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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-26 · Heft 9 (26.2.1909) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Pessach-, den Sabbat-Vorschristen be§ Schulchan- Aruch ufto., er bespricht die Wandlung der Sitten und Gebräuche, die Gefahren des blinden Autoritätsglaubens und stellt als unsere Pflicht es Dn: „Bei einer Prüfung der gegenwärtig geltenden, im Schulchan Aruch kodifizierten gesetzlichen Vorschriften und einer neuen Gestaltung derselben muß der leitende Grundsatz dieser sein: nicht um eine Erschwerung handelt es sich, sondern darum, daß die eigentliche Bedeutung des Gesetzes, der innere Sinn, der Zweck der Handlung zur Geltung komme." (S. 104.) Absichtlich unterlasse ich jede Zitatenlese, ja auch nur jeden Hinweis auf den überreichen, alle aktuellen religiösen Fragen behandelnden Inhalt. Aus einem Gusse, in jugendlicher Begeisterung geschrieben, ist das Bucy; ganz gelesen wird es erst vollständig genossen. Lazarus selbst sagt von seinen Gedanken zur Erneuerung des Judentums: „Wenn sie. als Saatkörner im Geiste künftiger Führer des Judentums gedeihlich aufsprießen, dann habe ich nicht umsonst gelebt! Höher als alles, was mir etwa-sonst im Leben zu leisten vergönnt war, werde ich dann diese Mitwirkung an einer Erhebung, Befreiung und Veredlung des Judentums achten .... Dieses gleichsam unpersönliche Wollen .. . wird man hoffentlich dem Abgeschiedenen zugestehen, und seine Gedanken rein und mit voller Kraft auf sich wirken lassen." (Vorwort.) Möge die von echt Lazarusschem Idealismus getragenen Erwartungen des Verewigten sich auch bald erfüllen! Gedanken eines Laien über das Judentum. Veröffentlicht von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. IX. Wohin? (Schluß.) ie werden mir nun entgegenhalten, eine Religion ohne Gebote, ohne Gesetze könne nur eine subjektive Religion sein, das heißt die Religion des einzelnen; die Religion einer Gesamtheit sei ohne Traditionen, ohne Vorschriften einfach undenkbar. Subjektive Religiosität wieder sei doch nur eine vage Stimmung, nebelhaft verschwommene Gefühlsduselei; die Religion eines Volkes kann unmöglich die festen Vorstellungen einer zu praktischer Wirklichkeit gewordenen Religion entbehren. Jede Religion muß etwas Eigen-Charakteristisches an sich haben, das nur sie hat, nur sie auszeichnet, sonst kann sie nicht die Religion einer Gesamtheit werden. Beweis dessen ist doch jede der uns bekannten Religionen mehr oder weniger Gesetzesreligion. Sind denn die Nächsten- | liebe- und Sittlichkeitsgebote keine Gesetze? Tu sollst keine. anderen Götter haben.... Du sollst nicht zum Falschen schwören.... Du sollst nicht stehlen.... nicht morden.... nicht ehebrechen.... Ehre Vater und Mutter.... Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.... Liebet den Fremden .... Heilig sollt ihr sein.... Verschließe nicht den Mund des Ochsen, wenn er drischt.... Nimm nicht die Vogelmutter samt den Jungen aus dem Nest .... Koche nicht das Böcklein in der Milch seiner Mutter .... sind diese nicht auch Gesetze? Gesetze, von allen aus dem Judentum stammenden Religionen anerkannt und ausgenommen? Sehr richtig, geehrter Herr Rabbiner, alle diese und noch viele viele andere sind ebenfalls Gesetze. - Und doch, welcher Unterschied zwischen ihnen und den Ritualsatzungen. Die Gesetze des ethischen Bewußtseins fließen unmittelbar aus der Religion, sie sind Religion. Wie ich nicht, sagen kann, es schneie, ohne Schneeflocken fallen zu sehen, so kann ich nicht sagen, sich sei religiös, ohne , die Betätigung der religiösen Ethik. Die schier unfaßbare Erscheinung,, daß dem Menschen geradezu gegen seine Natur in der Moral eine eigene Welt sich erschließt, vor der er sich beugt, die er anbetet und verehrt, die er rm heiligen Kampfe gegen seine bloße Natur durchsetzen soll, diese Erscheinung ist ja in allererster Linie Religion. Wie ich an Gott denke, erscheint auch schon vor mir das Ideal des Heiligen, Unerreichten, Vollkommenen, das Ideal der Gerechtigkeit und Liebe. Ethisches Gesetz und Religion sind identisch, sind untrennbar eins. Ebenso unzerreißbar sind Gott und mein Herzensbedürfnis, ihn zu preisen, zu verherrlichen, zu ihm zu beten in Glück wie in Not, ihn zu bekennen, reumütig mein Leben von den Sünden vor ihm zu befreien. . Ritual- und Zeremonialvorschriften dagegen sind von außen kommende Zuflüsse; sie quellen nicht in meinem Herzen gleichsam im selben Atemzuge mit der Religiosität auf, sondern werden dieser von außenher zugetragen. Mit meiner Vorstellung von Gott verbindet sich Liebe, Ehrfurcht, Güte, Wahrheit, aber nicht kaschern und nicht aussalzen. Darum kann nur jener Religion der Name Gesetzesreligion gegeben werden, die äußere, ihr nicht autochthon innewohnende Satzungen in sich ausgenommenhat. Es ist ein Unrecht, sich dagegen zu sträuben, dem Judentum, so wie es jetzt ist, den Namen Gesetzesreligion zu geben. Es verdient den Namen vollinhaltlich. Natürlich auch das Christentum. Denn ob diese von außerhalb des religiösen Innenlebens kommenden Gesetze Glaubens- oder Werkgesetze sind, ob die Zahl der Gesetze eine größere oder geringere ist, ist ganz irrelevant. Jede Religion, die. alte Volksbräuche, alte Glaubensvorstellungen sich angeeignet und gesetzlich festgehalten hat, Bräuche, und Vorstellungen, die unvereinbar sind mit unseren geläuterten Religionsbegriffen, haben wir das Recht, eine Gesetzesreligion zu nennen. Wahre, reine, ungetrübte Religion ist jene, die von diesen Aggregaten frei ist, und wird jene, die die Kraft besitzt, sie, ohne Gefahr sich zu verlieren, auszuscheiden. Eine solche Religion soll uns das Judentum werden: aus der Gesetzesreligion die Religion, mit ihren aus dem religiösen Innenleben entspringenden Herzenssatzungen, an. deren traditionellen Formen wir im Wesen festhalten. Sie werden mir abermals entgegnen, die religiöse Ethik sei nichts Jüdischcharakteristisches, sie sei Allerweltsreligion, aber kein Judentum. O, über diesen verhängnisvollen Irrtum, in dem. noch so viele meiner Stammesbrüder befangen sind. Die Weltanschauung eines Spinoza, eines Kant, die Lehren des Kopernikus, von Newton, Darwin, hört all. das auf ein . Charakteristikum jener Großen zu sein, weil sich die Menschheit zu ihnen bekennt? Sollen Sätze, wie „heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Herr euer Gott" (heviticus 19, 1), „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Leviticus 19, 18),; „Liebe den Fremden wie dich selbst" (heviticus 19, 34), „Liebe den Herrn deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und deinem ganzen Können" (Oeuteronomium 6, 5), „Wie jemand sein Kind züchtigt, züchtigt dich der Herr dein Gott" (Deuteronomium 8, 5) und viele andere ausgehört haben, das Charakteristische an Israels Religion zu sein, weil sie die . Religionssätze der Gesamtmenschheit geworden sind? Müssen wir denn unser Judentum mit eigener Hand entthronen, ihm mit eigener Hand die Krone vom Haupt reißen, indem wir nicht unsere Moral, sondern Bräuche alten Aberglaubens das Charakteristische unserer Religion nennen? Sollen wirklich die da und dort aufgelesenen, übernommenen, dem Geist unserer Religion oft widersprechenden Formen unsere geschichtliche Religion bilden und nicht die gewaltigen Persönlichkeiten

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