Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228860--65322-3277440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
im. Vorstand der Taubstummen-Anstalt, im Kuratorium, der gärtnerischen Erziehungsanstalt zu Ahlem, er war einer der -Gründer des „Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" usw. Ttze . Vornehmheit seiner Persönlichkeit kam auch in seinen schlichten Umgangsformen zum Ausdruck, in denen jeder Milde und Herzenstakt herausfühlen mußte. Als er unter Teilnahme weiter Kreise seinen siebzigsten Geburtstag feierte, ehrten ihn seine Freunde durch Gründung einer Gustav Tuch-Stiftung. Bei der vor vierzehn Tagen erfolgten Einweihung des „Israelitischen Mädchenheims" wurde von allen Rednern betont, daß das Institut aus der Initiative Gustav Tuchs hervorgegangen sei. Unsere Vaterstadt hat einen ihrer besten Mitbürger verloren, und nicht nur unsere Gemeinde, sondern auch weite Kreise Hamburgs beklagen tief und innig den so jähen Tod des unvergeßlichen Wohltäters. Er .war aber noch viel mehr, nämlich eine der markantesten Erscheinungen des deutschen Judentums und hat an allen Fragen und Sorgen seiner Gemeinschaft den innigsten, wärmsten Anteil genommen. Die Bestattung, die heute vom Sterbehause aus stattfand, gestaltete sich zu einer bedeutenden Trauerkundgebung. Nicht Hunderte, nein Tausende hatten sich eingefunden, um dem verdienten Mann die letzte Ehre zu erweisen. Die sämtlichen Institutionen, die der Initiative des Verblichenen ihr Entstehen zu danken hatten, waren durch ihre Vereinsmitglieder vollständig vertreten. Die Mitglieder der hiesigen Henry- Jones - Loge waren in corpore erschienen; die Schwesterlogen Bremen und Lübeck durch Delegierte vertreten. Ferner waren Deputationen der Großloge in Berlin, des Hilfsvereins deutscher Juden, des Vereins füx Bodenkultur und viele Vertreter auswärtiger Vereine anwesend. Freunde, Verehrer und Mitarbeiter waren unter anderem, aus Berlin, Hannover, Frankfurt a. M. zur Bestattung herbeigeeilt. Von der hiesigen jüdischen Gemeinde hatten sich Herr Oberrabbiner M. Hirsch, die übrigen Rabbiner und Prediger, Gemeindevorsteher und Vertreter, sämtlicher Institutionen eingefunden. Nur ein kleinerTeil der Erschienenen konnteEinlaßimTrauerhause finden, viele Hunderte hatten auf der Straße Aufstellung genommen. Der vollständig schmucklose Sarg war im Wohnzimmer ausgebahrt. Nachdem sich die nächsten Angehörigen um den Sarg versammelt, ergriff Herr Justizrat Timendorser, Präsident der Großloge in Berlin, das'Wort, um dem Entschlafenen einen tiefempfundenen Nachruf zu halten. Der Verblichene war im Ringen nach den höchsten Idealen der Humanität, ein Mann der seltensten Treue; aus seinem starken sozialen Empfinden heraus schuf er Werke, die ihm ein bleibendes Andenken und die Dankbarkeit seiner Mitmenschen sichern. Mehr als 20 Jahre hat Gustav Tuch dem Komitee der Großloge angehört, er hat sich unvergängliche Verdienste erworben, um Bodenkultur und Landwirtschaft unter den deutschen Juden zu fördern. Sein Wirken für die deutschen Juden sichert ihm ein Andenken für alle Zeiten. Herr Jakob Alexander, Vorsitzender des Repräsentanten-Kollegiums der Hamburger Gemeinde, sprach dem unersetzlichen Mitarbeiter herzliche Worte des Dankes aus, für alles, was er zur Hebung der Gemeinde in Hamburg getan. Durch die. Gründung so vieler segensvoller Institutionen habe er sich ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Im Namen der hiesigen Henry-Jones-Loge sprach der.jetzige Präsident Herr Alfred Lisser noch pin tief empfundenes Abschiedswort. Herr Dr. Rieger sprach im Namen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, währendrHerr Dr. .Leimdörfer als letzter Redner die jugendsrische Begeisterung des Verewigten für alles Gute uttd Schöne kennzeichnete. Der unübersehbare Leichenkondukt bewegte sich nun nach dem Friedhof am Grindel, woselbst die Beisetzung im Erbbegräbnis stattfand. Tief bewegt trennten sich die Leidtragenden von dem Grabe des edlen Philanthropen, dessen Andenken fortleben wird in dankbarer Erinnerung in der Geschichte des deutschen Judentums. Lum Dsrwin-TsM. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. -^(n der Erinnerung Tausender steigt in diesen Tagen das Geistesbild eines Mannes auf, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Reiche der Wissenschaft eine Umwälzung hervorgerufen, die sich noch bis in unsere Tage hineinerstreckt. Am 12: Februar d. I. sind hundert Jahre verflossen, seitdem Charles Darwin das Licht der Welt erblickte, um später als größter Naturforscher des Jahrhunderts auf dem Gebiete des Wissens. ein Licht zu entzünden, in welchem viele die Welt wesentlich anders erblicken sollten. Es scheint, als ob der Sensualismus Loke's sich in ihm inkarniert hätteindem er bei seiner Forschung alle metaphysischen und traditionellen Anschauungen ausschließt und nur den angeborenen praktischen Geist des Briten vorwalten läßt. . Seit der Entdeckung Galiläis von der Bewegung der Erde um die Sonne hat keine Weltanschauung die Gemüter so aufs tiefste erregt als dieCharlesDarwins. Diesewie jene haben in den weitesten 'Kreisen Angst und Schrecken verbreitet. Besonders war die Theologie von der letzteren hart betroffen; sie war für sie geradezu eine Katastrophe. Denn hat Galiläi seinerzeit die Erde aus dem Mittelpunkt der Erde gehoben, so ging infolge .der Darwinistischen Theorie der Mensch seiner bis dahin für absolut gehaltenen Vorzüge vor dem Tier verlustig. Das Ebenbild Gottes mit dem unumgänglichen Attribut der sittlichen Freiheit wurde in die unverbrüchliche Kette der Kafualität eingereiht. Die ganze'Natur ist ein Mechanismusdem alles, der Mensch nicht ausgenommen, unterworfen ist. Die Arten der Pflanzen und Tiere sind nicht von der Schöpfung her fixiert, wie es in der Schöpfungsgeschichte der heiligen Schrift heißt, sondern sie stellen in je großen Zeiträumen durch allmähliche Veränderungen verschiedene Formen dar; sie sind im ewigen Fluß begriffen. Was sonst als Gotteswerk und Leitung angesehen ward, das erscheint nun nach der Darwinschen Theorie als im ,^Kampf ums Dasein" und durch „natürliche Zuchtwahl" geworden. Eingreifen Gottes in den Gang der Natur und der menschlichen Geschicke, Offenbarung, Vorsehung, Wunder sinken danach zu wesenlosen Schemen herab. — Wie stellt sich nun das Judentum zu dieser Theorie? Wenn Darwin heute noch lebte und ihm ein frommer Jude begegnete, so würde er nach der Vorschrift der alten Talmudisten den für den Anblick eines Weltweifen bestimmten Segensspruch über ihn sprechen: „Gepriesen seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der von seiner Weisheit dem Sterblichen hat mitgeteilt." Das ist Nicht zu verwundern bei einem Volke, dessen reiche Literatur vielfach in der begeisterten Preisung der Weisheit widerhallt und sie als ein Teilhaben am Göttlichen feiert: „Wahrlich, der Geist ist es im Menschen und der Odem des Allmächtigen erweckt ihn zur Einsicht." Vielmehr ist es sehr wohl, begreiflich bei einer Religion, die wie die jüdische in ihren Urkunden immer und immer wieder das Wissen als ein erstrebenswertes Gut anempfiehlt, und zwar gerade wegen der Aufklärung, die aus demselben folgt, um der gewaltsamen