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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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^cgSiLLe^^ t 4 i vzsm Ghktto-lkomödim. Von I. Z an g will. Die Mietlinge. , ' II. ■■ - Als sich der Künstler mit einem gewissen krankhaften Interesse umwandte, um dem sich zurückziehenden Millionär nachzusehen, fand er ihn mit einer an der Türe einer Kajüte stehenden Dame Plaudernd. Konnte sie es sein, die große Kunstkennerin? Er trat ein wenig näher. Nein, es war nur ein junges Mädchen, und wenn ihn nicht alles täuschte, so war es ein jüdisches Mädchen — eine wunderschöne junge Jüdin, .mit jenem so seltenen goldroten Haare, wie es zuweilen in Russisch-Polen vorkommt. Was hatte sie mit diesem christlichen Kolosse zu reden? Er versuchte es vergebens zu entdecken, ob ein Trauring an ihrer linken Hand stecke, die bloße Möglichkeit, daß sie etwa Frau Wildhammer sein könne, verletzte sein semitisches Ehrgefühl. Wildhammer jedoch verschwand in der Kajüte — die Beziehungen der beiden waren offenbar intim — während das Mädchen an der Tür stehen blieb, eine "in tiefes Sinnen versunkene, traumhaft schöne Gestalt. Er verspürte die größte Lust, sie anzureden, aber er besiegte diese inkorrekte Regung und begnügte sich damit, seinen Spaziergang fortsetzend, ihr jedesmal, wenn er an ihr vorbei kam, einen forschenden Blick zuzuwerfen. Als er das Ende ' des Decks nun wieder erreicht hattelenkte er jedoch seine Schritte auf die dem Winde ausgesetzte Seite. Nachdem er sich aber ein paar Minuten hatte durchwehen lassen, kehrte er fröstelnd zu seinem bisherigen Spazierplatze zurück. Sie stand immer noch da, war jedoch näher an die elektrische Lampe; getreten und las einen Brief. Als er an ihr vorbei kam, bemerkte er mit Staunen, daß große Tränen über ihre' rosigen Wangen stoffen. Er stieß unwillkürlich einen kleinen' überraschten Schrei aus, und das junge Mädchen, das offenbar sehr betroffen war, sich beobachtet zu sehen, ließ vor Schrecken . ihren Brief aus der Hand gleiten, der rasch von einem Windstöße, davongetragen wurde. Rozenoffski suchte ihn aufzufangen,, aber der tückische Wind wehte das Papier dem Hinterdecke des. Schiffes zu. Er jagte ihm nach, stolperte über im Wege vergessene Stühle, und als er endlich so glücklich war, den Brief wieder zu erlangen, und er ihn der Eigentümerin, die seinen Schritten gefolgt war, überreichte, bemerkte er mit einem leisenfreudigen Schaudern, daß er mit hebräischen Schriftzügen geschrieben war. „Wie kann ich Ihnen danken, mein Herr?" sagte sie, und der deutsche Akzent, mit dem sie die wenigen englischen Worte, sprach, gab ihm den Mut, ihr höflich und in deutscher Sprache zu erwidern: > „Indem Sie es mir vergönnen. Ihnen einen wirklichen Dienst zu leisten." „Ach, mein Herr," antwortete sie nun auch auf Deutsch) „ich weinte vor Freude und nicht aus Kummer." Wie ihr Amerikanisch-Englisch einen deutschen Akzent hatte, so erinnerte ihr Deutsch ihn an das Jüdische, das er in seiner nun schon so weit zurückliegenden Kindheit gehört; diese Erinnerung, vereint mit der wunderbaren Weichheit ihrer Stimme, rührten das Herz des Musikers. Er bemerkte mit großer Befriedigung, daß sie keine Ringe an den Fingern trug. i „Das freut mich sehr," wägte er zu antworten. Sie lächelte pathetisch und ging langsam zu ihrer Kabine zurück. „Bei uns Juden," sagte sie, „ist Lachen und Weinen nahe beieinander". . „Bei uns Juden?" Er zuckte leise. \ .Es war solange her, daß Fremde ihn seinem Aeußeren nach für einen Juden angesehen! Aber vielleicht hatte er sie. nur fälsch verstanden, vielleicht bezogen sich diese Worte nur auf ihre Rasse, nicht auf seines „Es ist eine herrliche Nacht," murmelte er unsicher. Aber er erweckte mit diesen Worten ihr. Rassebewußtsein noch mehr. „Ja," erwiderte sie einfach, „und ein solcher Himmel voller Sterne ist nun auch endlich'über der Nacht Israels aufgegangen. Ist sie nicht wunderbar, diese Entwicklung unseres Volkes? Als ich Rußland verließ, ich war damals noch ein kleines Mädchen und sehr jung, so jung," sie lächelte traurig, „daß man mich sogar noch nicht verheiraten konnte, da verließ ich ein von seinen Führern verlassenes, kriechendes, feiges und mutloses Volk — ich werde niemals die Panik vergessen, die sich in unserer Synagoge verbreitete, als ein Trupp Kosaken mit einer lügenhaften Blutanklage hereinritt. Nun aber ist Israel ein willenskrästiges Volk geworden, das sich aus seiner jahrelangen Versumpfung herausgerissen, und den Mut neuer Ideen und einer geistigen Entwicklung hat. Die jüngere Generation träumt edle Träume, und was noch seltsamer ist, sie setzt ihr Leben, dafür ein sie zu verwirklichen. Unser Bund ist die Seele der russischen Revolution; unsere Verbindung zur Selbstverteidigung erinnert an die Tage des Judas Maccabäus. Wenn in alten Zeiten ein Massaker stattfand, dann verkroch sich unser Volk in den Synagogen, um dort zu beten; nun aber zieht es in den Streit, um wie Männer zu kämpfen." Sie waren an ihrer Kajütentür angekommen und sie schwieg plötzlich. Der Musiker fürchtete, daß sie in ihrer Kabine verschwinden werde. „Aber Juden können nicht kämpfen; sie sind keine Soldaten," rief er in halb ungläubigem Tone und in der heimlichen Hoffnung sie durch seine Worte zurückzuhalten. „Nicht kämpfen?" Sie hielt den hebräischen Brief in die Höhe. „Sie senden Späher aus, sie haben Ambulanz-Korps, Ordonnanzen, Aerzte, alles — mein Vetter David Amram, der kaum mehr wie ein Knabe ist, wurde däzu kommandiert, ein großes dreistöckiges Haus zu verteidigen, das von Fabrikarbeitern bewohnt wird, die an der Arbeit waren, als das Pogrom ausbrach. Die armen vor Angst halb wahnsinnigen Weiber und Kinder hatten sich, als die ersten Unruhen losbrachen, darin verbarrikadiert und in Keller und Speicher versteckt. Um zu ihnen zu gelangen, mußte mein Vetter über die Ziegeldächer der benachbarten Häuser klettern und durch ein Dachfenster in das Gebäude dringen. Bald war das Haus von der Polizei, von Soldaten und von allerlei Gesindel, die alle untereinander einen teuflischen Bund geschlossen hatten, belagert. Nur mit einem Browning-Revolver bewaffnet, gelang es David, sie alle in Schach zu halten. Er lief nämlich unablässig von einem Fenster des Hauses zum andern und schoß daraus, um bei den Belagerern den Eindruck zu erzeugen, alL ob eine ganze Reihe von Verteidigern in dem Hause wären. Endlich aber war seine Munition erschöpft — es ist immer das schwerste, unsere Selbstverteidiger mit hinreichender Munition zu versehen, und schon begann die tobende Meute, gegen die große Eingangstüre zu schlagen. ' Als David erkannte, daß jeder fernere Widerstand völlig nutzlos sei, zog er ruhig die Riegel vor der Eingangspforte zurück und rief dem erstaunt dreinblickenden Pöbel zu: „Zurück, zurück! Sie haben Bomben!" dann stürzte er sich in die Straße, als ob

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