Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ü I; +r I r- I Bevormundung und Verdummung der Geister in Sachen des Glaubens vorzubeugen - Freiheit im. Denken und Sprechen war von jeher. der geistige Atemzug des Judentums. Als Rabbi Juda Hanaßi, Redaktor der Mischna, der wegen seiner tiefen Frömmigkeit, außerordentlichen Wohltätigkeit und Sittenreinheit der Heilige genannt wurde, der früher von ihm vertretenen Ansicht entgegen, derjenigen des ihm innig befreundeten römischen Kaisers Antoninus huldigte, wonach Leib und Seele schon an der Wurzel gleichgesetzt sind, hat kein Wort des Befremdens aus dem Krerse der Talmudisten sich gegen ihn erhoben. Und als Rabbi Meir einst darüber zur Rede gestellt wurde, warum er mit seinem ehemaligen vom Judentum abgefallenen Lehrer Elisa ben Abuja, genannt Acher, noch" immer im gelehrten Verkehr stehe, antwortete er: „Ich. finde einen Granatapfel, esse die. Frucht und werfe die Schale weg." Moses Mendelssohn konnte daher gegenüber der durch das ganze Mittelalter hindurch und auch in der neueren Zeit herrschenden Intoleranz und Verdammungssucht, der so viele große Geister zum Opfer fielen, auf die Denkfreiheit und Toleranz im Judentum mit Genugtuung Hinweisen, worüber auch Kant sich freudig überrascht äußert, indem er an Mendelssohn schreibt, er habe „Jerusalem" gelesen und den Gedankengang bewundert, ba ihm das Judentum mit einem so hohen Maße von Gewissensfreiheit ausgestattet erscheint, wie man es demselben nicht zugetraut hätte, und deren sich keine andere Religion rühmen könne; es werde demnach auch die Kirche ihrerseits daran denken müssen, sich danach einzurichten. Das Judentum, von der Hoheit der Menschennatur durchdrungen. so daß dieselbe, wie allgemein bekannt und oft betont, als Ebenbild Gottes sich ihm darstellt, kann in der Darwinistischen Theorie keine Gefahr für die echte Religion und wahre Sittlichkeit erblicken; denn durch seine intellektuellen und ethischen Anlagen ragt der Mensch so hoch über die Tierwelt hinaus, daß die tiefe und weite Kluft zwischen Mensch und Tier unüberbrückbar erscheint. Religion, und Ethik, Künste und Wissenschaften, hohe menschengesellschaftliche Ideale, die wie ewige Leitsterne in eine ferne Zukunft auf große Ziele Hinweisen, dieses alles hebt den Menschen zu einer Höhe empor, zu der kein Tier jemals in der allerweitesten Entwicklung durch natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein, Abänderung und Vererbung emporklimmen kann. Hierin zeigt sich wohl ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen Glauben und Naturwissenschaft, zwischen Religion und Forschung, und er wird so lange nicht auszugleichen sein gls bis menschliche Forschung nicht mehr ein bloßes Stückwerk sondern ein vollkommenes lückenloses Wissen darstellen wird dazu kann es aber die Menschheit bei der Unvollkommenheit ihres Wesens niemals bringen. Was dem Wissen als solchem mangelt, das bauen Religion und Ethik weiter aus, um den Vorzug der Menschheit zu vollenden. Es mögen daher durch übermächtige Naturgewalten sowie durch eine Hochflut wissenschaftlicher Forschung, wie die, Naturwissenschaft eine solche ist, Katastrophen eintreten, die hier und dort zerstörend wirken, dort erschreckende Lücken ins menschliche Leben reißen und hier in das religiöse Leben vieler eine Bresche legen, um es tief herabzustimmen, die echte und wahre Religiosität, die ihren Sitz im tiefsten Herzen hat und sich aus demselben immer wieder von neuem erzeugt, sie erhebt sich über Trümmer und Untergang und rettet sich die ewigen Güter des Glaubens, aus denen die Ordnung und Gesittung des Menschenlebens beruht. Die Selektionstheorie gipfelt in dem Satze, daß im Kampf ums Dasein das Passendste am Leben bleibt. Diesen Begriff Mi haben die alten Heidenvölker schon aus der Erfahrung gewonnen und. ihm, wie bekannt, die- Deutung verliehen, die Schwächlichen und Kranken auszusetzen; and Friedrich Nietzsche reicht aus demselben Grundsätze heraus jenem heidnischen Altertum über die Jahrhunderte hinweg die Hand, indem er, um seinem gewaltigen Uebermenschen Platz zu schaffen, auffordert, den Schwachen nicht nur nicht aufzurichten, sondern zu stoßen, daß er fälle. Das Judentum hat dagegen aus dieser verhängnisvollen Erfahrung, daß nur das Passendste am Leben bleibt, den - mächtigsten Antrieb gewonnen, möglichst alle zu Passenden zu machen. Es hat daher in seiner vortrefflichen Gesetzgebung, die in jedem Volksgenossen das lebhafteste Gefühl der Solidarität geweckt hatte, dafür Sorge getragen, daß die Schwachen gestärkt und konkurrenzfähig gemacht wurden : „So Dein Bruder neben Dir verarmt und seine Hand sinkt, sollst Du ihn stärken, Fremdling wie Beisatz, auf daß Dein Bruder neben Dir lebe." So fbTDCte das biblische, soziale Ideal, „daß kein Dürftiger unter Dir sei" möglichst der Verwirklichung nahegebracht werden. Im Judentum wird alles willkommengeheißen, was Weisheit und Erkenntnis mehrt, wenn es nur nicht direkt darauf ausgeht, die ewigen Grundlagen der Religion und der Moral zu zerstören. Darwin vermeidet es strengstens, aus seinem System solche destruktiven Folgerungen zu ziehen im erfreulichen Gegensatz zu manchen seiner neueren Interpreten die sich darin nicht genug gefallen können. Wenn wir daher einem Geisteswerke wie dem Darwins gegenüberstehen, so können wir ihm wegen der mächtigen Anregung, die Religion und Philosophie durch dasselbe erhaltensich zu vertiefen, die menschliche Seele und ihre Kräfte auf ihren göttlichen Gehalt von neuem zu durchleuchten, unsere * Teilnahme nicht versagen. Felix Mmdelslohn-LarthoMy. Von Dr. Adolph Kohut. II. IPtrt einziges Mal hat Abraham Mendelssohn an seinem Sohn Felix etwas ausMetzen gehabt — als dieser ihm betreffs einer Namensänderung^nicht folgen wollte. Ein Nachkomme, A. Mendelssohn-Bartholdy in Würzburg, hat in Nr. 31 der „Frankfurter Zeitung" den bisher unbekannten Brief Abrahams an seinen Sohn in London vom 8. Juli 1829 zum erstenmal veröffentlicht. Er ist von höchstem Jntereffe und muß deshalb im Wortlaut hier mitgeteilt werden: „Der große Bogen wird heute wohl ohne mich voll werden, ich habe bemerkt, daß diesem Bogen manche fremde Beiträge geliefert werden und ich will dir daher um so mehr einen eignen Brief schreiben als ich mich einer ernsten Angelegenheit wegen mit dir expliciren muß. Ich muß vermuten, daß du dort den von mir angenommenen Familiennamen Bartholdy entweder ganz supprimiert, oder doch wenigstens vernachlässigt und geduldet hast, daß es von andern geschehe, ich finde dich wenigstens sowohl auf dem von dir eingesandten Koncertzettel als in allen Journalartikeln nur als Mendelssohn aufgeführt und kann mir diese Uebereinstimmung nur dadurch erklären, daß du sie veranlaßt hast. Ich bin nun mit der Sache sehr unzufrieden, und hast du sie veranlaßt, so hast du sehr unrecht gehabt. Ern Name ist am Ende nicht mehr und nicht weniger'als ein Name, allein, erstlich hast du, bis du der väterlichen Gewalt'entlassen bist, die einfache und unumgängliche Verpflichtung dich zu .