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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-26 · Heft 9 (26.2.1909) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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>Me Lrnmrrung des Judentums." Von Rabbiner Dr. Tänzer-Göppingen. or jedem erfreulichen Neugebilde, an jedem wiedergekehrten religiös-festlichen Zeitpunkte spricht der Jude sein »sokebeedejanu" und dankt Gott dafür, daß er ihn diese Neuerscheinung oder das religiöse Fest hatte erleben lassen. Zu einem ähnlichen Dankesspruche fühlt man sich gestimmt angesichts einer obige Überschrift tragenden literarischen Neuerscheinung?) die in jedem religiös treuen, aber freidenkenden Juden festlich begeisterte Empfindungen auszulösen berufen erscheint. ' . Lazarus, der Mitbegründer der Völkerpsychologie, einer der nicht nur hervorragendsten und erfolgreichsten, sondern auch treuesten und begeistertsten Juden, tritt mit einem glutvoll überzeugend geschriebenen „Aufruf" vor die Judenschaft unserer Tage. Rettet den Geist, er stirbt unter Formen Und Formeln! ist der Grundgedanke, der Notschrei, der uns aus jeder Zeile des äußerst fesselnden Buches entgegentönt und der zweifellos in ungezählten treu jüdischen, aber um des Judentums Zukunst mit Recht besorgten Gemütern nachhaltigsten Widerhall finden wird. Sin „Vermächtnis an seine Glaubensgenossen" nennt Lazarus selbst dieses Buch, das seine, um seinen literarischen Nachlaß hochverdiente Witwe, in richtiger Würdigung der heute in Deutschland wieder erstarkten liberaljüdischen Bewegung, nunmehr, nachdem der Verfasser bereits fast sechs Jahre auf dem Meraner Friedhofe ruht, vollständig unverändert nach dem feit nahezu zwei Jahrzehnten druckfertig vorhandenen Manuskripte in sehr dankenswerter Weise der Oeffentlichkeit übergeben hat. Manches, vieles, auch im innerjüdischen Leben der deutschen Juden hat sich geändert, seitdem Lazarus dieses Buch geschrieben hat. Besonders das ethisch-soziale Wirkungsgebiet der Religiosität hat eine nicht genug rühmenswerte Ausgestaltung erfahren. Dennoch aber ist dieser Aufruf heute zeitgemäßer denn je. Was er anstrebt, ist auch heute noch nicht veraltet, ist noch nicht durch die Geschichte überholt worden. Leider nicht. Scheint doch ein eigener Unstern über alle bisherigen und oft von geistigen Führern allerersten Ranges — man braucht nur an Geiger und Philippson zu denken — unternommenen Ausläufe zu einer liberal-geistigen Verjüngung des Judentums zu walten. Begeisterter und begeisternder, als z.B. die beiden eben genannten Heroen des vorigen Jahrhunderts für die Wiederherstellung des ursprünglichen, von späteren, nunmehr veralteten Zutaten befreiten Judentumes eingetreten sind, kann es nicht mehr geschehen. Und doch, über Worte, in Rabbinerversammlungen, Synoden und Tagungen verschiedenster Art laut gewordene oder im Schrifttum geäußerte, ist der liberale Gedanke im wesentlichen nicht hinausgekommen. Die positive, die unerläßliche, klärende — nicht nur aufklärende — die rettende positive Tat steht noch aus. Jene, eine wahre Erlösung für Geist, und Gemüt bringende und zugleich des Judentums Zukunft sichernde Tat, für die Lazarus in diesem Buche die Richtlinien bestimmt. Zunächst aber muß sich der Leser klar sein über einen grundlegenden Umstand im Bilde unserer Tage, den Lazarus nur gelegentlich streift. Wir haben heute volle Klarheit über die vornehmlich in der deutschen Jüdenschäst bestehenden Verschiedenheiten in der Auffassung und Umgrenzung des Religiös- Bindenden. Diese Verschiedenheiten sind grundsätzliche, unüberbrückbare. Stellen wir einmal Programm gegen Programm, i) M. Lazarus, „Die Erneuerung des Judentums." Ein Aufruf. Berlin, Georg Reimer, 1909. sogenannte „Gesetzestreue" gegen sogenannten „Liberalismus". Obzwar ich, offen gestanden, den Ausdruck ,, gesetzestreues Judentum" genau so ungerechtfertigt finde wie den „liberales Judentum". „Formentreu" und „geistestreu" erscheint mir als die weit richtigere, weil den Kern der Sache treffende Bezeichnung. Das „gesetzestreue" Judentum verneint entschieden jedes Recht zu kritischer Untersuchung und Behandlung des gesamten religiösen Schrifttums nach Ursprung und Inhalt, das „liberale" bejaht es ebenso entschieden; das gesetzestreue Judentum betrachtet die Thora als Wort für Wort von Gott geschrieben, das liberale verneint dies; das gesetzestreue Judentum erblickt in dem gesamten, an die Thora-Gesetze mehr oder weniger sich anschließenden halachischen Aufbau durch die ganze Talmud-Periode hindurch bis zu jedem. Paragraphen und jedem Zusatz des Schulchan-Aruch und jeder noch wohltuend im Schoße der Zeiten schlummernden Teschuwah „Gottes mündlich geoffenbarten Kommentar" mit unbedingter, für alle Zeiten geltender, jeder — mit Ausnahme der rein halachischen — Kritik entzogener Bindekraft als Religionsgesetz. Das liberale Judentum betrachtet alles dies als zeitliches, der Kritik und Abänderung unterworfenes Menschenwerk. Diese grundsätzlichen Verschiedenheiten sind meines Erachtens derartig tiefgehende, daß sie nicht nur einerseits jede vermittelnde Konzession, sondern auch jeden Anlaß zu gegenseitiger Anfeindung durchaus ausschließen. Zwei grundverschiedene Richtungen. Eine alte, das ist geistestreue, und eine neuere, das ist die sormentreue oder orthodoxe Richtung. Denn mit der Unwahrheit sollte doch endlich einmal gründlich aufgeräumt werden, als stünde die liberale Richtung als die der Neuerer da. Im Gegenteil, siegreift auf die ursprüngliche, dem religiösen Grundgedanken treuere Zeit' vor Talmud und Zedulobao-Arued zurück, ist somit die tatsächlich ältere. Somit erscheint im gegenseitigen Verhältnis der beiden Lager nur der Boden zu sachlicher Aussprache, über die beiderseitigen .Prinzipien, niemals aber zu Anfeindung oder gar persönlichen getragenen Angriffen gegeben. Die meisten Streitfragen des Tages sind eben nur eine konsequent aus den schon dargelegten grundsätzlichen Verschiedenheiten sich ergebende Folge. Der orthodoxe Jude ist bedingungslos buchstaben- und darum formentreu, der liberale spricht dem Buchstaben seine unbedingte Bindekraft ab und lehnt sich gegen viele Ritualformen auf. Warum dies eigentlich aber? Nur aus Gründen der Lebenserleichterung? Kaum. Die Juden haben oft genug bewiesen und beweisen es, auch im liberalen Lager heute noch, daß sie vor keinem, auch noch so bedeutenden Opfer für ihre Religion zurückschrecken. Etwa aus Assimilationsfreundlichkeit? Das kann gar nicht in> Erwägung gezogen werden. Wer Jude ist, treuen Herzens ist und das Judentum wirklich kennt, der lebt, wirkt, leidet, stirbt, wenn's nottut, für die Erhaltung desJudentums, nicht aber ~ für seine Auflösung. Oder etwa nur aus Prinzipientreue? Weg mit dem ganzen halachischen Aus- und Ausbau, nur weil er von Menschenwerk ist? Nein. Das Prinzip allein darf nicht so ohne weiteres mit den Verpflichtungen der Tradition, Geschichte und Pietät aufräumen. Ein und nur ein einziger Grund bietet dem liberalen Judentum einen zureichenden Rechtstitel: die Religion selbst, deren gehemmte Weiterbildung oder gar Rückentwicklung. Die Verkümmerung, ja oft vollständige Unterdrückung, den der des Gesetzes eigentlichstes Wesen bildende Grundgedanke im Lause der Zeiten durch die aus ihn sich türmenden Vorschriften und Formen gefunden hat. Einmal, vor 15 Jahren etwa, hat M. Wiener dies in einem größeren Werke an den jüdischen Speisegesetzen dargestellt, indem er ihre Entwicklung vom biblischen Ausgangspunkte bis zum Schulchan Aruch verfolgt hat. Lazarus beleuchtet dies nun in geistvoller Weise an den

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