Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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sehr viele nichtjüdische Bewohner unserer Stadt, Auch fast alle Mitglieder der Gemeinde Lechenich/ in der der Verstorbene sieben Jahre als Lehrer segensreich gewirkt hat, waren hierhergekommen, um ihrem Lehrer die letzte Ehre zugeben. Ebenso der Gesangverein aus Lechenich, dem der Verstorbene als Mitglied angehörte, um dem Ver^ schiedenen am Grabe den Scheidegruß zu weihen. Die Trauerrede hielt Lehrer Nathan-Mayen. Auch der Vorsteher -der Gemeinde Lechenich, Herr I. Siinon, sowie Rabbiner Dr. Wolf-Köln und Lehrer Ransenberg-Neuwied, letzterer im Aufträge des Lehrervereins Rheinland und Westfalen^ gaben ihrem Schmerze um das Scheiden eines Mannes Ausdruck, der durch seine Begabung und sein Wirken zu so großen Hoffnungen berechtigte. Daß Mäher , auch als Dichter Bedeutendes geschaffen, habe ich Ihnen ebenfalls bereits mitgeteilt. Zwei Sammlungen seiner Gedichte, darunter auch sehr schöne jüdischen Inhalts, legen Zeugnis ab von seiner nicht gewöhnlichen, poetischen Begabung und Schaffenskraft. Sein Andenken bleibe in Ehren! — Stuttgart,4. Februar. Die neue Volksschulgesetznovelle bringt natürlich auch für uns einschneidende Veränderungen. Art. 83. welcher die Aufsicht über die Schulen regelt, ist von der Kommission folgendermaßen formuliert worden: 1. Die israelitischen Schulen werden dem Oberschulrat unterstellt. 2. Die näheren Bestimmungen bezüglich ihrer Beaufsichtigung werden im Wege der Verordnung getroffen. Der Berichterstatter, Abgeordneter Hieber, führte aus: Die von der Kommission vorgeschlagene Fassung sei die Konsequenz der Beschlüsse, zu Art. 82. Es existieren im Lande 24 einklassige israelitische Volks-, 6 öffentliche, 18 freiwillige Konfessionsschuley, davon viele mit sehr geringer Schülerzahl. 15 unterstehen der evangelischen, 9 der katholischen Schulbehörde. Die israelitischen Lehrer haben in einer Eingabe den Wunsch ausgesprochen, daß sämtliche israelitischen Volksschulen einer der beiden Oberschulbehörden, die israelitischen Volksschulen eines Bezirkes dem dieser Oberschulbehörde untergeordneten Bezirksaufseher unterstellt werden, daß wegen Uebertragung der Persönlichen Ortsschulaufsicht über die israelitischen Volksschulen der Schultheiß den Vorsitz führen, in dem Schulrat der Lehrer und zwei von den bürgerlichen Kollegien gewählte Mitglieder Sitz und Stimme haben mögen. Die Festsetzung des Lehrplans und der Schulbücher für den jüdischen Religionsunterricht sollen Sache der Oberschulbehörde bleiben» hingegen die Prüfung des Religionsunterrichts der israelitischen Oberkirchenbehörde übertragen werden. Der Artikel wurde im Plenum in der Kommissions-Fassung angenommen, ebenso der Art. 84, welcher die israelitischen Volksschulen dem einheitlichen Oberschulrat unterstellt, die Einzelheiten ihrer Beaufsichtigung aber der Verordnung des Ministeriums überläßt. Gesterretch-Nnsarn. LI Wien, 8. Februar. Sie erinnern sich, daß im vorigen Jahre hier der Beschluß gefaßt wurde, eine allgemeine jüdische Organisation zu schaffen. Es wurde damals auch ein Komitee gewählt, das die Statuten. ausarbeiten, sollte. Dieses Komitee versammelte sich erst Ende November zur Besprechung-eines Entwurfes von Dr. Sonnenstein-Troppau. Aber als es zur praktischen Durchführung der allgemeinen jüdischen Organisation kam, sträubten sich die galiz'schen Vertreter dagegen. Die ^Polen mosaischer Konfession" waren wieder einmal gegen eine allgemeine Organisation der Inden und erklärten unter allerlei nichtigen Vorwänden, sich dem Beschluß der Konferenz nicht fügen zu wollen, weil sie nicht kompetent gewesen sei, einen solchen Beschluß zu fassen. Diese Herren sind es, die nun in Lemberg eine spezielle galizische Konferenz veranstalteten, zu der sie bezeichnenderweise von den 250 jüdischen Gemeinden Galiziens ganze 19 eingeladen haben. Und dort gelangte eine Resolution zur Annahme,, in der sich die Konferenz aus verschiedenen Gründen — wie um religiöse Streitigkeiten zu vermeiden und die Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden und Landesverbände aufrecht zu erhalten — gegen das Projekt einer allgemeinen jüdischen Organisation aussprach. Statt dessen wird den galizischen Gemeinden vorgeschlagen, „sich zum Zwecke des Rechtsschutzes" dem Allgemeinen Oesterreichischen Israelitischen Gemeindebund in Wien-anzuschließey, einer Organisation, die natürlich ganz andere, Aufgabenchat, als sie die geplante Gesamtorganisation erfüllen sollte. Glücklicherweise haben die anderen die Gefahr begriffen und haben, ohne sich um die Beschlüsse der Lemberger Konferenz zu kümmern, eine neue Konferenz auf den 24. Februar zur Wetterführung ihrer Arbeit, nämlich der Schaffung einer wirklichen Gesamtorganisation der österreichischen Juden einberufen. — In Radeschowitz in Böhmen spukt wieder der Ritualmordwahn. Dort hat ein krankhaft veranlagter 13jähriger Junge, namens Skala, eine gräßliche Bluttat an drei Mädchen verübt.- Wiewohl er nun selbst die Tat eingestanden hat, wird doch der Versuch gemacht, diese Affäre in der Bevölkerung als eine Ritualmordsache hinzustellen. Der Schulleiter Budinsky veröffentlicht eine Mitteilung, in der es unter anderem heißt: „Es treten Leute auf, welche die Morde auf das Ritualgebiet zu wälzen bestrebt find und immer mehr Gehör in der ungebildeten Masse finden, die eine so schreckliche Verworfenheit an einem Knaben nicht begreifen könne und sich die Verbrechen in einer solchen unsinnigen und lächerlichen Weise erkläre." Man will, wie es scheint, eine zweite Polna-Affäre vorbereiten. — Eine der bekanntesten Persönlichkeiten in Budapest, der frühere Reichstagsabgeordnete und Universitätsprofessor Hofrat Dr. Armin Neumann ist nach kurzem Leiden im 64. Lebensjahre verschieden. Er war auf zahlreichen Gebieten des öffentlichen Lebens in hervorragender Weise tätig — als Jurist, speziell als gründlicher Kenner des Handels-und Wechselrechtes, als Philanthrop, als Parlamentarier usw. — und überall ließ seine Wirksamkeit nicht so rasch zu verwischende Spuren zurück. 1887 wurde er zum Abgeordneten gewählt. Im Abgeordnetenhause führte er wichtige Referate des Justizausschusses^ Er wurde in die Kommission zur Vorbereitung des bürgerlichen Gesetzbuches berufen und erhielt gleichzeitig mit anderen Mitgliedern dieser Körperschaft die Würde eines Hofrats. Er verfaßte einen dreibändigen Kommentar zum Handelsgesetzbuch, schrieb Monographien über das Wesen und die rechtliche Natur der Lebensversicherung und über das Versichernngsgeschäft sowie einen eigenen Kommentar zum Gesetz über den Markenschutz und eine Abhandlung über unser Geldsystem und die Regelung der Valuta. Als Präsident des Israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereins erwarb er sich große Verdienste um die Entwicklung dieser humanitären Institution. Die jüdische Gemeinde in Budapest hat eins ihrer treuesten Mitglieder verloren. Vvu Sah und jfern. ----- Professor Dr. Felix Lieb ermann ist für seine bedeutende historische Forschertätigkeit neuerdings durch die Ernennung zum korrespondierenden Mitglied der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen ausgezeichnet worden. — Dem Rechtsanwalt und Notar Justizrat Jakob Pincus ist .der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen. — Der Professor der Kunstgeschichte an der königlichen Hochschule für die Bildenden Künste Dr. Georg Galland ist von der Koninklijk Oudheidkundig Genootschap zu Amsterdam, bei Gelegenheit ihres 50 jährigen Bestehens zum Ehrenmitglied ernannt worden. - Der Oberlehrer Dr. Nathan Pulvermacher vom Lessing-Gymnasium hat den Charakter als Professor erhalten. — Rechtsanwalt Dr. Albert Silberstein ist am 1. d.M. in Charlottenburg gestorben. Er war einer der ältesten Anwälte Charlottenburgs und erfreute sich bei seinen Kollegen und dem Publikum allgemeiner Achtung. — Unter den 4050 Personen, deren Leichen in 1908 im Deutschen Reiche eincjeäschert wurden, befanden sich: Evangelische 3236, Katholiken 299, Altkatholiken 35. Juden 153, Freireligiöse 72, Dissidenten 49, Angehörige anderer Bekenntnisse 9, ohne Angabe des Bekenntnisses 192. Bemerkenswert ist, daß bei nicht weniger als 2517 von jenen 4050 Einäscherungen eine religiöse Trauerfeier im Krematorium stattgefunden hat. — In Schwetz ist der Kaufmann S. E. Hirsch züm stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher wiedergewählt worden. — Der Kantor D. Rainowitz in Mewe (Weichsel) wurde als Kultusbeamter nach Schivelbein berufen. — Am 7. d. M. feierte Frau Johanna Herzberg in Nicolai in Oberschlesiey ihren 99. Geburtstag. Die Dame ist trotz ihres hohen Alters geistig frisch, und man hofft, daß sie den hundertsten erreichen wird. — Nach 44 jähriger Amtstätigkeit verstarb in Bern bürg am 26. v. M. nach langem Leiden der Lehrer und Kantor S. Böhm/ — Am 26. v. M. verschied Herr Luwig Seligmann, Vorsteher der Synagogengemeinde in