Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
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er^der drohenden Explosion zu entfliehen gedächte. Man folgte ihm in wilder Flucht, und es gelang David,' in der allgemeinen Panik in eine dunkle Allee zu entschlüpfen, von wo aus er einen neuen Verteidigungsposten suchte. .Obgleich die Türe des Hauses weit offen stand und die zitternden Einwohner der Gnade ihrer Belagerer, preisgegeben waren, so wagten diese es doch nicht einzudringen, sondern begnügten sich, über eine Stunde lang aus sicherer Entfernung darauf zu schießen, bis die Mauern von Kugeln durchlöchert waren. Man zählte am andern Tage beinahe 200 Kugeln, die teils in den Mauern steckten, -teils in den Zimmern gefunden wurden. Es war jedoch nichts gestohlen worden, da die Elenden zu feige waren, in das Haus einzudringen. David aber ist nur ein Typ der neuen Generation. Es gibt jetzt hundert Davide, die alle bereit sind, gegen Goliath in das Feld zu ziehen. Soll ich mich da nicht freuen? Ist es nicht natürlich, wenn die hellen Freudentränen meiner Augen entquillen?" Ihre Augen leuchteten, und der Künstler wurde von der Begeisterung des jungen Mädchens angesteckt. Sie erschien ihm in diesem Augenblicke weniger wie ein junges Mädchen, als wie die verkörperte Wahrheit und Reinheit, wie seine eigene ihm verloren gegangene Muse. „Das Polen, das ich verließ, war wirklich ein Gefängnis," fuhr sie begeistert fort, „aber nun ist das anders geworden —es ist das Land, aus dem ein regeneriertes Volk hervorgehen wird. O, ich zähle die Tage, bis ich dahin zurückkehre." „Was, Sie wollen nach Rußland zurückkehren?" Er hatte ein Gefühl, als ob man ihn mit einem kalten Stahl durch das.Herz gestoßen habe. Die Gefahr der Pogroms, die jetzt dort drohte und die ihm bisher so ferne erschienen war, wie die Kämpfe der Wilden in Zentralafrika, däuchte ihm plötzlich nahe und unvermeidlichzu sein. Außerdem aber glaubte er diese schöne Jüdin noch von einer anderen größeren Gefahr bedroht: von dem heldenmütigen Vetter David! „Wie könnte ich zu einer solchen Zeit wie diese wo anders leben wollen, als in Rußland?" antwortete sie ruhig. „Wer bedarf meiner in Amerika, was hätte ich dort zu tun?" „Aber wenn Sie dem Massaker zum Opfer fielen," rief er ungestüm. Ein strahlendes Lächeln verklärte ihre Züge. „Ich wünsche mit meinem Volke zu leben und zu sterben." Ihre Worte wirkten auch auf ihn zündend, er war dem Weinen nahe. „Dein Volk .soll mein Volk sein," dachte er, aber er sagte: „Nein, nein Sie dürfen nicht hingehen; was kann ein schwaches Mädchen, wie Sie es sind, für sein Volk tun?" Der scharfe Klang einer aus der Kajüte ertönenden Schelle unterbrach ihr Gespräch. „Ich muß zu meiner Herrin. Gute Nacht, mein Herr." Seine Begeisterung legte sich auffallend rasch. Sie war nur ein Mietling der Frau Wildhammer! (Fortsetzung folgt) Das Münder. Eine Legende. Von Max Mäher.*) ^4it dem Schattendunkel eines f tagverborgnen, halberhellten Raumes grübelt ein ergrauter Rabbi spät noch über schweren Folianten, die schon ganze Menschenaller als ein unvergänglich-köstlich Gut sich von Hand zu Hand vererbten-— Alte Moderdüfte steigen aus den halbvergilbten Blättern, die der Kunstsinn längstvergessner Meister zierte mit den wunderlichsten Linien — doch mit der Begeistrung ewigjungen Flamme forscht er immer wieder, immerzu nach neuen Wunderquellen, treubesorgt für seines heißgeliebten Volkes Heil und Wehe — — Und bei jedem Rätselworte, dessen Siegel er durch eine tiefe Deutung sprengte, leuchten feine dunklen Augen, wie die Sterne leuchten an dem Abendhimmel, und mit neuem Trieb und Eifer blättert er begierig weiter in dem alten, staub'gen Buche — -- Eine Menschenseele kennt der Wege viele, die zu der Erkenntnis Ziele führen, doch sie kennt nicht alle Wege -- Stund' um Stunde ist verronnen, plötzlich hält der Rabbi inne — unbeweglich blicken seine Augen in die kleine Kerzenflamme — Fragend haften sie dann wieder, immer wieder an dem kleinen dunklen Spruche, der das Tiefste seiner Weisheit ihm noch immer will verschließen — und so harrt er sinnend, grübelnd lange unruhvolle Stunden — -- Schließlich stützt er seine Stirne tiefer in die hagern Hände — seine weißen Locken fallen auf die seltsam-dunklen Zeichen seines aufgeschlagnen Buches — — Und dann denkt er mit Beschämung an die großen Geister alter Zeiten, ä deren Weisheit doch der Dinge tiefstes Wesen und Geheimnis wußte. Doch mit einem Male immer kleiner, immer trüber wird die schmale Kerzenflamme, bis ein undurchdringlich-tiefes Dunkel auf den stillen Grübler fällt. — Doch — da — plötzlich — wie ein Wunder leuchten auf in hellenr Glanze all die dünkeltiefen Worte des geheimnisvollen Spruches — und sie leuchten, und sie strahlen wie die Sterne in das Dunkel, und sie werden groß und größer, und sie fangen an zu reden, und die Stimme singt im Dunkeln: j „Immer wieder, immer wieder I werden wir wie Sterne funkeln.! werden wir wie Feuer glühen, wenn ein Blick der tiefsten Sehnsucht füllt mit heiligem Bemühen auf die kampferprobten Zeilen, die mit eifrigstem Verweilen eines Volkes tausendjähr'ge Sehnsucht gottbegeistert wie ein heiliges Vermächtnis niederschrieb — --- Jedes Wort und jede Stelle dieser Schrift ist eine ahnungsdunkle Welle in der flutbewegten Seele Israels."- Plötzlich flammte auf die Kerze, und sie strahlte hell wie Lausend Kerzen, doch die Stimme war verschwunden, aber mit verklärtem Blicke sah er, wie die dunkelsten der Sprüche ihr Geheimnis offenbarten. *) Dieses Gedicht sandte uns der inzwischen leider in der Blüte seiner Jugend verstorbene Dichter wenige Wochen vor feinem plötzlich erfolgten Tode. Es ist ein schönes Zeugnis seiner großen poetischen Begabung. - , Die Red.