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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-19 · Heft 8 (19.2.1909) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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I M Denn tatsächlich hat er, der uns Böses wollte, doch Gutes geschafft. Wie. kein anderer seit Menschengedenken -Hat ev. durch leine Agitation gegen die Juden zu ihrem Wiederzusammen- / Muß beigetragen. Unsere ethische Solidität,, an die früher die Juden kaum gedacht haben, ist durch den antisemitischen Kawps erst ins Leben : gerufen worden. Mehr' als jemals zuvor fühlen sich die. Juden bis zu einem gewissen Grade - einigeinig nämlich; in dem Bewußtsein, daß sienachdem selbst. ein christlicher Geistlicher in hoher Stellüng es vor seinem religiösen und kulturellen Gewissen hat verantworten können, dem Judenhaß' das Wort zu reden/ nachdem dieses sein Wort in vielen Herzen überall Nachhall gefunden hat, immer itiib~ überall wieder Kinde mittelalterlichen Stils gegen ' sich geschart gesehen haben und darum behufs befferer Not- -! und Abwehr mehr als bisher Zusammenhalten müssen. Gewiß 'hat der von Stöcker entfesselte Sturm viele Juden, bei un§ noch weniger als in Oesterreich-Ungarn, zum Abfall veranlaßt. Aber das waren meist, wohl durchweg mehr oder minder wurmstichige Juden, jüdisches Fallobst, vom rein.religiösen Standpunkt ans weder des Haltens noch des Gewinnens wert. ' Dafür-sind viel mehr Juden an ihr Judentum wieder erinnert worden. Was man vor einem halben Jahrhundert kaum für ' möglich gehalten: auf höher moderner Bildungsstufe stehende Juden sind wieder stolz, ja vielleicht zum erstenmal recht stolz auf ihr Judentum, besuchen die. Synagogen, die jüdischen Vereine, über die sie früher vielleicht die Achsel gezuckt habend Als Deutsche haben wir aber alle Ursache, dem Vater des Antisemitismus zu grollen. Daß ein gebildeter deutscher Mann dem barbarischen Antisemitismus das Wort redete, .hat das Ausland erst ermutigt, auch den Antisemitismus zu predigen, Man wies überall, in Frankreich wie in Rußland, in England wie in Amerika, aus das Land der Dichter und Denker hin und sagte, was da so öffentlich, so laut von einem christlichen Pastor, von einem Hof- und Domprediger verkündet werden kann, das braucht uns doch weiter nicht zu genieren. Was in Deutschland recht ist, kann bei uns gewiß -billig sein, und. so folgte die moralische Plebs aller Länder dem deutschen Beispiel. Unser Vaterland der Dichter und Denker, unser deutsches Volk mit seiner Gemütstiefe, sie mußten als die Schutzpatrone des internationalen Antisemitismus dienen, als die Wiedererwecker. des wenn auch nur überall latenten . Antisemitismus gelten, der sich bei solcher Paten- und Gevatterschaft aus seinen dunklen Höhlen frech hervorwagte. Stöcker : ist verantwortlich für diese Schmach des Jahrhunderts und seines, unseres deutschen Vaterlandes. Die Russen, die - Rumänen konnten so viele Judenverfolgungen und Pogroms, veranstalten, als sie wollten, das hätte in den Kulturländern : nur Abscheu, niemals Nachahmung zur Folge gehabt. Das von dem Stöckerschen Antisemitismus durchseuchte Deutschland erst gab. das ermutigende Beispiel. Das sollten alle, die in Deutschland Hur Menschlichkeit sich bekennen, dem toten Stöcker nie vergessen, ' wenigstens so lange nicht, als in. zivilisierten Ländern ein Antisemit - für seinen Antisemitismus auf dessen deutsche Ursprungsstätte sich beruft, so lange Deutschland mit Antisemitismus behaftet ist, so lange sich Deutschland nicht von der von ihm am meisten verschuldeten Schmach des Jahr- - Hunderts , gereinigt hat. . Endlich und am meisten haben wir als Menschen den toten Pastor .dorthin zu verweisen, wo die Inquisitoren des Mittelalters, die russischen. Pogromhelden und die Barbaren des grauen Altertums weilen. Wer in unserem Zeitalter, ' in unseren Kulurländern einen Menschen wegen seines religiösen . Bekenntnisses und seiner Abstammung der Verfolgung preis- V geben kann, der ist, er mag dies in noch so süßlichen Redensarten tun/ ein -Feind^ der Kultur,. der Religion, es sei, welche ' sie "sei,, des Menschentums. Nichts hat 'den Glauben ' an „dle Möglichkeit des Fortschritts zu wahrer Menschlichkeit so erschüttert, als der Atavismus eines modern , gebildeten Pastors, als dieser von Stöcker verschuldete,-begünstigte und geförderte internationale Atavismus. Wenn es möglich war, den Judenhaß wieder auszugraben und neuzubeleben, den noch brutaleren und — wenn eine Steigerung möglich — den noch unvernünftigeren Antisernitismus ins Leben zu rufen, dann haben wir nicht, die geringste Bürgschaft, daß nichtwieder die Hexenprozesse aufleben, Ketzergerichte' gehalten.und Scheiterhaufen wieder entzündet werden. In der Hitze des Gefechtes mag manches an Stöcker gesündigt worden sein. Wir sind, deshalb weiter nicht auf die Vorwürfe der Lüge, des Meineids beziehungsweise Falscheids, des Scheiterhaufenbriefes usw., die man ihm . gemacht hat, eingegangen. Er hatte mehr als genug daran zu tragen, daß er mit einem Rohling fraternisiert, die Ahlwardt, Pückter, Krösell u. a. m. auf einen Piedestal hat treten lassen, Zweifel und Verzweiflung verschuldet und den Glauben an den sittlichen Fortschritt untergraben hat. Gott mag ihm gnädig sein, die Geschichte vermag es nicht. Dir Woche. Berlin, 15. Februar. yT^te wir es vorausgesehen haben, ist.der Antrag W' Eickhoff-Aronsohn-Funk-Peltasohn, den leistungsschwachen jüdischen Gemeinden in Preußen dauernde Beihilfen für ihre Geistlichen und deren Hinterbliebenen zu gewähren,, im Abgeordnetenhause gefallen, nachdem er schon vorher in der Kommission mit allen gegen drei Stimmen abgelehnt worden war. In der Kommission hatte der Regierungsvertreter gesagt, man müßte dann auch andere Religionsgesellschasten Beihilfen gewähren. Gewiß müßte man das! Denn nur dann wäre die versassungsgemäß garantierte Gleichberechtigung wenigstens auf diesem Gebiete angebahnt. Indes wir haben ja diesmal auf Annahme des Antrages noch nicht gerechnet; wir wissen genau, wie stark das Gewohnheitsrecht ist, und wie schwer es ist, in diese Mauer von ererbten Anschauungen und Vorurteilen Bresche zu schießen. Gleichwohl — oder vielleicht gerade deshalb — wird der Antrag immer wiederkehren müssen, und zwar solange, bis den jüdischen Steuerzahlern in Preußen das gleiche Recht wird wie den protestantischen und katholischen. Wir geben heute zunächst einen Auszug aus den Landtagsverhandlungen vom 12. d. M., behalten uns aber vor, aus diese , wichtige Angelegenheit noch ausführlich 'zurückzukommen. Den Antrag Eickhoff (sreis. Vp.) und Genossen, die Regierung zu ersuchen', im nächstjährigen Etat Mittel zur Gewährung von dauernden Beihilfen an leistungsunfähige, jüdische Kultusgemeindenfür ihre Geistlichen , und deren Hinterbliebene bereitzustellen, empfiehlt namens der Kommission der Abg. Tourneau (Ztr.) abzulehnen und berichtet über die einschlägigen Kommissionsverhandlungen. Äbg. Ei ckhi o ff• (sreis. Vp.): Im Kultusetat ist ein Fonds von 350 000 Mark ausgeworfen zur Unterstützung von Geistlichen aller Bekenntnisse. Obwohl also der Wortlaut dieser Position kein Hindernis bietet, ist mir bisher nicht bekannt geworden, daß auch jüdische Geistliche, aus diesem Fonds Unterstützungen erhalten haben- (Sehr wahr!) Bei der Stellung unseres Antrages haben wir uns aus den Standpunkt der Billigkeit gestellt. Wir wünschen, dafi nicht nur den beiden großen Volkskirchen, sondern allen anderen Religiönsgesellschaften, besonders den leistungsschwachen jüdischen. Gemeinden Beihilfen gezahlt werden; penn wir dürfen, von unseren jüdischem

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