Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seele mit dem Ton tiefer Wehmut bis zuletzt.- Der ganze Thor der Männer und Frauen, die die "Worte des ersten Männerchörs mit' der vollen Kraft wieder aüfnehmen und mit dem Zusatz des allerdings nicht mehr im Psalm stehenden Textes: „Preis sei dem Herrn, dem Gotte Israels, von nun an bis in die Ewigkeit" in einem kräftigen, fugenartigen Satz -schließe. Hier ist ein kleines, vollständiges psychologisches Drama in Tönen ausgedrückt. Wer diesen Psalm selbst gehört und mitgesungen hat, wird von der musikalischen Bedeutung und dem ergreifenden Inhalt der Komposition angeregt und erschüttert worden sein. ' Felix Mendelssohn beschränkte sich nicht auf die Komposition dieses einzigen Psalms allein, sondern er vertonte auch andere Psalmen, so zum Beispiel den 95. und 115. Psalm. Das erstere ist ein vortreffliches, schwungvolles Werk, ein Lied im höheren; Chor. Berühmt wurde besonders die großartige Schöpfung des Meisters, nämlich die Musik zum 114. Psalm: „Da Israel'! aus Aegypten zog . .,..", komponiert für Chor und Orchester. Im . Charakter und in der Behandlungsweise zwar von dem! 42. Psalm ganz verschieden, aber , in seiner Art fast eben so; groß. Seine Liebe und Verehrung, die er für das alte Testament empfand, bewährte der Meister gerade durch die: Mahl dieses Psalms, der eins der schönen Denkmäler der alt- : biblischen Lyrik ist. ' Nicht allein in zahlreichen Städten Deutschlands, sondern auch im Ausland und speziell in England, wo sich Zeit seines Lebens Felix Mendelssohn .derselben Volkstümlichkeit wie in Deutschland zu erfreuen hatte, riefen seine Psalmenkompositionen die größte Begeisterung hervor, und noch jetzt werden in London, Birmingham, Manchester, in. anderen Städten diese Oratorien mit großer Vorliebe gegeben. Man weiß, daß der Komponist noch durch eine andere Oratorienschöpsung, die gleichfalls biblischen Ursprungs ist, seine Anwartschaft aus die Unsterblichkeit sich gesichert hat. Ich meine den „ Eli as". - , Bereits 1838 trug er sich mit dem Plan zu diesem Oratorium. Aus dem Briefe, den er an seinen Freund Schubring am 2. November 1838 schrieb, ersieht man zugleich, daß er große Pietät für die biblischen Gestalten empfand. Dort heißt es unter anderem: „Ich hatte mir eigentlich beim „Elias" einen echten, durch und durch klugen Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heutzutage brauchen können, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, im Gegensatz zum Hofgesindel und'fast zur ganzen Welt, im Gegensatz und doch getragen wie von Engelsflügeln ... auch daß Dü die allgemeine ans Herz gehende Bedeutung der Bibelworte aufsuchst, erfreut mich." ' Der intime Freund des Komponisten, der Tondichter und Schriftsteller Ferdinand Hiller, gleichfalls ursprünglich dem israelitischen Stamme angehörend, hielt sich im Winter 1831 in Leipzig auf und erzählt nun in seinen Erinnerungen eine interessante .Episode, die für die biblische Empfindung des Schöpfers des „Elias" von Interesse und Wert sein dürfte. „In einer Abendstunde traf ich unseren Felix, die Bibel vor sich aufgeschlagen. Hör zu, sagte er, und er las mir mit leiser, bewegter Stimme die Stelle vor, aus dem ersten BuH der Könige, die mit dem Wort beginnt: „Und siehe, der Herr ging vorüber" (1. Buch der Könige, Kapitel 19, Vers 11 und 12). Wäre das nicht herrlich für ein Oratorium?" — Es war ein künftiges Stück des „ Elias". Am 16. Dezember 1842 schrieb dann Mendelssohn nochmals an den schon genannten Schubring, ihm den Text des „Elias" zusendend und ihn ersuchend, ihm tüchtig daran zu helfen. Sein Freund möge ihm mit Recht viele Bemerkungen am Rande, das heißt rtiit^Bibelstellen und dergleichen, machen, den Text bald wieder' zürückstellen. ' ' ' Mendelssohn und Schubring schufen nun in gemeinsamer Arbeit'den Text, indem .sie aus dem 16., 17. und 18. Kapitel des ersten Buchs der Könige die biblischen Worte zusammenstellten. Der „Elias" beginnt mit dieses Propheten verhängnisvoller. Weissagung der Hungersnot, der die Wehklagen der darunter Leidenden folgen. Daraus wird die . Abreise des Propheten, die Lebenserweckung des Sohnes der Witwe, der Untergang der Baals-Pfaffen, das Oeffnen des Himmels durch Elias Gebet, dem ein Chor des Dankes gegen den Herrn, daß sich jetzt die Wässerströme erheben, folgt, geschildert. Damit schließt der erste Teil. Der zweite Teil umfaßt die Verfolgung des „Elias", seine Flucht in die Wüste und seine Himmelfahrt. Es war für Mendelssohn ein wahres Herzensbedürfnis, den Propheten „Elias", diesen gewaltigen Vertreter der Prophetie im alten Bund, diesen kühnen Sprecher der Theokratie gegenüber den Königen, diesen tatkräftigen Eiferer für Gott, gegen den sinnlichen Kultus der Götzendiener und gegen die Verblendung des durch sie verführten Volkes, musikalisch zu vertonen. Hier verleugnete sich in keiner Note der Musik der jüdische Ursprung des Komponisten. Wie seine Biographen uns mitteiten, wollte er anfänglich den Stifter der israelitischen Religion, Moses, zum Helden eines Oratoriums machen. Aber er beging die Unvorsichtigkeit, einem anderen den Plan mitzuteilen, und dieser kam ihm zuvor, und so legte er denn seine ganze überströmende und tiefe religiöse Empfindung in. den „Elias". Dieser dramatische Stoff mit seinem reichen Wechsel an Szenen packte ihn in seinem Innersten. Er verstand mit virtuoser Meisterschaft, das Ganze zu einem einheitlichen künstlerischen Werke zu verbinden und so allerorten eine erstaunliche Wirkung hervorzurufen. Immer und immer muß es betont werden, daß solche Oratorien wie „Elias" nur ein Meister komponieren konnte, der selbst von tiefster religiöser Empfindung beseelt war. Es ist sehr erfreulich, daß selbst ein Robert Schumann diese Ürsprungsquelle des Genius klär erkannt hat, indem er auf die tiefe religiöse Gesinnung Mendelssohns, die sich überall in seinem Oratorium ausspreche, hinweist und hervorhebt, daß durch die Vermählung des biblischen Wortes mit dem Ton, der Sprache mit der Musik wir alles in lebendiger Darstellung erblicken. Es zeuge ferner von diesem seinen frommen Sinn, daß er die eigenen Worte der heiligen Schrift seinen Kompositionen zugrunde legte. Der Schwung, der in der alttestamentarischen Auffassung herrscht sowie die Kühnheit, mit der bei dem Mendelssöhnschen Oratorium in einfachen'großen Zügen die Gegensätze aneinandergereiht werden, gebe der Bewegung einen freien Spielraum und der musikalischen Stimmung einen festen Halt. In der Tat kann es nicht abgeleugnet werden, daß das religiöse Element, das in den Schöpfungen, unseres Meisters vorwaltet, aus Moses Mendelssohn zurückzuführen ist. Wie dieser sein Großvater, so kannte und liebte auch er die Bibel aus tiefstem Grunde seines Herzens. — Unsere Schilderung der Beziehungen Felix Mendelssohn- Bärtholdys zu Israel'wäre lückenhaft, wollten wir an dieser Stelle nicht auch von dem Verhältnis des Komponisten zu namhaften Juden, speziell zu großen oder doch bedeutenden Tonkünstlern, noch ein Wort reden. Zu seinen intimen Freunden zählten Ignaz Moscheles, Ferdinand Hiller> Ferdinand David und viele andere, die dem israelitischen Stamme angehörten, wenn einige auch später den Glauben ihrer Väter changierten und wie Handschuhe von sich warfen. Allen diesen Männern bewahrte er die Treue bis in den Tod.