Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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ilrselitilchr Tsubltummrnsnltslt Von I. Kolodzinsky. ^ie Anstalt besteht schon seit 1873; bis 1890 war sie in Fürstenwalde an der Spree. Sie wurde von dem jetzigen Direktor M. Reich begründet. Dieser hatte sich unter der Leitung des verstorbenen Direktors Reimer in den Jahren 1871—1873 in der Königlichen Taubstummenanstalt zu Berlin zum Taubstümmenlehrer ausgebildet. Eines Tages wurde Reich eine Privatstunde zugewiesen. Es handelte sich um den Unterricht des taubstummen Sohnes eines wohlhabenden Berliner Israeliten Namens Dr. Ginsberg. Dieser Privatschüler Adolf Ginsberg war der erste, der Reich in seinem Vorhaben, eine israelitische Taubstummenanstalt zu gründen, unterstützte. Nachdem Reich auf einer Reise nach Wien die dortige als Musterinstitut bekannte israelitische Taubstummenanstalt kennen gelernt hatte, führte er seinen Plan, ein derartiges Institut auch für Deutschland ins Leben zu rufen, aus. Mit folgendem Aufruf wandte er sich im Januar 1873 an die Glaubensgenossen in Deutschland: „Das traurige Geschick, in welchem Taubstumme zu bleiben verurteiltsind, wenn nicht einigermaßen die Erziehung dasselbe mildert, bewegt den Unterzeichneten, eine Anstalt für jüdische arme taubstumme Kinder zu gründen. Leider ist es mir versagt, dieselbe aus eigenen Mitteln zu erhalten. Ich wende mich deshalb an hochsinnige Menschen, deren Herz auch für jene bemitleidenswerten Wesen schlägt mit der eindringlichen Bitte, dem Unternehmen ihre. Unterstützung schnell angedeihen zu lassen. Dasselbe wird noch in diesem Jahre ins Leben treten, fünf arme Kinder werden vorläufig ausgenommen und verpflegt werden, und solange im Sprechen, in der Unterhaltung mit Hörenden, in Schulkenntnissen und Fertigkeiten Unterricht erhalten, bis ihre Brauchbarkeit für das Leben dargetan ist . °. . Es gilt sinnige, aufmerksam beobachtende, für jede erwiesene Freundlichkeit außerordentlich dankbare und strebsame Geschöpfe zu brauchbaren Gliedern der Gesellschaft heranzubilden. Ihre Zahl ist leider sehr groß, und deswegen tut schleunige Hilfe not, weil bisher nur wenig zu ihrer Ausbildung getan ist. Besonders vernachlässigt sind die unter den Juden so zahlreich vorhandenen Unglücklichen in Deutschland, wenn, was notwendig ist, von der jüdischen Taubstummenanstalt in Wien abgesehen wird. Nach allgemein anerkannter statistischer Ermittlung befindet sich je ein Taubstummer unter 675 Juden, 2173 Protestanten, 3179 Katholiken, das heißt es gibt verhältnismäßig viermal soviele Taubstumme unter den Juden als unter den Christen. Unter den 35 000 Juden Berlins sind 54 Taubstumme, von denen Ich noch bildungsfähig sind. Nach den letzten statistischen Berichten leben in Deutschland überhaupt 26 7OO Taubstumme, von denen aber nur 2080 wirklich unterrichtet werden. Muß aus diesen Angaben nicht einem Juden die Ueberzeugung sich ausdrängen, daß wir hier einen wirklichen Notstand haben?.. I Deshalb beabsichtige ich, ein jüdisches Institut zu errichten. Zu seiner Unterhaltung dürften 16OO Taler jährlich genügen. Ich vertraue auf den menschenliebenden Sinn meiner edlen Mitbürger, daß' sie mich nicht mit meinen Zöglingen dem Elende anheim fallen lassen werden. In der hiesigen Stadt (Fürstenwalde) oder noch besser in ihrer Nähe ist wohl der geeignetste Platz einer solchen Anstalt, weil 'hier dem Taubstummen eine reiche Mannigfaltigkeit von Dingen.sich darbietet, die sein Anschauungsvermögen erfahrungsmäßig im hohen Grade fördern und ihm später die. Wahl einer seiner Natur entsprechenden Berufstätigkeit erleichtern. . Meine pädagogische Vergangenheit steht mit meiner Absicht in Einklang. Es handelt sich nicht etwa um die Existenzfrage eines einzelnen. Aber für den erhabenen Zweck kann ich nicht mehr einsetzen, und weniger soll es nicht sein, als meine ganze Kraft, mein, ganzes Leben.— M. Reich." Und schon im Juli desHahres 1873 wurdedieüsraelitische Taubstummenanstalt zu Fürstenwalde eröffnet. . Der .Aufruf hatte Erfolg. Das Institut wurdet von edlen Menschenfreunden unterstützt. Doch die Mittel reichten nicht aus, alle die jüdischen armen Kinder, die alljährlich zur Aufnahme angemeldet wurden, äufzunehmen. Im Jahre 1875 berief Reich seine Schwester Fräulein Anna Reich als Erzieherin an die. Anstalt, in welcher Eigenschaft sie noch heute tätig ist. Drei Jahre befand sich das Institut auf einem kleinen Grundstücke in der Eisenbahnstraße zu Fürstenwalde. 1876. wurde ein etwas geräumigeres Haus in der alten Neuendorferstraßebezogen. Im Kultusministerium war damals Geheimer Regierungsrat Sägert, der selbst Taubstummenlehrer und später Direktor der Königlichen Taubstummenanstalt war, Dezernent für das Taubstummenbildungswesen in Preußen. Mit Direktor Reich persönlich bekannt, interessierte er sich für die Anstalt in hohem Grade. In einem Aufruf vom Jahre 1878, 'der vom Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes unterzeichnet ist, finden wir neben Namen einflußreicher Männer, die dem Institute ihrerseits Förderung angedeihen lassen wollten, Sägerts Namen att erster Stelle. , ' . Im Jahre 1879 führte Reich seine Gattin heim. Auch sie widmete sich den taubstummen Kindern mit großem Eifer. Die kleine Anstalt gedieh prächtig. Die Zahl, der Zöglinge nahm alle Jahr zu. . Anfang der achtziger Jahre war trotzdem das Fortbestehen der Anstalt in Frage gestellt. Denn kurz hintereinander waren mehrere einflußreiche Gönner und Freunde des Instituts gestorben, so unter anderen der schon genannte taubstumme Adolf Ginsberg (er war Maler), der auf einer Studienreise in Italien bei dem Erdbeben auf Jschia 1883 verschüttet wurde. Da gründete Direktor Reich im Jahre 1884, also vor nunmehr 25 Jahren,' den Verein „Freunde der Taubstummen Jedide - Jlmim". Die ersten Mitglieder waren Fürstenwalder Freunde und Bekannte. Gar bald erstreckte sich der Verein über Berlin, ja über ganz Deutschland. Angesehene Männer traten in den Vorstand ein. Das Interesse für die Anstalt wurde immer reger, , und man sah ein, daß die Räumlichkeiten in Fürstenwalde durchaus nicht genügten. Auf Betreiben des Direktors und des damaligen Vorsitzenden des Vereins, des verstorbenen Geheimen Sanitätsrats Dr. Mariuse wurde 1889 das Grundstück in Weißensee bei Berlin, Parkstraße 18, erworben und ein neues Anstaltsgebäude errichtet. Bereits im Oktober 1890 konnte'die Anstalt in ihr neues Heim übersiedeln. Im Jahre 1891 wurde die neue Anstalt durch den verstorbenen Provinzialschulrat Skrodzki'und Regierungsrat Glasewald besichtigt. Die Herren sprachen sich über die Einrichtungen in höchst anerkennender Weise aus. Erst im Mai 1891 fand die feierliche Einweihung statt. Herr Rabbiner Dr.. Maybaum, Berlin, hielt eine tiefempfundene Weiherede^ W93-; wurden dem Verein „Freunde der Taubstummen" die, Rechte einer juristischen.Person verliehen „mit der Maßgabe, daß die Anstellung des Leiters und der Lehrer der Anstalt der Genehmigung der staatlichen Aufsichtsbehörde unterliegt." Außer dem Direktor und seiner Schwester war anfangs nur ein Lehrer beschäftigt, bald kam ein zweiter hinzu. 1895 unterrichteten' bereits drei Lehrer. Die Zahl der Klassen stieg dann aus 4. 1897 entschloß sich der. Verein, Direktor und Lehrerfest anzustellen, und Verfasser dieses - war der erste, der nach abgelegter Taubstummenlehrerprüfung seine. Bestallung auf Lebenszeit erhielt. Im Oktober 189.8 .feierte Direktor Reich sein 25 jähriges Jubiläum als Leiter der Anstalt. Es wurden ihm von den verschiedensten Seiten, so vom Vorstand, von den ehemaligen. Schülern .und vom Lehrerkollegium große Ehrungen zuteil. Im Oktober 1900 wurde auch-die