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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 96 (sequence 12)
Language
German
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f V In der Tat tönten die schrillen Töne einer dilettänten-- -haften. Sopranistin schon -seit, einer Weile durch 'die Luft, ohne daß er in seiner Erregung es bemerkt .hatte. ' Jetzt -schauderte er.- ' »Ist sie es. die da singt?" Das Mädchen lachte fröhlich. „Sie singen! Nein, neinsie ist nur eine sensitive Empfängerin. Sie empfängt immer —, sie gibt niemals etwas. Sie beutet. ihre Seele in derselbe« Weise aus, wie ihr Mann alle Welt ausbeutet. Es gibt keine Sensation, keine Emotion, die sie sich versagt, es müßte denn eine schmerzliche sein. Es war, um diesem Konzerte zu entrinnendaß sie ihr Ruhebett verlassen und in der ferner von dem Speisesaale abliegenden Kajüte einer Freundin Zuflucht gesucht hat. Sie bemerken, daß der Schall aus dem Speisezimmer gerade hierhin kommt, und sie sagt, daß eine falsche Note genüge, ihr Nervenschmerzen zu verursachen." „Dann kann sie nicht eher zurückkommen, bis das Konzert vorüber ist", sagte er eifrig. „Wollen Sie nicht ein wenig herauskommen und mit im Mondschein spazieren gehen?" - Ohne ein Wort zu sprechen, kam sie mit der Einfachheit eines guten Kameraden zu ihm. „Ja> es ist eine sehr schöne Nacht," sagte sie. „Nun dauert es nicht mehr lange, bis ich in Rußland sein werde." „Geht denn Frau Wildhammer auch nach Rußland?" fragte er, sich selbst darüber wundernd, daß ihm dieser Gedanke nicht schon früher gekommen sei. „Natürlich nicht! Ich bin nur für die Reise von ihr -engagiert. Ich bin gezwungen, mir das Geld für meine Ueberfahrt durch Arbeit zu verdienen, und ich pries daher die gütige Vorsehung dafür, daß Frau Wildhammer am Abend der Abfahrt durch einen Zufall ihres Mädchens beraubt wurde." ' „O", murmelte er befriedigt. Seine rothaarige Muse hatte also nur vorübergehend ihre soziale Stellung verlassen. „Aber", sagte er, „ist das nicht demütigend für Sie gewesen?" -„Demütigend?/ Sie lachte lustig. „Warum sollte es demütigender sein als wie die Maniküre zu betreiben?" „Die Maniküre," wiederholte er entsetzt. . „Gewiß," lachte sie. „Ich habe an der Universität in Bern Medizin studiert und außerdem dort einen sehr gründlichen Hungerkursus absolviert, ich fand aber, daß ich damit allein in Amerika nicht durchkäme und sah mich daher nach einer ergiebigeren Erwerbsquelle um." „Sie sind Aerztin?" unterbrach er sie. „Freilich und deshalb besonders verwendbar als Schisskammermädchen." . Mersrilchr Mitteilungen. — Von der deutschen Bibel unter dem Titel: „Die Heilige Schr.ist, nach dem masoretischen Text neu übersetzt und erklärt nebst einer Einleitung" von Dr^ S. Bernfeld, ist dieser. Tage eine neue Auflage' (3. bis 5. Tausend) bei I. Kauffmann, Frankfurt a. M. erschienen. Das Werk hat somit die ihm gebührende Aufnahme und Verbreitung gefunden. In der neuen Auflage find manche Verbesserungen vorgenommen worden; auch sind einige DruckfehlM, die in früheren Auflagen vorhanden waren, nunmehr entfernt. *Äei ihrem Erscheinen wurde die deutsche Bibel in diesem Blatte von Professor- A. Berliner ausführlich und sehr lob.env'besprochen. Es genügt, jetzt auf öas' Erscheinen der neuen Auflag^hinzuweisen; zweifellos sollte die Bibel, die in würdiger Ausstattung vorliegt, in keiner jüdischen Familie Deutschlands fehlen. Nebst vielen anderen Vorzügen dürfte besonders die treffliche Einleitung zum ganzen biblischen Schrifttum und zu jedem einzelnen Buch diese deutsche Bibel aufs beste empfehlen. Sprechtag!. Herr Redakteur! ^u der Darstellung der jüdischen Geschichte Siziliens,' welche Herr Dr. Ochser in Nr. 2 Ihres geschätzten Blattes gab, dürften einige Ergänzungen nicht unwillkommen sein. Der Niedergang der vereinigten Königreiche Neapel und Sizilien unter der Herrschaft der spanischen Bourbonen ließ wiederholt den Wunsch aufkommen, durch Niederlassung der Juden dem verarmten Lande aufzuhelfen, wie das ja auch im spanischen Mutterlande gelegentlich der Fall war. Im Jahre 1625 erließ Karl II. von Sizilien ein Gesetz, welches den Juden erlaubte, in dem jetzt so hart mitgenommenen Messina Handel zu treiben, doch durften sie sich daselbst nicht dauernd niederlassen. Im Jahre 1728 wird ihnen freie Niederlassung nebst Religions- und Handelsfreiheit gewährt, doch scheint niemand von der Erlaubnis Gebrauch gemacht zu haben. Endlich erließ der liberale Minister Tanucci, der für den minderjährigen Karl III. die Regierung führte, am 3. Februar 1740 das von Herrn Dr. Ochser erwähnte Gesetz, welches den Juden völlig freie Niederlassung gewährte. Diese Maßregel stieß aber auf heftigen Widerstand seitens der Kurie. Tanucci wollte das kanonische Gesetz, welches den Juden das Tragen von Abzeichen befahl. außer Kraft gesetzt wissen. In seiner Eingabe an den Papst weist er darauf hin, daß das milde Klima und der Hang zum Nichtstun die Bevölkerung Neapels fast immer auf der Straße halte,, und daß infolgedessen die Juden durch Abzeichen kenntlich gemacht, sich den Insulten der Bevölkerung ausfetzen' würden. Der Papst sprach aber sein „non possumus“, und die Ansiedlung der Juden gelang nicht. Die wenigen, die dem Rufe gefolgt, waren, wurden 1747 wieder ausgewiesen. Später dürfte die Verheiratung des Königs mit der österreichischen Erzherzogin Karolina, der bigotten Tochter der bigotten und judenfeindlichen Maria Theresia, deren Einfluß zur. Entlassung Tanuccis führte, dazu beigetragen haben, das Projekt der Wiederansiedlung der Juden in dem während des Mittelalters von blühenden Gemeinden erfüllten Lande definitiv begraben haben. Erst die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen das Königreich beider Sizilien nach dem Wiener Kongreß zu kämpfen hatte, brachten eine neue Niederlassung in Neapel. Diese ist, soweit ich weiß, die einzige jüdische Gemeinde auf dem Boden des früheren Königreiches beider Sizilien geblieben, obwohl seit dessen Einverleibung in das Königreich Italien, 1861, ein gesetzliches Hindernis ihrer Ansiedlung nicht im Wege steht. Eine Ausnahme bildete ein vor fast vier Jahren unternommener Versuch, eine Gemeinde in Lecce zu bilden. Dort versammelte am Roschhaschana 1905 ein jüdischer Regierungsbeamter die Glaubensgenossen, deren Namen er in Erfahrung bringen konnte, zu einem Gottesdienste, der, wie es scheint, der letzte geblieben ist,-wie er der erste seit der Vertreibung im Jahre 1492 war. Die Quellen dieser Notizen -sind im Album del V4ssillo, p. .72, Turin, 1903, im Vessillo Israelitico, 1905, p. .522 bis 524, 1906, 715 bis 718 und im Hebrew Standard, /leto York, 2. Februar 1906 zu finden. Eine deutsche Ausgabe des „Manifest Sr. kgl. Majestät von beyder Sizilien.... wegen Aufnahme der jüdischen Nation vom 3. Februar 1740", Leipzig, 1740, ist in dem antiquarischen. Katalog der Firma Lamm in Berlin, Nr. 8. verzeichnet. Cincinnati, Januar 1909. Ergebenst Gotthard Deutsch. Drück und VerlaS von Rudolf Mofse.in Berlin. - Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz-in Berlin: -W-.

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