Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 8. Berlin, 19. Februar I9Ö9. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese'. Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarzreles. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philixpson. Verlszs-LxiieMM: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49; Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8V/.,-Jerusalemer Straße 4:6/49, zu richten. Verlag vsn Rudolf Nlosse, Berlin. Stöcker. Berlin, 15. Februar, m Sonnabend hat man einen Mann zu Grabe getragen, der eine für die Juden verhängnisvolle Rolle gespielt hat, den ehemaligen Hofprediger, Reichs- und Landtagsabgeordneten Adolf Stöcker. Wir sind keine 'Freunde des altrömischen Satzes: De mortuis nil nisi bene. Es wäre zu wünschen, das; auch die Geistlichenaller Konfessionen mit den Lobeshymnen an den Gräbern sparsamer wären. Sie nützen nichts,/ sie schaden nur, gerade auch dem Andenken des gelobhudelten Tobten. Wir haben selbst schon am offenen Grabe über solche Lobhudeleien lachen hören. An dein Grabe einer Privatperson mag man sich darauf beschränken, das . Böse nicht, und nur das Gute zu erwähnen, und wenn gar zu'wenig Gutes zu sagen-ist, soll man lieber schweigen. Es ist dies viel weiser. Die Wahrheit ist auch am Grabe ein gut Ding. - Wie man aber auch am Grabe eines Privatmannes sich verhalten mag, ein Mann, der in der Oeffentlichkeit gestanden hat, der eine so bedeutende Rolle im öffentlichen Leben gespielt hat wie Stöcker, muß unbedingt nach Gebühr kritisiert werden, nicht nur der Wahrheit zur Ehre, sondern auch aus daß kein weiterer Schaden geschieht. Das Gute, was wir von Adolf Stöcker zu sagen wüßten, ist, daß er ein sehr guter Redner war. Leider hat er sein schönes Organ und seiner Rede Gewalt arg mißbraucht. Ob er sie privatim besser angewendet hat, geht uns nichts an, denn wir haben nichts mit dem Privatmann Stöcker zu tun. Ob er durch seine Reden seiner Kirche viel genützt hat, wissen wir nicht, und geht uns gleichfalls nicht an. Hat er da Gutes gewirkt, so möge es aus seine Kreditseite geschrieben werden- Wir haben nur mit dem Politiker und mit dem Antisemiten an dieser Stelle zu tun. Einer sehr humanen altjüdischen Vorschrift zufolge soll, man jeden Tötend nach der Seite seiner.Werdienste vor allem beurteilen. Dieser Vorschrift folgend wollen wir zugunsten des Verstorbenen gern annehmen, daß er, als er auszog, um die' Sozialdemokraten zu bekämpfen, und dann seinen Kampf auch auf die Juden ausdehnte, von ehrlicher Ueberzeugung durchdrungen gewesen ist. Er mag ehrlich geglaubt haben, daß er die Sozialdemokratie bekämpfen könne und müsse, und mag ehrlich geglaubt haben, daß er den um „das goldene Kalb tanzenden Juden" entgegentreten sollte. Dann ^aber hat er sich'von dem berüchtigten theologischen Furor hinreißen lassen, und ist er viel, - sehr viel weiter gegangen, namentlich in seinem Kampfe gegen die Juden, als er durste und verantworten konnte. Im übrigen müffen wir das Beurteilen nach dem Willen und nach den Motiven dem ewigen Richter überlassen, der Herz und Nieren prüft und alles weiß; wir schlichten Menschenkinder können nur nach den Taten und den Erfolgen urteilen. Diese, aber sprechen gegen den politischen und antisemitischen Pastor. Der Deutsche Kaiser hat in einem Telegramm an den Geheimrat Hintzpeter sein scharfes Urteil über die politischen . Pastoren abgegeben; sie sind ein Unding. Die Pastoren sollten ihres Amtes walten, wie der Schuster bei seinem Leisten bleiben soll. Jedenfalls haben die politischen Bestrebungen ' Stöckers sämtlich mit einem Fiasko geendet. Er zog am 3. Januar 1878 aus, um die Sozialisten zu bekehren. Dreißig Jahre später zählt die sozialdemokratische Partei in Deutschland 31/2 Millionen Mitglieder und ist die stärkste Partei im Deutschen Reich. Und vielleicht hat zu dieser Erstarkung nicht am wenigsten Stöcker selbst beigetragen. Seine Versammlungen gegen die Sozialdemokratie waren unter dem Sozialistengesetz das Asyl der Sozialdemokraten, die in den Redekämpfen mit dem ehemaligen Hofprediger sich in der Dialektik übten. Und wenn es wahr ist, daß reiche Juden durch Geldspenden und gebildete Juden durch ihre Intelligenz der Sozialdemokratie sorthalfen — was wir noch immer nicht glauben können, — dann mögen diese Juden nur gehandelt haben nach dem „Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde" entsprechenden Satze: Die Feinde meiner Feinde sind meine Feinde, und deswegen sich den gleich ihnen selbst von dem Hofprediger so heftig bekämpften Sozialdemokraten sich angeschlossen haben. Auch mit der von Stöcker begründeten christlich-sozialen Partei ist es nichts. Schon die Parteibezeichnung ist, gleichfalls nach dem Urteil des Kaisers, eine unsinnige. Ihr Einfluß war nie groß und ist jetzt gleich Null. Stöcker hatte kaum sein Reichstagsmandat niedergelegt, so hatte sein eigener Wahlkreis nichts Eiligeres zu tun, als das Mandat, um das sich der Stöcker nicht nur in politischer und kirchlicher Hinsicht nahestehende Lizentiat Mumm bewarb, einem Nationalliberalen anzuvertrauen. Aber schließlich haben wir als ein jüdisches Blatt auch mit dem politischen Pastor nicht viel zu tun. Uns geht eigentlich nur Stöcker, der Antisemit, der Vater des Antisemitismus, der Antisemitenführer an. In dieser seiner Eigenschaft können wir als Juden, als Deutsche, als Menschen nicht anders, als ihn verurteilen, jetzt da er tot ist genau so, wie da er noch unter den Lebenden weilte. Als Juden hätten wir vielleicht noch am wenigsten Ursache, ihm zu grollen, wie viele böse Stunden er auch den Juden bereitet hat, wie grimmig er uns auch befehdet haben mag.