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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
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murmelte er, und wütend den Klavierdeckel zuwersend, verließ er rasch die Gesellschaft dieseranmaßenden Eindringlinge, die es gewagt hatten, des Künstlers Alleinsein zu stören. ykber der darauffolgende Nachmittag fand ihn wieder vor dem Klavier, und er gab. sein Bestes, um diese ihm so verächtlichen Christen zu entzücken. Er spielte Beethoven und Bach, Paradies und Tschaikowski für sich, er enthüllte ihnen die reichen Schätze seiner Kunst und seines Gedächtnisses. Und siehe! die christlichen Ratten schlichen sich wieder von allen Seiten herzu, nur leiser noch und vorsichtiger. Sie kamen' von allen Teilen des Schiffes. Man flüsterte Neuangekommenen warnend zu, daß sie sich nicht Hinreißen lassen sollten, zu applaudiren. Vergebens! Ein entzückter Grünschnabel rief sogar: „Encore“. Da erwachte der Musiker aus seiner Ekstase, und blickte träumerisch auf seine Zuhörer, und als komme es ihm'erstallmählich zum Bewußtsein, daß er vor .einem Publikum gespielt habe, stand er rasch auf — aber diesmal mehr traurig als ärgerlich — und schritt hochmütig durch den Saal und die von Menschen erfüllte Treppe hinauf. Man war in Zukunft vorsichtiger; man stellte Wachen an den Türen auf, um allen Passagieren mitzuteilen, daß der große Unbekannte nur dann spielen würde, wenn er sich allein und ungestört glaube. Sobald aber der Künstler sich nachmittags in den , leeren Speisesaal begab, verbreitete sich die Kunde davon mit Blitzesschnelle unter der kleinen Armee der Musikfreunde. Leise, ganz leise wie Natten, auf unhörbaren Sohlen schlichen sie heran, ließen sich lautlos auf den Stühlen nieder, standen in den offenen Türen, spitzten die Ohren in den Korridoren. .Durch die andachtsvolle, lautlose Stille ertönte dann des Meisters wunderbare Musik; er spielte in seligem Selbstvergessen, bis der Tag sich neigte und die Stewards mit dem Tee erschienen. „Nein,"'seufzte'er, sich selbst verspottend. „Erst wenn ich wieder auf festem Lande bin, werde ich es versuchen, eine Meersymphonie zu komponieren." Endlich schlief er dennoch ein, aber nur, um sich in wilden Träumen mit einer jüdischen Jeanne d'Arc herumzuschlagen, die Admiral geworden und Zion von ihrem. Kriegsschiff aus zurückerobert hatte, während sein längst gestorbener Großvater Psalmen sang.. Obgleich er sie am anderen Tage nicht sah und im Grunde froh darüber war, der Kammerjungfer nicht in dem unromantischen Tageslicht begegnen zu müssen, so konnte er doch keine rechte Ruhe finden. Die Bitterkeit, die alles war, was er von Amerika mitgebracht hatte, schien freilich vergessen zu sein, aber der durch das junge Mädchen angeregte Gedankengang beschäftigte ihn unablässig. Rastlos überall umherwandernd geriet er am Nachmittage in den nach dem Mittagessen ganz verlassenen Speisesaal. und da seine fieberhafte Erregung einen Ausweg suchte, setzte er sich an das Klavier und sing an zu spielen. Der innere Sturm wollte sich immes noch nicht legen, und neue Gedanken rankten sich um die alte Musik. Er spielte Schumanns Fantasiestück: „In der Nacht", aber durch die stürmische Leidenschaft dieser Komposition träumte er immer nur von dem roten Haare der heroischen Jüdin. Aus den klagenden, fragenden Tönen von „Warum?" vernahm er nicht die Welt: sondern die Judenfrage — diese alte, nicht gelöste Judensrage, die bald in diesem,' bald in jenem Teile der Welt.auftaucht, wie Schumanns Thema auf allen Tasten des Klaviers, wie genau mit denselben'Notenaber immer dies selbe klagende, fragende Thema, dies bedeutungsvolle „Warum?" Warum, o warum dieses ewige Leid, dies Wandern mit müden Sohlen, dies wurzellose Leben, dieser ewige Fluch? Plötzlich merkte:er, daß er nicht mehr Allein sei, obgleich es nicht. Essenszeit war, saßen überall Gestalten auf den vor den Tischen feststehenden Stühlen. . Er spielte ruhig weiter und, einen raschen Blick um sich werfend, bemerkte er mit bitterer Befriedigung, wie immer mehr seiner Mitpassagiere sich leise heranschlichen, wie selbst die Treppe, voller Menschen stand die alle, ohne sich zu regen, andachtsvoll seinem Spiele.lauschten. Je größer. aber Rozenoffski^s Publikum wurde, um. so größer wurde sein Haß/ gegen diese selbstsüchtigen Christen, die so viel von dem Juden empfingen und ihm nichts dafür gaben. „Shylocks," murmelte er. zwischen den aufeinander gepreßten Zähnen, während er spielte, „Shylocks seid ihr alle mit einander." . Mit derselben Regelmäßigkeit schritt Rozenoffski abends über das stille Verdeck auf und nieder in der Hoffnung, der . rothaarigen Jüdin noch einmal zu begegnen. Er hatte den Schrecken darüber, daß sie in dienender Stellung sei, bald genug überwunden, ja, das Paradoxe ihrer Stellung in einem antisemitischen Hause erhöhte noch das Interesse,' das er für sie empfand. Er hatte gar zu. gern wissen mögenob sie seinem Spiele zuhöre und ob sie eine Ahnung davon gehabt, daß er ein Künstler sei. - Aber drei Abende gingen vorüber, ohne daß es ihm gelang sie zu sehen. Ihre Herrin ward eben so wenig sichtbar. Die Wildhammers hielten sich mit vornehmer Zurückhaltung in der für sie mit fürstlicher Pracht hergerichteten Zimmerreihe, und nur der Mann ließ sich zuweilen herab, in dem Rauchzimmer zu erscheinen,- wo er mit dem den Reichen eigentümlichen Glück in allen Glückspielen gewann. Erstam vorletzten Abend der Reise gelang es Rozenoffskiseine rothaarige Muse wieder zu erblicken. Er hätte heute, viel früher wie sonst seine Abendpromenade begonnen, denn an diesem Abende wurde das unvermeidliche Konzert zum Besten armer Marineangehöriger gegeben, und das Deck hatte sich daher heute viel früher -wie sonst geleert. Natürlich hatte die Dame, die das Arrangement des Konzertes übernommen, eine stramme Schauspielerin aus „Frisco" es nicht unterlassen, ihn mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit zu bitten, .ebenfalls etwas zur Verherrlichung des Abends beizutragen, aber er hatte sie mit den ihr unverständlichen spöttischen'Worten: „Um andere große Künstler kennen zulernen," schnöde und unerbittlich abgewiesen. Sein Lohn' dafür war, daß - er nun das Deck und den Sternenhimmel darüber fast für sich ganz allein hatte, und jetzt entdeckte er plötzlich, daß selbst die Sterne durch eines Mädchens Goldhaar verdunkelt wurden. Ja, dort war sie, sie blickte nachdenklich durch das Fenster ihrer Kajüte. Er erriet, daß ihre Herrin nicht da war — wahrscheinlich war sie in dem Konzerte. Sein Herz schlug stürmisch, als er vor ihr. stehen blieb, aber in Erinnerung daran, daß : sie nur ein Kammermädchen sei, nahm seine Stimme einen gewissen herablassenden Klang an. »Ich hoffe, daß Frau Wildhammer Sie in nicht zu strenger Klausur gehalten hat," sagte er. Sie lächelte, matt. „Nicht so streng, wie. Neptun sie gehalten." „War sie seekrank?" fragte er mit einer fast boshaften'Befriedigung. .. „Es. ist höchst merkwürdig und . gewissermaßen tröstlich, zu beobachten, wie selbst die Macht der Krösusse nur eine sehr, beschränkte, ist", antwortete sie.. ,-Aber sie ist glücklich — sie ist gerade zur rechten Zeit wieder gesuyd geworden." „Zu rechter Zeit für was?". ... . „Nun, hören Sie denn nicht?"

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