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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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' ' Im Schlosse von Winzingen, dessen Reste heute unter dem .Namen des Haardter Schloßes bekannt sindlebte im Jahre : 1580 ein junges H ofkammerfräulein namens Mathilde Steipele, -äs wegen chrer Schönheit und - ihrer Sittsamkeit sich allgemeiner Achtung und Beliebtheit erfreute. Sie wurde späterhin mit Paul Engelhardt, dem Sohne des Besitzers..eines-auf der von Müßbach nach Diebesheim führenden Straße gelegenen, sogenannten „Gutleutehauses" verlobt, Ein „Gutleutehaus" war ein Wirtshaus, in dem wohlhabende Leutegegen gute Bezahlung, arme Wanderer aber umsonst Unterkunft fanden. Unser Schenkwirt hatte sich bald nach sehr ärmlichem Anfänge zu einem ansehnlichen Wohlstände emporgeschwungen. Da weder seine Beschäftigung, noch seine Abstammung in Ehren stand, kümmerte man sich wenig um ihn, noch um seine Familie und fragte auch nicht, aus welche Weise er sich in so kürzer Zeit sosehr bereichert hatte. Um so erstaunter war alle Welt, als es stadtkundig wurde, daß sich der einzige Sohn des Engelhardtschen Ehepaares mit dem Hofkammerfräulein Mathilde Steipele verlobt habe. Eines Abends, einige Tage vor dem Feste des Schutzpatrons von Müßbach, ließ die Braut ihrem Verlobten sagen, daß sie ihn in der Nacht unter der Kirchenhalle erwarten werde. Da dieser aber zur festgesetzten Stunde nicht erschien, begab sich Mathilde, von trüben Ahnungen verfolgt, zum Wirtshaus. Daselbst waren etwa eine Stunde zuvor zwei Männer vor dem Tor angelangt. Der eine setzte, nachdem er seinem Reisegefährten einige . Erörterungen gemacht hatte, seine Reise fort, während der andere in die große Wirtsstube trat und sich an das Ende eines Tisches setzte. Es war dies ein Mann in vorgeschrittenem Alter, der einen Hut trug, wie er bei den Juden in jener Zeit üblich war. Der alte Engelhardt näherte sich ihm alsbald und, nachdem er ihn genau beobachtet hatte, bemerkte er, daß ferne Leibbinde mit Geld völlgefüllt sei. „Was wünschen Sie?" fragte er den Greis. „Einen Schoppen Wein und ein Bett," erwiderte dieser. „Sie sollen beides haben," gab Engelhardt-zurück, indem er einen sonderbaren Blick auf ihn warf. Nachdem der alte Jude den bestellten. Wein bekommen, hatte, zog er ein Päckchen aus der Tasche, entnahm ihm zwei harte Eier, und ein Gebetbuch, aus dem er mit nach Osten > gewendetem Gesichte einige Seiten halblaut herablas. Erst - dann nahm er sein bescheidenes Abendbrot zu sich. Ohne mit jemand zu sprechen, verblieb er in trauriger. Stimmung und in ernstem Nachdenken noch eine Zeit in der Wirtsstube. Nach neun Uhr am Abend führte Engelhardt seine Gäste in die ihnen bestimmten Zimmer. Inzwischen war Mathilde Steipele vor dem Wirtshause auf- und niedergegangen; da ihr Bräutigam sich jedoch nicht zeigte, ward sie ungeduldig und ging in den Hof des Wirtshauses; daselbst waren die Lichter bereits ausgelöscht. So schritt Mathilde denn der Wohnung der Engelhardts zu. Da ' nahm sie plötzlich vom Keller her einen hin und herschweifenden Lichtschimmer wahr und hörte zugleich die Stimme des alten Engelhardt, der seinem Sohne zurief: „So komm doch, Paul, Der alte Jude ist aus dem Wege geräumt. Ich Hab" ihm die Kehle abgeschnitten. Bring" rasch eine Schaufel und eine Hacke, damit wir ihn im Keller verscharren. "Der Kerl hatte mehr als 1000 Gulden in seinem Gürtel. Ich hoffedaß Du nicht mit leeren . Händen an . dem Tage erscheinen wirst, an dem Du die kleine Schwäbin aus dem Schlosse heimführen sollst." Einer Ohnmacht nahe raffte MäthildeälleihreKräste zusammen und lief in das Schloß von Winzingen zurück, wo. sie, kaum daß sie angelängt war, ohnmächtig niederstürzte. Man labte -sie, bis, sie wieder zu sich kam. Nachdem sie. sich erholt hatte, erzählte sie, was sie gehört hatte. Sofort wurde ein Schlößdiener nach Neustadt abgeschickt, um die Behörde von dem Verbrechen zu verständigen. Noch in derselben Nacht erschien eine Gerichtskommission im „Guteleuthaus", in dessen Keller sie tatsächlich in einer etwa drei Fuß tiefen Grübe den Leichnam des ermordeten Juden fand. Während der Untersuchung brachte man noch zwei andere menschliche Skelette zutage. . Sofort wurde den Engelhardts der Prozeß gemacht; der Vater wurde zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Sohn, dessen Schuld nicht genau festgestellt werden konnte, wurde mit lebenslänglicher Kerkerhaft bestraft. Von dieser Zeit ging es mit dem. „Guteleütehaus" immer mehr abwärts. Zu Beginn des dreißigjährigen Krieges war es ganz eingegangen. Dies - ist in Kürze die Geschichte des „Verbrechens von Müßbach", die, wie man sieht, in sehr vielen Punkten der vom „Polnischen Juden" gleicht. Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. . Die Mietlinge. III. Mitternacht erhob sich ein sehr starker Wind, und Rozenoffski, der aus seinem Lager hin und her geworfen wurde, fluchte seinem Begegnen mit der rothaarigen Romantikerin,, das ihn so aufgeregt hatte, daß er unfähig war, einzuschlafen, so lange das Meer noch stille war. Nicht, daß er wirklich seekrank gewesen wäre, aber er fürchtete, es zu werden. Das aus allen Kajüten ertönende Seufzen und Klagen seiner Mitpassagiere stimmte ihn gleichfalls melancholisch. Er konnte, den Gedanken nicht los werden, daß es sein Schicksal sei, elend zu ertrinken. Von Zeit zu Zeit versuchte er es, seine Gedanken zu sammln und das Stöhnen des Meeres, das Heulen des Windes zu einer Komposition zu verwerten. Aber dieser Versuch mißglückte vollkommen. So waren sie doch endlich zu ihm gekommen, diese arroganten Amerikaner, sie kamen wie die Ratten, die den. Tönen des Fiedlers folgten. Er konnte, sobald er wollte, diese hochmütigen Heiden .herbeilocken, indem er seine Finger mit magischem Drucke über die Elfenbeintasten gleiten ließ. Und siehe, es kamen ihrer immer mehr! Ein rascher, unbemerkter Blick überzeugte ihn davon, daß selbst die Korridore gedrängt voller Menschen standen, die, wie. durch einen Zauber gebannt, aufmerksam durch die geöffnete Türe horchten. Mit einer energischen- Anstrengung schüttelte er die melancholische Stimmung von sich ab und begann Scarlattis große Sonate in A-dur zu spielen. Seine Finger rasten wie toll über die Tasten und führten das große Bravourstück mit vollendeter Technik aus. Als er jetzt aufhörte, erhob sich ein wahrer Beifallssturm, ein lang andauernder begeisterter Applaus. Der Künstler blickte um sich, als ob er ganz verblüfft sei, er schüttelte, seine Löwenmähne in gut gespielter, Ueberraschung. War er denn nicht allein? „Gott im Himmel!"

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