Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Er kannte keinen Neid, keine Rivalität, keine Intrigen oder Gehässigkeit. Ein offener und freimütiger Charakter, immer das Höchste und Reinste anstrebend, verschmähte er jene kleinlichen Mittel, deren sich selbst so große und gewaltige musikalische Genies, wie zum Beispiel Richard Wagner, oft bedienten, um ihre Interessen zu fördern und ihre Zwecke zu erreichen. Im Gegenteil, man konnte ihm eine gewisse Schwäche nachsagen, indem er auch solchen Virtuosen und Virtuosinnen, die mehr^durch ihr. dreistes Auftreten und ihre Märktschreierei den Beifall des Publikums sich zu ergattern wußten, mit Wohlwollen und Nachsicht entgegenkam. Erkannte er ein wirkliches Talent, bei dem sich Geist und Geschmack verband, so war er der erste, der seiner Bewunderung rückhaltlos Ausdruck gab und solche Künstler bei ihrem ersten Auftreten moralisch und finanziell wirksam unterstützte.— In dem Salon Mendelssohns verkehrten außer Tonkünstlern auch sonstige hervorragende Geistesgrößen israelitischer Abstammung, so z. B. der Dichter Heinrich Heine, der Jurist Eduard GanS und viele andere. Wie Mendelssohn selbst über die beiden Genannten dachte, ist meines Wissens nicht bekannt geworden. Heinrich Heine selbst hat bekanntlich Felix Mendelssohn- Bartholdy nicht gerade glimpflich behandelt, denn er glaubte von ihm, freilich ohne jeglichen Grund, daß er sich seiner Abstammung von 'Moses Mendelssohn schäme. Er hat ihn deshalb im 9. Kapitel seines „Atta Troll" gründlich mitgenommen. Dort singt der famose Bär Atta Troll: Pin das rohe Spottgebilde Eurer Ammenmärchen, bin es. Und ich ruf es laut hinunter, In die schnöde Menschenwelt: „Hört es, hört es, ich bin ein Bär. Nimmer schäm ich mich des Ursprungs, Und bin stolz daraus, als stammt ich ab von Moses Mendelssohn." Noch boshafter äußert sich Heinrich Heine in seinem geistreichen satirischen Epos „Deutschland, ein Wintermärchen". Im Kapitel 16 wird der arme Felix gründlich mitgenommen. Später erzählt der Dichter, wie er geschlafen und vom Kaiser Rotbart geträumt habe. Er sei mit ihm schwitzend durch alle die hallenden Säle gegangen und habe ihn nach dem und jenem gefragt, da er aus der Oberwelt seit vielen Jahren, wohl seit dem siebenjährigen Kriege, kein Sterbenswörtchen mehr erfahren habe: Er frug nach Moses Mendelssohn, Nach der Karschin, mit Interesse Frug er nach der Gräfin Dubarrh, Des fünfzehnten Ludwigs Maitresse. O, Kaiser, rief ich, wie bist Du zurück, Der Moses, ist längst gestorben. Nahm seine Rebekka, auch Abraham, Der Sohn, ist gestorben, verdorben. Der Abraham hatte mit Lea gezeugt Ein Bübchen, Felix heißt er, Der brachte es weit im Christentum, Ist schon Kapellenmeister. Doch diese Anzapfungen hinderten Heine nicht, die musikalische Bedeutung von Felix Mendelssohn-Barth oldy voll anzuerkennen. In seinen Schriften äußert er sich wiederholt sehr anerkennend über ihn als Komponisten, so z. V. in seiner „Lutetia". In dem Artikel, den er im zweiten Teil seiner Lutetia Meyerbeer widmet, erzählt er, -aß er diesem zuerst in Berlin zwischen dem Universitätsgebäude und der Wachstube, zwischen der Wissenschaft und der Trommel begegnet sei, in welcher Stellung er sich beklemmt zu fühlen geschienen habe. Dann sagt er wörtlich: „Ich erinnere mich, ich traf ihn in Gesellschaft des Dr. Marx, welcher damals zu einer gewissen musikalischen Regence gehört hatte,die während^der Minderjährigkeit eines gewissen jungen Genies, das man als legitimen Thronfolger Mozarts betrachtete, beständig dem Sebastian Bach huldigte." In brieflichen Aeußerungen, die Heinrich Heine später tat, so z. B. in einer Zuschrift an Ferdinand Lassalle, aus Paris am 6. Februar 1846, entlädt er seinen ganzen Groll gegen Mendelssohn, weil dieser angeblich bestrebt gewesen sei, den Makel seines Ursprungs zu verwischen, und als christlichgermanisch-arischer Komponist zu erscheinen. Als Lassalle, der ein großer Verehrer von Felix Mendelssohn als Mensch und Komponist war, ihm wegen seiner boshaften Bemerkungen über den Enkel Moses Mendelssohn Vorhaltungen machte, schrieb ihm Heine in der genannten Zuschrift: „Wie Sie auf diese unbedeutende Sache Wert legen können, begreife ich nicht. In bezug auf Felix Mendelssohn füge ich mich gern Ihrem Wunsche und es soll keine böse Silbe mehr gegen ihn gedrückt werden. Ich habe Malice auf ihn wegen seines Christelns; ich kann diesem durch Vermögensumstände unabhängigen Menschen nicht verzeihen, den Pietisten mit seinem großen, ungeheuren Talente zu dienen. Je mehr ich von der Bedeutung des letzteren durchdrungen bin, desto erboster werde ich .ob-des schnöden Mißbrauches. Wenn ich das Glück hätte, ein Enkel von Moses Mendels» sohn zu sein, so würde ich wahrlich mein. Talent nicht dazu hergeben (hier kommen einige Worte, die die Druckerschwärze nicht vertragen). Ich schreibe Ihnen alles das mit Vorsatz und ausführlich; damit Sie die Gründe meines Zerwürfnisses besser kennen mögen als per Pöbel, dem man sie entstellt insinuieren wird." ' " Wir können diese Randglosse Heines nicht hingetzen lassen, ohne noch mit einigen Worten darauf aufmerksam zu machen, daß Felix Mendelssohn seinen orientalischen Typus, wie wir ihn aüs den zahlreichen Kupferstichen, Bildernusw., die wir von ihm besitzen, kennen, gar nicht verleugnet konnte. Einer seiner intimsten englischen Freunde, John Horsley, bestätigt dies, ausdrücklich, indem er sagt, daß das Aussehen des Komponisten brünett und von entschieden jüdischem Typus gewesen sei. Sein Antlitz hatte, wie mir alte Freunde versicherten, die noch Mendelssohn persönlich kannten, dein'Ausdruck Von Heiterkeit und sprühendem Leben. Ein großer Wohltäter, der über sehr reiche Mittel verfügte, suchte er zuweilen die Hütten der Armen aus,' und es machte ihm ein wahres Vergnügen, zu spenden und die Not seiner ehemaligen Glaubensgenossen zu mildern. Blieben ihm auch, dem im Reichtum Ausgewachsenen, die quälenden Sorgen des Daseins unbekannt, und glichen auch seine Tage dem ewig blauen, sonnigen Himmel Italiens, so hatte er doch ein gar warmes Empfinden für die Armut und das Elend. Sehr richtig bezeichnet ihn N. Schumann als den Mozart des 19. Jahrhunderts, als den hellsten Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und versöhnt habe. Vor allem gebührt ihm das unsterbliche Verdienst, beziehungsweise muß ihm die kulturhistorische Bedeutung zuerkannt werden, daß er für das moderne religiös-musikalische Bedürfnis' einen neuen und tiefen Ton gefunden und so in würdiger Weise die Erbschaft seines Großvaters Moses Mendelssohn auf dem Gebiete der Tonkunst angetreten hat. Ohne Moses Mendelssohns Vorbild hätte es schwerlich einen . Felix Mendelssohn-Bartholdy gegeben. Aus dem Herzen mußte ihm die Musik kommen, und deshalb dringt sie uns auch zum Herzen, und deshalb ergreift sie so mächtig unser Gemüt und erfüllt es mit der Weihe der Glaubenskraft und per Gefühlsinnigkeit.