Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 „Auf einem anderen Gebiet steht es, ob der Staat in Fällen der Not Unterstützung gewähren soll, und da bin ich besonders erfreut durch die Erklärung des Herrn Regierungsvertreters, wonach der Fonds zur Unterstützung der Geistlichen aller Bekenntnisse auch für die Geistlichen des jüdischen Kultus nutzbar gemacht w erden soll. Nachdem diese Erklärung abgegeben ist, handelt eS sich für Fälle der Not mehr um einen Streit um Worte als um praktische Erfolge. Wir können zu der Staatsregierung das Vertrauen hegen, daß sie in.Fällen wirklicher Not aushelfen wird, ohne daß wir Gefahr laufen, auf Abwege in bezug auf die Anwendung unserer staatsrechtlichen Einrichtungen zu kommen. Deshalb möchte ich befürworten, daß von der Zusage der Königlichen Staatsregierung ein ausgiebiger Gebrauch gemacht werden möchte." Auch in der Rede des Abgeordneten Dr. Friedeberg findet sich ein Passus, der angesichts der eben geführten Verhandlungen von Bedeutung werden kann: „Wenn der Herr Regierungskommissar gesagt hat, es bestünden gesetzliche Bestimmungen über die Vorbildung der Geistlichen, während sie den jüdischen Geistlichen gegenüber nicht vorhanden seien, so bin ich der Meinung, daß wahrscheinlich auch die jüdischen Gemeinden nichts dagegen haben werden, wenn etwa staatliche Prüfungskommissionen eingerichtet werden, die zu prüfen haben, ob die Geistlichen die Qualifikation besitzen, das geistliche Amt in den jüdischen Kultusgemeinden auszuüben." In jedem Falle sind die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses für uns diesmal viel erfreulicher als die des Reichstages, wo höchstens einmal ein Antisemit, wie Herr Raab, auf die „jüdische Hochfinanz" zu sprechen kommt, wofür er aber vom Abgeordneten Dr. Frank-Mannheim gebührend abgefertigt wurde. Sonst ist von Juden dort nicht die Rede. Wir hoffen auch, daß der Erlaß, über den der Minister des Innern jüngst in der Budgetkommission gesprochen, noch einmal zur Sprache kommen wird. Es fragt sich nämlich, ob nicht ein solcher Erlaß hinsichtlich der Regierungssekretäre besteht, und es wäre wünschenswert, wenn im Plenum des Abgeordnetenhauses die Frage, nach dieser Richtung hin ergänzt, noch einmal an die Regierung gestellt werden würde. * Die orthodoxe Rabbinerkonferenz in Russisch-Polen, über die wir ja verschiedene Berichte gebracht haben, beginnt schon Früchte zu tragen. In den rabbinisch-chassidischen Kreisen haben sich „Sabbothüter- (Ledomre-Lodabos-) Vereine" gebildet, die die Einwohner der jüdischen Stadtteile förmlich terrorisieren. Ihre Mitglieder erscheinen am Freitag nachmittag auf den Straßen, zwingen die Krämer, die Läden zu schließen, und treiben die Straßenhändler fort. Wenn die Händler den Befehlen nicht Folge leisten, dann kommt es vor, daß sie geohrseigt und ihre ärmlichen Warenvorräte in den Straßenschmutz geworfen werden. Außerdem zwingen diese Vereine die Hauseigentümer, jüdischen Mietern, die am Sabbat die Läden offen halten, zu kündigen, oder sie mieten solche Ladelünhaber aus und geben die Läden an Personen, die sich verpflichten, sie am Sabbat nicht zu öffnen. Klagen bei der Behörde gegen dieses Treiben werden zurückgewiesen. Die jüdische „Schwarze Sotnia" wird von der Regierung ebenso beschützt wie die russische und hat sich auch nach diesem erhabenen Muster gebildet. Natürlich hat sich infolge des Terrorismus, den die konservativen Juden durch ihren Verein der „Sabbatwächter" gegen die Kaufleute und Straßenverkäuser ausüben, die am Freitag abend oder Sonnabend ihrer Beschäftigung nachgehen, ein aus der fortschrittlichen Jugend bestehender Selbstschutz gebildet, dessen Mitglieder sich Freitag abend auf die Straßen begeben sollen, um die Kaufleute und Händler vor den Mißhandlungen der Ehassidim zu schützen. Auch soll auf die Hausbesitzer eingewirkt werden, daß sie den Kaufleuten, die am Sonnabend die Läden nicht schließen, nicht kündigen sollen. Wie wenig dieses ganze Treiben mit dem Judentum selbst zu tun hat, das ahnen diese Leute nicht einmal, aber jedoch Führer und Verführer wissen es genau. Diesen ist es jedoch nicht um das Judentum oder um den Sabbat, sondern um ihre Herrschaft über die Geister und die Aufrechterhaltung ihrer Macht in jenen Ländern allein zu tun. Zu den Mitteilungen über die spanischen Juden in der Türkei,, die wir in der vorletzten Nummer abgedruckt, schreibt Herr D. Triesch, ein genauer Kenner von Land und-Leuten, folgendes: Es ist züUächft nicht richtig, daß die zirka 50Q OOO Juden der Türkei, wie Herr Julio Camba annimmt, sämtlich (oder auch nur annähernd alle) Spaniolen seien. Dies trifft allenfalls auf die große Mehrzahl der zirka 200 000 Juden der europäischen Türkei und auf die der kleinasiatischen Westküste (Smyrna usw.) zu. Den Nest der türkischen Judenschaft bilden die sogenannten arabischen Juden Syriens, Arabiens und Mesopotamiens, zusammen etwa 200 000, und die annähernd 100 000 aus Rußland, Rumänien und Galizien eingewanderten Juden. Weiter ist zu berichtigen, daß die „spanischen." Juden längst zum weitaus größten Teil türkffche Untertanen sind. Wir können wohl am besten sagen, daß alle türkische Untertanen waren und nur eine geringe Zahl aus den im Cambaschen Artikel erwähnten Gründen eine andere fremde Staaiszugehörigkeit erworben oder sich verschafft hat. Aus diesem Grunde kann die Verfassung hier keinen erheblichen Wandel schaffen, um so mehr dürfte dies aber im Falle der aus Osteuropa Eingewanderten zutreffen, denn diese haben tatsächlich zum weitaus größten Teil die türkische Staatsangehörigkeit bisher noch nicht erworben. Von „Spaniern oder Vaterland" wird also nicht zu reden sein. Dagegen gibt es andere Juden in der Türkei, die in der Tat ohne Vaterland sind; denn das türkische Bürgerrecht haben sie noch nicht erworben, und von Hause aus hatten sie keines. Das sind die rumänischen Juden, denen ihr Vaterland in offener Verletzung des Berliner Vertrages sowohl wie der Logik das rumänische Bürgerrecht versagt, auch wenn sie seit Generationen im Lande ansässig sind. Aber noch interessanter dürfte es sein, daß Camba zu Unrecht Spanien in der Reihe der Mächte nicht mit aufsührt, die „so klug sind,. Israeliten des Orients mit ihrem Banner zu schützen". In der Tat nämlich hat Spanien jüdische Untertanen in der Türkei. Das sind aber keine spanische, sondern marokkanische Juden.- Letztere stehen auch in Marokko vielfach unter spanischem Schutz, und die aus Marokko nach der Türkei flüchtenden Juden sind ebenfalls zum Teil spanische Schutzbefohlene. Schließlich möchte ich noch, die Bemerkung Cambas betreffs der Unterlassungssünden Spaniens in bezug auf diese einstmals spanischen, jetzt noch eine Art Spanisch sprechenden Juden durch eine Parallele illustrieren. Camba sagt: „Nicht nur um der Gerechtigkeit willen hätte man sich ihrer annehmen, sondern aus praktischen Gründen sich ihrer bedienen müssen" usw. In einem ganz ähnlichen Fall befindet sich Deutschland gegenüber den einstmals deutschen und jetzt noch eine Art Deutsch sprechenden Juden, von denen Zehntausende nach jahrhundertelangem Aufenthalt in Osteuropa sich schließlich nach der Türkei geflüchtet haben. Auch die deutsche Regierung hat bei weitem nicht genug Verständnis für die Tatsache gezeigt, daß durch die Deutsch sprechenden Juden des Orients allen deutschen Unternehmungen eine wertvolle Hilfe erwächst. Tatsächlich haben die deutschen Handels- und Industrie-Interessen, ihre Verkehrs» und Kolonisations-Unternehmungen durch die Anwesenheit eines deutschsprachlichen Judenelements vielfache Förderung und Stärkung erfahren. Es will auch sicher etwas heißen, wenn man in so vielen Städten Asiens durch'das Vorhandensein europäischer Juden sozusagen im deutschen Sprachgebiet bleibt.