Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 8. (WA1>t* ■('lfSlttttl>lttrIl>ftlVf"l> Berlin, 19.Februar 1969. * Vellage zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums". SorrelpondenM und Mschnchtkn. Deutschland. L2 Berlin, 15, Februar. Die Enthüllung des Mendelssohn- Denkmals im Vorgarten der jüdischen Gemeinde-Knabenschule in der Großen Hamburger Straße hat heute vormittag stattgefunden. Voran ging eine Feier in der festlich geschmückten Aula der Anstalt, der der Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde beiwohnten, ferner zahlreiche.Mitglieder der Familie Mendelssohn, als Vertreter der Stadt Berlin Bürgermeister Dr. Reicke, Stadtschulrat Dr. Michaelis, Stadtrat Kalisch, die Stadtverordneten Baürat Herzberg, L. Sachs und andere; ferner die Mitglieder des Denkmalkomitees, die Rabbiner der Gemeinde, der Lehrkörper der Gemeindeschulen und zahlreiche angesehene Mitglieder der Gemeinde. Ein Chorgesang (Psalm 92 von Felix Mendelssohn-Bartholdy) leitete die Feier ein. Dann hielt Geheimrat Professor Dr. L. Geiger die Festrede. Daran anknüpfend, daß heute vor 128 Jahren Gotthold Ephraim Lessing aus dem Leben geschieden sei, kennzeichnete er die Freundschaft dieser beiden Männer von so ganz verschiedener Artung, des jungen deutschen Gelehrten, des Sohnes eines Pfarrers, und des bescheidenen, sich auf sein Gebiet beschränkenden Abkömmlings eines armen gedrückten jüdischen Thorarollenschreibers. Und doch, verband sie innige Harmonie, ja Brüderlichkeit. Moses Mendelssohn bewunderte in Lessing den glänzenden Stern» der am deutschen Literaturhimmel ausgegangen war, Lesstng in dem bescheidenen jüdischen Gelehrten die schlichte Einfachheit, die feste Stetigkeit des Willens, die Tiefe seiner Ideen. Schon dem Freunde Lessings ein Denkmal zu setzen, wäre Pflicht;, aber er verdient es um seiner selbst willen. Als Mensch, als deutscher Schriftsteller und als Jude ist er gleich bewunderungswürdig. Nie blieb er dem Vater die Pietät schuldig. Er war ein ebenso zärtlicher Bräutigam wie Gatte, und es wäre zu wünschen, daß seine Briefe an die Braut und Gattin, dieser herrliche Schatz des Mendelssohnschen Familienarchivs, der breiten Oeffentlichkeit übergeben würden. Treu sorgte er für die Seinen und für seine Mitmenschen, ohne auf Anerkennung zu rechnen. Unbeschadet seiner Treue zum Judentum bemühte er sich, ein guter Deutscher zu sein, und war ein ergebener Sohn seines Vaterlandes; er meisterte die deutsche Sprache in unvergleichlicher Weise. Das zeigen seine kleinen philosophischen Schriften nicht minder als seine großen Werke. Und nicht zum letzten war er ein frommer und guter Jude, der seinen Glauben nicht bloß betätigte, sondern auch verteidigte. Er erschloß seinen Glaubensgenossen deutsche Bildung, er erhob das Hebräische wieder zu einer Kultursprache und flößte ihm neue Gedanken ein. Vor achtzig Jahren pries Zunz Moses Mendelssohn als den leitenden Stern in der Zeiten Nacht. Vor dieser Schule und diesem Seminar, die im Geiste von Moses Mendelssohn geleitet werden, erhebt sich seine Büste den Lehrern zur Erhebung, den Schülern zur Nacheiferung. Sein geistiges Erbe aber gehört der ganzen Welt. Wir sprechen mit David Friedländer, der Mendelssohns Gedanken in die Tat umzusetzen suchte: „In Deinem Schatten laß mich leben." Die Rede machte auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck. Darauf erscholl der Chorgesang „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" (von Beethoven). Justizrat Timendorfer übergab in wärmen und herzlichen Worten, die allgemeinen Beifall fanden, im Aufträge des Komitees den Vertretern der jüdischen Gemeinde das Denkmal, in deren Namen es Sanitätsrat Dr. Stern mit der Versicherung, es schützen und erhalten zu wollen, dankend entgegennahm/ Der Chorgesang des von Felix Mendelssohn-Bartholdy komponierten „Periti autem“ (Es strahlen hell die Gerechten, sie leuchten im Glanz des Herrn) schloß die würdige Feier. An dem Dolomitsockel, der die Bronzebüste Moses Mendelssohns trägt, hatte der Vorsitzende des Denkmalskomitees Moritz Manheim er einen Kranz niedergelegt- Es darf hier nicht 'unerwähnt bleiben, daß diesem ausgezeichneten Manne das Hauptverdienst um das Zustandekommen des Werkes gebührt. Seiner rastlosen Arbeit und Hingabe allein ist es zu danken, daß Berlin heute ein Mendelssohn-Denkmal besitzt. ..Nach der Feier und der Besichtigung des Denkmals, das der Bildhauer Rudolf Marcuse in Bronze gegossen, und das wir bereits beschrieben haben, begaben sich die meisten aus den alten Friedhof, zu dem Grabe Mendelssohns, das mit weißen Rosen und Immergrün .geschmückt war. Die Berliner Gemeinde hatte bereits Im Jahre.1854 die Absicht, Mendelssohn. auf seinem Grabe nahe der südlichen Mauer des alten Friedhofes ein würdiges Denkmal zu errichten. Damals handelte es sich zunächst um die Erneuerung der kleinen zerfallenden Tafel, welche das Grab des Weltweisen bezeichnet, und man begnügte sich auch damals damit, eingedenk seinen allem Prunk, aller Ostentation fernen EeistesrichtuNg. dem Sinne des schlichten Philosophen angemessen, über seinem Grabe nur einen einfachen Denkstein zu errichten. Derselbe trägt oben in hebräischer Schrift und darunter in deutschen Buchstaben nur den Namen „Moses Mendelssohn" ... Sonst keine Bezeichnung für den Träger dieses Namens. Bedarf ihrer? Daß Moses Mendelssohn es war, den Lessing in seinem, unsterblichen Drama als den weisen Nathan verewigt hat> weiß die Welt. Aber nur wenige wissen, daß auch zwei andere Ruhestätten in diesem „Hause der Ewigkeit" Toten aus Mendelssohns Kreise sich befinden, darunter die eines Mannes, der auch Lessing naheftand, und per in feinem Drama „Nathan der Weise" sortlebt, In der Nähe befindet sich der Grabstein seines Schwiegersohns Simon Beiü Ein anderer fast verfallener Sandstein trägt die Inschrift: „Wolfs Rechenmeister, gest. 1778." Er war ein bedeutender Arithmetlker und hat durch seine originelle Persönlichkeit Lessing das Vorbild für den Derwisch in seinem großen, der Duldung und Menschenliebe geweihten Drama geboten . . . Es sei zum Schlüsse noch daran erinnert, daß Moses Mendelssohn auch auf dem Lessing-Denkmal im Tiergarten und an den Reliefs im Berliner Rathause allerdings in bescheidener Art verewigt ist. Mit einem Gefühl aufrichtiger Genugtuung-schieden die Teilnehmer des Festaktes von der Stätte des Todes in dem Bewußtsein, daß der Geist Moses Mendelssohns auch heute noch in unserer Gemeinde und im deutschen Judentum lebt und segenspendend fortwirkt. s. Berlin, 10. Februar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 9. d. M. Herr Justizrat Dr. Fodor Stern einen außerordentlich interessanten Vortrag über „Das Strafrecht in Bibel und Talmud". Mit sicherer Beherrschung des weiten Gebietes führte der Redner seine aufmerksam lauschenden Zuhörer durch das Labyrinth des Talmuds, aus dem er in systematischer Darstellung und mit. geschickter Uebersicht die Stellung der Alten zu den einzelnen Teilen des Strafrechts und der Strafprozeßordnung anschäulich schilderte. Von besonderer Wirkung waren die Vergleiche mit dem Prinzip des modernen Strafrechts und das Resultat,' zu dem der Redner gelangte, daß nämlich die Hümänitätsidee. die das jüdische Strafrecht fast durchweg erfülle, in vielen Beziehungen für die moderne Jurisprudenz ein Muster sein könnte, und daß in weiterer Folge durch die Erschließung des talmudischen Schrifttums und die wachsende Erkenntnis seiner geistigen und sittlichen Bedeutung auch das Interesse und die Begeisterung unserer Jugend für das . Judentum zunehmen werden. Der sehr interessante, Vortrag fand allgemeinen Beifall. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Rixdorf sprach Herr Albert Katz über „Die moderne hebräische Poesie", in Königsberg Frl. M. Bukofzer über den „Berliner Salon", in Memel Dr. Beer mann-Insterburg über „Israel irp Sprichwort der Völker", in Tilsit hielt Frau Kantor Schidorowsky einen Rezitationsabend „Aus jüdischen Dichtungen", in Bereut sprach Dr. Kälter über „Moritz Lazarus", in Schwetz Dr Guttmann-Kulm über „Ein jüdischer Major in Preußen", in Briefen derselbe über „Witz und Humor in der jüdischen Literatur", in Könitz veranstaltete Regisseur Fritz Richard'-Berlin einen' M