. So unhaltbar das Judentum als Gesetzesreligion auf die Dauer sein mag, noch schlimmer ist, ein Gesetz mit Füßen zu treten, etwas für ein Gesetz halten und sich ostentativ darüber hinwegsetzen. Seit hundert Jahren wird schon gegen das Gesetz gekämpft, heißt das „mit einem Male" zerstückeln, mit „einem Male" in Trümmer schlagen? Gleicht das Judentum nicht schon lange genug einem wüsten Trümmerhaufen, und ist nicht höchste Zeit, die Trümmer zu beseitigen, aus der Wüstenei wieder einen Gottesgarten zu machen? Ich habe nichts dagegen, wenn jene, die sich ein Judentum nur als Gesetzesreligion vorstellen können, die geborstenen Quadern wieder liebevoll übereinander reihen, das Gesetz wieder aufbauen. Jene Tausenden aber, die es nicht mehr wollen, die nach einem Judentum yhne Gesetz Verlangen tragen, die sollen sich zusammenschließen und das Feld endlich radikal entsteinen. „Ein Verlangen nach mehr Tiefe und Festigkeit des Lebens, nach Selbständigkeit gegenüber dem Gewirr der Welt und nach Erhebung über das kleinmenschliche Getriebe drängtzur Religion." Auch den modernen Juden. Aber dieses Verlangen wird in nichts zerrinnen, wenn die Religion das neuerwachte Verlangen „starr an die Vergangenheit bindet, wenn sie zu uns nicht in den Gefühlen, Begriffen, ja Worten der eigenen Zeit spricht". Ich wiederhole: Das Judentum muß aus einer Gesetzesreligion die Religion werden, oder es wird in der modernen Kulturwelt unaufhaltbar zerfließen. Sie werden mich fragen, wie ich das gewünschte einmütige Vorgehen durchzusühren gedenke? Ich will mich möglichst kurz mit meiner Antwort fassen. Die Volksabstimmung. Hätte ich die Absicht, das große Werk der religiösen Umwandlung-zu vollziehen, ich wählte folgenden Vorgang: Vor allem sollte die Bewegung auf ein "verhältnismäßig enges Gebiet beschränkt bleiben: auf Deutschland und Oesterreich, mit Ausschluß von Galizien, der Bukowina und Ungarn. Und in diesen Ländern vorerst auf die Großstädte. Schlägt sie hier Wurzel, dann wird sie bald um sich greifen, denn aufgeackert und empfänglich ist der Boden überall. Ich würde in allen diesen Städten einige begeisterte Männer sich zusammenschließen lasten zu dem einen festen' Ziele: Die Neubelebung des Judentums. In Berlin bildete sich eine Zentrale, die alle Fäden der Bewegung in Händen hielte, um die Gleichmäßigkeit ausrechtzuhalten und jeder Kräftezersplitterung vorzubeugen. Eine volkstümlich geschriebene Broschüre wird in den Großgemeinden allen Familien unentgeltlich zugeschickt. Versammlungen werden abgehalten und in wirksamen Reden die Ziele der Bewegung dargelegt. Aufforderungen ergehen an alle, die sich der Neuerweckung anschließen wollen, in gemeinsamer Beratung den Beschluß einer neuen Gemeindegründung zu fassen. Indes bemüht sich die Zentrale um die Schaffung eines Gebetbuches, das die Ideale der neuen Bewegung wiedergebe. Jüdische Dichter und Musiker werden gebeten, sich in den Dienst der Religion zu stellen. Dieses Gebetbuch sei allen neuen Gemeinden gemeinsam. Wo es kann, bleibe es treu dem alten hebräischen Texte; erhebende deutsche Gemeindegesänge mögen die kurzen hebräischen Gebete umfassen. So denke ich mir die Neuerweckung des Judentums. Ich will nicht meine Anonymität lüften, auch besitze ich nicht mehr die elastische Jugendkrast, die mächtige Energie und Arbeitsfreudigkeit, derer es bedürfte, um mich an die Spitze der Bewegung stellen zu können. Sollten sich aber irgendwo Männer finden, die den Versuch voll Liebe und Begeisterung aufnehmen wollen, und fänden diese Männer meine „Gedanken" würdig, der rechte Ausdruck ihrer Gefühle vor den Massen der jüdischen Intelligenz zu sein, ich überlasse sie ihnen gern, und würde mich nur glücklich schätzen, ihnen einen kleinen Liebesdienst erwiesen zu haben. Dürfen wir aber heute den Versuch wagen? Ist es nicht sündhaft, in diesen Tagen der Kämpfe um unser politisches Recht, um unsere wirtschaftliche und soziale Stellung innere Streitigkeiten herbeizuführen? Ist das. religiöse Wagnis wert genug, uns das einzige zu rauben, was wir besitzen? Die Einheit? Welche Einheit meinen Sie, geehrter Herr Rabbiner? Soll es die politische und wirtschaftliche sein, oder die religiöse? Betrachten wir erst die letztere. Ist sie wirklich vorhanden? Kirchlich vielleicht, offiziell, aber in Wahrheit? Was habe ich religiös gemein mit dem galizischen Juden, der in Karlsbad ausspuckt, wenn er an der Orgelsynagoge vorübergeht, oder zu seinem Amüsement Ihrem Gottesdienste beiwohnt? Wo ist das religiöse Band, das uns zusammenhält, welches ist es? Es ist vorhanden trotz der klaffendsten und schroffsten Gegensätze. Die Religionsgeschichte, die religiöse Vergangenheit, der gemeinsame Ruhetag, die gemeinsamen Feste, das gemeinsame Glaubensbekenntnis, die gemeinsamenMoralgesetze, sie bilden das gemeinsame Band. Habe ich an diesen geändert, diese umgestoßen? Also das, was uns bis heute gemeinsam war, bleibt auch weiter unberührt. Die Ritualgesetze hat der größte Teil der westeuropäischen Juden längst preisgegeben, worin besteht denn die Zertrümmerung der religiösen Einheit, die jetzt verschuldet würde? Darin, daß wir nunmehr offiziell das Religionsgesetz für uns als unverbindlich erklären. Bis jetzt sündigten wir, jetzt leugnen wir, Sünder zu sein; bis jetzt waren wir

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