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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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nennen 'wie dein Vater, und zweitens hast du die. nie erlöschende vernünftige Verpflichtung anzunehmen, daß dein Vater, was er thut/) ernstliche Ueberlegung und gute Gründe thut. Auf unsrer Reise nach Paris, den Tag nach der halsbrechenden Nacht, fragst du mich um diese Gründe zu der Namensänderung, und ich setzte sie dir weitläufig auseinander. Hast du sie vergessen, so hättest du mich noch einmal danach fragen können, haben sie dir nicht triftig geschienen, so hättest du mir bessere entgegen setzen sollen. Ich will ersteres glauben, weil ich letztere nicht finden kann, und dir daher meine Gründe und Ansichten widerholen. Meines Vaters Vater hieß Mendel Dessau. Als dessen Sohn, mein Vater, in die Welt getreten war, als er anfing genannt zu werden, als er den edlen, nie genug zu preisenden Entschluß faßte, sich selbst, und seine Mitbrüder, aus der tiefen Erniedrigung, in welche sie versunken waren, durch Verbreitung einer höheren Bildung zu reißen, fühlte er, daß es ihm zu schwer werden würde, als Moses Mendel Dessau in das nähere Verhältnis, welches ihm erforderlich war, zu denjenigeil zu treten, die damals im Besitz dieser höheren Bildung waren; er nannte sich, ohne daß er fürchtete seinem Vater dadurch zu nahe zu treten, Mendelssohn. Die Aenderung war so unbedeutend als entscheidend. Als Mendelssohn trennte er sich unwiderruflich von einer ganzen Masse. aus der er die -besten zu sich hinaufzog,- und an eine andre Gemeinschaft anschloß. Der große Einflußden er damals durch Wort, Schrift und That, auf die edelste und geistreichste Weife ausübte, der heute noch fortlebt und sich in steter Entwicklung verbreitet, gab dem Namen den er angenommen, ein großes Gewicht, "aber auch eine unauslöschliche Bedeutung.. Einen christlichen Mendelssohn kann es nicht geben, denn die Welt agnoscirt keinen, und soll es auch nicht geben, denn er selbst wollte es ja nicht sehn Mendelssohn ist und bleibt ewig das Judentum in der liebergangsperiode, das sich, weil es sich von Innen heraus rein geistig zu verwandeln strebt, der alten Form um so hartnäckiger und konsequenter anschließt, als anmaßend und herrschsüchtig die neue Form meynt und behauptet, eben nur durch sie sey das Gute zu erreichen: Der Standpunkt auf welchen mich mein Vater und meine Zeit gestellt, legte nur gegen Euch, meine Kinder, andere Pflichten auf, und gab mir andere Mittel an Händen, ihnen zu genügen, ich hatte gelernt, und werde es bis an meinen letzten Atemzug nicht vergessen, daß die Wahrheit nur Eine und ewig, die Form aber vielfach und vergänglich ist, und so erzog ich Euch, solange die Staatsverfassung unter der wir damals lebten, es zugeben wollte, frei von aller religiösen Form, welche ich Eurer eigenen Ueberzeugung, im Fall diese eine erheischen sollte, oder Euer Wahl nach Rücksichten der Convenienz überlassen wollte. Das sollte aber nicht seyn, ich mußte für Euch wählen. Daß ich keinen innern Beruf fühlte, bei meiner Geringschätzung aller Form überhaupt die jüdische als die veraltetste, verdorbenste, zweckwidrigste für Euch zu wählen, versteht sich von selbst, so erzog ich Euch in der christlichen als der gereinigteren von der größten Zahl civilisirter Menschen angenommenen und bekannte mich auch selbst zu derselben, weil ich für mich thun mußte, was ich für Euch als das bessere erkannte. So wie aber meinem Vater sich die Nothwendigkeit aufgedrängt hatte, seinen Nahmen seiner Lage angemessen zu modifizieren, so erschien es mir Pietät und Klugheitspflicht zugleich das auch zu thun. Hier habe ich mir eine Schwäche vorzuwerfen, ich bekenne sie, aber ich halte sie für verzeihlich. Was ich für recht hielt, hätte ich ganz und entschieden thun sollen. Ich hätte den Nahmen Mendelssohn ganz ablegen, und den Neuen ganz annehmen sollen; ich war meinem Vater schuldig, es zu thun, ich that es nicht, um langjährige Gewohnheit, viele Mitlebende zu schonen, schiefen und giftigen Urteilen zu entgehen; ich that Unrecht, ich wollte den. Uebergang vorbereiten, ihn Euch erleichtern, die ihr nichts zu schonen und zu besorgen hättet. Ich ließ sehr absichtlich deine Karten in Paris Felix M. Bartholdh stechen, da du im Begriff warst in die Welt zu treten, uyd dir einen Nahmen zu machen. Du bist in meine Ideen nicht eingegangen, ich habe auch hier wieder, schwach genug, nicht eingegriffen, und wünsche mehr als ich erhoffe oder verdiene, daß mein jetziges Einschreiten nicht zu spät komme. ergänze: nicht ohne? Du kannst und darfst nicht Felix Mendelssohn heißen. . Felix MendelssohN-Bartholdy ist zu lang, und kann kein täglicher Gebrauchsname sehn, du mußt dich also Felix Bartholdh nennen weil der Name ein Kleid ist, und dieses der Zeit, dem Bedürfniß, dem Stande angemessen sehn muß, wenn es nicht hinderlich oder lächerlich werden soll. Die Engländer, sonst so förmlich, altrechtgläubig und steif, ändern ihre Nahmen öffters im Leben, und es wird fast keiner unter dem Nahmen berühmt, den er in der Taufe erhalten. Und sie haben Recht, ich wiederhole dir, einen christlichen Mendelssohn gibt es so wenig als einen jüdischen Consucius. Heißt du Mendelssohn so bist du eo ipso ein Jude, und das taugt dir nichts, schon weil es nicht wahr ist. Beherzige dies, mein lieber Felix und richte dich danach. Kommt heute noch dein Brief, so finde ich auf dem großen Bogen wohl noch Platz zu einigen Worten. ' Dein Vater und Freund." Der Veröffentlicher dieses charakteristischen Briefes nennt Abraham Mendelssohn mit Recht eine tragische Natur. „Er war als Kind seiner Zeit und Umgebung Rationalist durch und durch. So verfällt er der Kurzsichtigkeit dieser Anschauung, die über dem Zweckmäßigen der Gegenwart die Lehre der Vergangenheit übersieht und deshalb die schlechteste Prophetin der Zukunft ist." Felix hat jedenfalls den Rat des Vaters nicht befolgt, und das ist wieder charakteristisch für ihn. Sehen wir uns nun einige Kompositionen Mendelssohns zu biblischen beziehungsweise alttestamentarischen Texten etwas genauer an. . ■ Als edelste Frucht der Muße feiner Hochzeitsreise kann seine Komposition des 42. Psalms gelten,, die am 1. Januar 1838 im Abonnements-Konzert zu Leipzig zum erstenmal aufgeführt worden ist. Ueber dieses in seiner Art ‘ einziges Werk, hatten die Kritiker nur eine Stimme der Anerkennung und des Lobes. Noch jetzt, obschon mehr als 70 Jahre seit der Aufführung verstrichen sind und sich auch der musikalische Geschmack des Publikums gewaltig geändert 'hat, wird man nicht umhin können, das Urteil eines Biographen des Meisters, W. A. Lampadius, zu unterschreiben, der den 42. Psalm Mendelssohns mit den Worten charakterisiert, daß tiefer und inniger wohl noch nie vorher die fromme Sehnsucht, Gott zu schauen, in Tönen ausgesprochen worden sei. Nachdem der Chor sein Verlangen nach Gott in den herrlich deklamierten Worten: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir" gemeinsam kundgegeben, sei in einem Sopransolo die Klage der Sehnsucht nach dem lebendigen Gott noch nachdrücklicher und lebendiger betont. Ein Chor der Frauen trete gleichsam erklärend und rechtfertigend in den Worten hinzu: „Denn ich möchte gern hingehen mit den Hausen und mit ihnen wallen zum Hause Gottes", eine Musik, die durch ihren schrittmäßigen Takt zugleich eine Reminiszenz an die frohe Wallfahrt nach dem Tempel Gottes enthalte. Dahingegen erhebe sich nun der Chor der Männer ermahnend und sich selbst Trost zusprechend: „Was betrübst Du Dich meine Seele — harre auf Gott." Aber jene erste klagende Frauenstimme trete, dadurch jene Erinnerung an die schönen Gottesdienste des Herrn, daß die Klage gerechtfertigt und die Sehnsucht noch verschärft sei, mit ihrer betenden Trauer jetzt noch entschiedener hervor: „Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir — alle Deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich." Da ertönt, in "beruhigendem Dur, von Cellis begleitet, ein herrliches Männerhuartett voll Trostes und gläubiger Zuversicht: „Der Herr hat verheißen des Tages seine Güte, und des Nachts singe ich zu ihm und bete zu dem Gotte meines Lebens." Aber noch immer mischt sich in ihren Gesang jene zweifelnde und klagende

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