Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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zum Herbst 1907 war er Ordinarius für Physiologie an der tierärztlichen Hochschule, dann trab er freiwillig von seinem Lehramt zurück. In seinen jungen Jahren hatte er einen fast beispiellos schnellen Aufstieg genommen. Mit 16 Jahren kam er zur Universität, mit 20 Jahren war er Doktor der Medizin, mit 30 Jahren Extraordinarius. Nach seinen Leistungen und seinem Ansehen wäre er noch zu weit Höherem berufen gewesen, als zu dem Amte, dem er daun über dreißig Jahre Vorstand. Nach dem Tode von du Bois-Neymond wurde er von der Fakultät an erster Stelle als dessen Nachfolger vorgeschlagen. Doch das Ministerium trat gar nicht erst mit ihm in Verhandlungen — seiner Konfession wegen. Munk gehört zu den fruchtbarsten und glücklichsten physiologischen Forschern, und. sein Name ist mit vielen bedeutsamen Beobachtungen eng verknüpft, am meisten aber mit der Physiologie der Großhirnrinde. Die Experimente, die er zusammen mit dem vor zwei Jahren gestorbenen spateren Hallenser Psychiater Hitzig durch Freilegung der Großhirnrinde, von Tieren, ausgeführt, gehören für alle Zeiten zu den klassischen Arbeiten der Medizin. Seit 1880 ist Munk Mitglied der Akademie, der Wissenschaften, 1898 wurde er zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt. Es ist bei dieser Gelegenheit interessant zu beobachten, wieviele hervorragende Physiologen der Gegenwart Juden sind oder jüdischer Abstammung. Man braucht nur die Namen Hermann, Rosenthal, Bernstein und Kronecker zu nennen. .s, Berlin,. 5. Februar. Ein bekannter und angesehener hiesiger Arzt, Tr. Heinrich Brat ist nach schwerem Leiden, erst 42 Jahre alt, in Meran, wo er sich zur Kur aufhielt, am 2. d. M., gestorben. Brat hatte sich vom praktischen Arzt in Rummelsburg zu einer wissenschaftlich angesehenen Stellung aus eigener Kraft emporgearbeitet. Er war am 3. Oktober 1867 zu Mohrungen in Ostpreußen geboren. Entscheidend wurde für ihn seine Stellung als Kassenarzt bei der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation. Sie gab ihm Gelegenheit zu gewerbehygienifchen und chemisch-pharmakologischen Arbeiten, Und auf beiden Gebieten war er erfolgreich. Die Therapie verdankt ihm eine Anzahl von neuen Präparaten, wie das Barutin, ein harntreibendes Doppelsalz aus Baryum-Theobromin und Natrium salicylicum, öa§ Nährpräparat Glutol, vor allem aber das Bromocoll und das Sajodin, zwei Präparate, die vielfach, zur Verwendung kommen. Seine Studien führten ihn zur Herstellung eines der besten Sauerstoffapparate für die Wiederbelebung Erstickter und schließlich in gemeinsamer . Arbeit mit den Chirurgen Prof. Borchardt und Prof. Schmieden zur Herstellung eines Apparates ffür die Narkose und Sauerstoffeinatmung bei Operationen, durch den vor allem der Lungenchirurgie eine wesentliche Förderung zuteil geworden Brat kommt ein erheblicher Anteil daran zu. daß gegenwärtig die deutschen Giftbetriebe für die in ihnen beschäftigten Arbeiter verhältnismäßig ungiftig sind. In den letzten Jahren beschäftigte ihn der Gedanke eines von der chemischen Großindustrie Deutschlands zu schaffenden Instituts für Gewerbehygiene. Kürz vor Verwirklichung des Planes, zu dessen Durchführung er ausersehen war, hat ihn der Tod fortgerafft. Ehre seinem Andenken! , Kolberg, im Januar. Herr Daniel Dobranicki in Lodz,; der Vater eines Herrn, der infolge der. Unruhen in Rußland feit einigen Jahren sich mit seiner Familie in Kolberg niedergelassen, verstarb vor einigen Wochen, und die Lodzer Tageszeitungen widmen dem Heimgegangenen überaus warme Nachrufe. Von denselben wird dem Entschlafenen nachgerühmt, er sei einer der ältesten Lodzer Bürger und zugleich Mitbegründer der dortigen Industrie gewesen, an deren aufblühender Entwicklung er als Fabrikant den Lebendigsten Anteil genommen. Und obschon er von seinen Geschäften überaus in Anspruch genommeU war, so habe er dennoch für die öffentlichen . Angelegenheiten der Gemeinde immer noch Zeit gefunden. Er war .es. der den Synagogenban auf der Zachodniastraße angeregt und opferfreudig gefördert habe. Endlich habe er als ihr erster Vorsteher viele Jahre die Gemeindeverwaltung geleitet und sich hervorragend an ihr bis zu seinem Tode beteiligt. Aber auch als Mensch sei er stets bereit gewesen, Herz und Hand zu öffnen, so oft,;,, es galt. Notleidenden zu helfen und Wohltaten zu spenden, und . keinem seiner Mitmenschen habe er Hilfe und Unterstützung versagt, , der sich vertrauensvoll an seine Menschenfreundlichkeit gewendet. Mit „ seinem Ableben verliert die Lodzer jüdische Gemeinde eines ihrer gemeinnützigsten Mitglieder und die Stadt einen ihrer angesehensten Bürger; an seinem Grabe trauert seine Familie um ihr ehrwürdiges "Oberhaupt und die Armen, Witwen und Waisen um ihren Wohltäter.' Auf .den letztwilligen Wunsch des sterbenden Vaters stifteten die Kinder bei der jüdischen Gemeinde in Lodz ein Kapital von 12 000 Rubel als eisernen Fonds mit der Bestimmung, daß die Zinsen alljährlich teils zum besten jüdischer Kaufleute, teils zur Errichtung eines Krankenbettes bei dem Krankenpflegeverein unter dem! Namen des Verstorbenen und teils endlich zur Unterhaltung von Schulen verwendet werden sollen. So Ist das Andenken an einen wackeren Mannlnach altfrommer jüdischer Sitte würdig geehrt und verewigt worden und „das Andenken des Frommen wirket fort zum Segen." B. Stolp in Pommern, 1. Februar. Am 27. vorigen Monats feierte der erste Vorsteher unserer Gemeinde, Herr L. G. Golde mit seiner Gattin unter herzlichster Teilnahme der ganzen Gemeinde das Fest der goldenen Hochzeit. Von einer größeren Feier mußte leider mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand der Jubilarin Abstand genommen werden. Um 11^ Uhr erschien unser Rabbiner, Herr Dr. Joseph, um das Jubelpaar einzusegnen und ihm die vom Kaiser verliehene Ehejubiläumsmedaille zu überreichen. Es erfolgten dann Ansprachen des stellvertretenden Vorstehers unserer Gemeinde, Herrn Stadtrat Cassel, des Vorsitzenden des Repräsentanten-Kollegiums, Herrn Moritz Aron, des Vorsitzenden der Chewra Kadischa, Herrn S. Samuel und der Vorsitzenden des Frauenvereins, Frau.Philippsthal. Auch die beiden Bürgermeister unserer Stadt waren erschienen, um persönlich ihre Glückwünsche auszusprechen. Der Vorstand und das Repräsentanten-Kollegium begründeten zu Ehren des Jubilars eine Stiftung, die seinen Namen tragen und deren Zweckbestimmung ihm überlassen werden soll. Bewegten Herzens dankte der Jubilar, der noch mit ungeschwächter Kraft, mit der alten Freudigkeit und Gewissenhaftigkeit sein Amt verwaltet, allen Sprechern für die ihm dargebrachten .Huldigungen. Zahlreiche eingegangene Telegramme und Briefe legten von der hohen Wertschätzung Zeugnis ab. deren sich das Jubelpaar mit Recht erfreut. Möge die Gesundheit der Jubilarin sich von neuem festigen und dem Paare auch weiter ein froher, glücklicher Lebensabend beschieden sein. — Zirke, im Januar. Um die Bedeutung der Juden für die Provinz Posen kennen zu lernen, müßte man deren Stellung in den einzelnen Städten und im Ehrendienste dieser schildern. Ein wertvoller Beitrag hierzu ist der folgende, von Magistrat und Stadtverordneten unserer StadtveröffentlichteNachruf: „Am 30. Januar1909, vormittags 1[4ß Uhr. verschied in seinem 68. Lebensjahre der Beigeordnete und Ehrenbürger der Stadt Zirke, Herr Lippmann Plonski, Ritter des Königlichen Kronenordens. Vom Jahre 1872 ab war er zunächst 22 Jahre Mitglied der Stadtverordneten- Versammlung und alsdann weitere 15 Jahre Mitglied des Magistrats. Langjährige, reiche Erfahrung, vielseitiges praktisches Verständnis und hohe geistige Gaben vereinigten sich, in dem Dahingeschiedenen mit einer ganz besonderen Liebe für seine Vaterstadt. So war er, mit geistigen und seelischen Vorzügen ausgestattet, uns wahrend mehr denn 37 Jahren ein hochgeschätzter Berater und Mitarbeiter, dessen Tod wir um so mehr bedauern, als seine bis in die letzten Tage vor seinem Tode bewiesene geistige Frische uns hoffen ließ, daß er noch lange Jahre in den ihm lieb gewordenen städtischen Ehrenämtern für das Wohl der Stadt wirken werde. Mit aufrichtiger Trauer stehen wir an der Bahre des Verstorbenen in dem Bewußtsein, einen unserer liebenswürdigsten, eifrigsten und tüchtigsten Mitbürger verloren zu haben. Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Zirke." i Das Leichenbegängnis am 1. d. M. zeugte, welche Verehrung und Achtung der Verstorbene sich erworben hatte. Sowohl die Behörden wie die Landwehr und Feuerwehr gaben ihm das letzte Geleit. Die Grabrede hielt Rabbiner Dr. Rosenzweig aus Berlin. Die Verdienste um seine Vaterstadt, rege Teilnahme für jüdische Gemeindeangelegenheiten, seine stete Hilfsbereitschaft, seine offene Hand sichern dem Heimgegangenen ein ehrendes Andenken für lange Zeiten. 1. Mayen, 3. Februar. Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt, ist am 20. v. M. der Lehrer Max Mayer aus Lechenich bei Köln im 27. Lebensjahre gestorben. An der Beerdigung beteiligten sich nicht nur alle Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde, sondern auch