Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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25. Wiederkehr des Tages, andem-Fräulein Anna Reich in den^ Dienst der Anstalt ' getreten war, in würdiger Weise gefeiert. 1901 ließen uns Herr Siegmund Jacobi aus Berlin und dessen Gattin anläßlich ihrer silbernen Hochzeit eine schöne Turnhalle bauen. Im Oktober 1904 feierte Direktor Reich mit seiner Gattin die silberne Hochzeit. Auch diese Feier gestaltete sich zu einer Anstältsfeier. Das sind einige wichtige Daten aus der Geschichte der Anstalt. "Das Lehrerkollegium besteht gegenwärtig außer dem Direktor aus drei Lehrerm und zwei Lehrerinnen. Die Kinder werden in fünf äufsteigenden Klassen unterrichtet. Die Schulzeit ist auf acht Jahre bemessen. Von den 48 Schülern sind nur vier Schulgänger, die übrigen sind im Internat. Der Etat der Anstalt beläuft sich auf ungefähr 50 000 Mark. Ein großer Teil dieser Summe wird durch Beiträge der Mitglieder des Vereins „Freunde der Taubstummen" aufgebracht. Der Minimalbeitrag beträgt 3 Mark pro Jahr. Vorsitzender ist seit 1900 Geh. Sanitätsrat Dr. Boas. Die israelitische Taubstummen-Anstalt ist zwar in jeder Beziehung ihrem Zwecke entsprechend eingerichtet, bietet aber nur 40 Zöglingen Raum. Es ist deshalb schon seit langem ein Anbau geplant. Hoffentlich gelangt dieser Plan in dem neuen Jahre, dem -Jubiläumsjahre des Vereins, zur Ausführung, damit die Anstalt, ihrer Bestimmung gemäß einst allen bedürftigen jüdischen taubstummen Kindern \ die Unterrichts- und Erziehungsstätte sein kann. \ J Gedanken eines Laien über dasIudentum. Veröffentlicht von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. VIII. Wohin? habe Ihnen, geehrtem Herr Rabbiner, meine ganze Seele enthüllt, Ihnen, alles gesagt, was mein Herz bewegt, ohne nach rechts oder nach links zu schauen. Gestatten Sie mir, das alles in Kürze zu rekapitulieren, so wie ich.es mir als Endergebnis vorstelle. ‘ Ich denke mir, ich -lebte in Berlin, dieser Metropole auch des jüdisch-geistigen Lebens, und eine Gruppe junger Juden käme zu mir und sie sprächen: „Herr, wir haben ihre „Gedanken" gelesen; Sie haben uns aus der Seele gesprochenunsere-Ideen und Ideale decken sich mit den Ihrigen vollständig. Das alte Judentum ist uns fremd geworden, das Christentum i st uns fremd, doch. nach, Religion sehnen sich unsere-Herzen und so wie S ie das Judentum neu bauen wollen, wäre es urtser JudeNtuM.ÄNseve Religion. Kommen Sie, bilden wir eine Gemeinde in Ihrem und unserem Sinne, seien Sie unser Führer! Wir wollen auch weiter der Muttergemeinde angehören, aber ein Gotteshaus wollen wir uns bauen für unsere Andacht, wohin wir alle zu kommen ein- -aden, die von jener Religion erfüllt sind,' die uns beseelt." Wie würde es in einer solchen Gemeinde aussehen? wie wäre es um eine solche bestellt und wie stünde es um das religiöse ^eben, um das Judentum dieser Männer und Frauen? Ich >enke, jedenfalls besser als es heute um diese steht, und das -oäre schon etwas, wäre viel. Schont daß diese Männer und Frauen freudig Juden wären, daß sie mit Stolz sagen könnten, 'ie geläuterteste Religion unter den Religionen zu besitzen, ine Religion, die nicht in der Kirche anders aussieht als zu Hause, nicht offiziell anders sich kleidet als nn privaten Kreise, nicht nach außen sich anders gibt als in der Seele, im Herzen, schon das wäre der größte Erfolg, der höchste Lohn unseres Strebens. - In Nächstenliebe und werktätiger Religiosität, in der Gottesausfassung und in der Vorstellung vom Einssein mit Gott auf dem alten philosophischen Judentums sich aufbauend, wäre das neue Judentum nur ein in Sit t e u n d V r au ch e u r o p äi sch, in G e d a nk e n u n d I d e al e n erhallen gewordenes Judentum. Um die Woche der schweren, harten Arbeit webt der häusliche Gottesdienst mit seinen kurzen innigen Gebeten, mitseinem Gottvertrauen und sittlichem Bewußtsein einen goldenen Schimmer. Die Sabbatweihe des Freitag abends mit ihren Psalmen und Gesängen, mit ihrem Lichtzauber und ihrer Segenssülle bringt Ruhe und Frieden, Freude und Seelenkrast - in die Herzen des Alters und der Jugend. Erhebender Gottesdienst, Belehrung und Erbauung in der Synagoge am Sabbat, oder, wo es notwendig erscheint, am Sonntag, ergänzt die Sabbatweihe der Familie. Andächtig und würdig sitzen Männer und Frauen nebeneinander im Gotteshause, die Männer ohne Kopfbedeckung, die Frauen ohne Prunk, einfach und schlicht, beteiligen sich an dem Gemeindegesang, verrichten ihre kurze, sie innerlichst ergreifende Andacht und lauschen den Worten der Lehre, die ihr Meister oder einer der Begeisterten aus ihrer Mitte ihnen kündet. Die vier großen Festezugleich historische Dankseiertage Israels, wie das Neujahr desreligiösen Innenlebens - und der Versöhnüngstag vervollständigen die Erhebung zu Gott, die dem Menschen Halt und Stütze gibt im Gewirr und Getriebe des Daseins. Die vornehmen,' edlen Bräuche, die Eheschließung und Familientraüer verinnerlichender Bund Abrahams als Stammesbrauch dem Willen des einzelnen überlassen, die - endgültige Beseitigung sämtlicher Speisegesetze und aller Vorschriften, die von diesen ausgegangen sind, bewirken, daß nichts in unserem religiösen Leben ist, das uns abstoßen, uns zu Widerspruch anregen, uns gar lächeln lassen könnte über sinnlose Reliquien, zwecklose Reste veralteter Anschauung und hohlen Aberglaubens. Mit einem Worte: das Judentum ist keine Gesetzesreligion mehr, sondern nur Religion.; Gewiß, eine ungeheure Wandlung!- Ich leugne nicht, daß ich damit Jahrtausende alte Prinzipien über den Haufen werfe; ich leugne nicht die Berechtigung der Frage, ob das Judentum dieser Umwälzung standhalten könne, ob die Grundpfeiler kräftig genug sind, die weitgewordene Halle ohne diese vermeintlichen Stützsäülen zu tragen! Geht mit dem Schulchan aruch, das heißt mit dem ihm innewohnenden Prinzip, nicht auch das ganze Judentum, unsere ganze Religion zugrunde? Ich verdiente, geehrter Herr Rabbinerden Fluch aller Generationen, den Fluch unserer Geschichte, wollte ich leichtfertig -über diese Frage hinweggehen. Darum sei sie nochmals und abermals eingehend, geprüft. - ' ' Wie die israelitische Gesetzesreligion entstanden, wie sie sich bis zu dem in den Religionsschriften eingenommenen- Umfang entwickelt hat, glaube ich Ihnen schon, geehrter Herr Rabbirter, in dem Kapitel über die Speisegesetze auseinandergesetzt zu haben. Als die Israeliten ihrer politischen und' gesellschaftlichen Verfassung entsprechend in Gott den ob erst en König, Vater und Geb ie 1er zu verehren und - anzubeten begannen, wurde dieser Gott zugleich Gesetzgeber. In diesem Stadium der Entwicklung wurden alle schon lange vorhandenen religiösen Volksbräüche, wie auch düs ganze Rechtsleben ' damals die Ethik des Volkes — zu göttlich en Gesetzen/