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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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und haben es schon zu Beginn der großen Budgetdebatte betont, daß es durchaus nicht der verfaffungsgemäß garantierten Parität entspricht, wenn für die Geistlichen der evangelischen. Landeskirchen 11585 761 Mark^fürdie der katholischen Kirche 5618400 Mark in den Etat gestellt werden, während die der jüdischen Konfession nichts erhalten, obwohl doch das Geld für diese Subventionen aus dem Säckel aller Steuerzahler fließt. Demgemäß hat auch der Abgeordnete Eickhoff schon' am 30. Oktober v. I. bei den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über das Besoldungswesen der Kirchengemeinden die Sache zur Sprache gebracht. Und der „Verband der Deutschen Juden" hat, dieser Anregung folgend, bald darauf einen Antrag eingebracht: Die Königliche Staatsregierung zu ersuchen, noch im Lause dieser Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den eine Summe von 400 000 Mark jährlich aus Staatsmitteln zur Gewährung von Beihilfen an leistungsfähige jüdische Gemeinden zwecks Aufbringung von Grundgehalt, Alterszulagen, Ruhegehalt und Hinterbliebenen- Versorgung ihrer Rabbiner sowie zwecks Neuerrichtung von Rabbinerstellen bereitgestellt wird. Dieser Antrag wurde in der ersten November-Woche von zwei Mitgliedern der Kommission in der Form einer Resolution ausgenommen, die die betreffende Kommission aber ablehnte, und zwar, weil sie nach der Lage der Gesetzgebung sich außerstande erklärte, bei dem Pfarrer- und Lehrerbesoldungsgesetz diese Materie zu regeln. Den Antragstellern wurde anheimgegeben, ihre Wünsche eventuell im Plenum zu wiederholen. Dies wird nun geschehen. Wir geben uns hinsichtlich des Erfolges keinen Illusionen hin, aber wir wissen, daß dieser Antrag solange wiederholt werden wird, bis er Annahme gefunden hat. Denn er trägt die Berechtigung in sich, und wir glauben nicht, daß eine Partei im Landtag denselben pure ablehnen wird. In der Schweiz wird jetzt die Frage der Trennung der Kirche vom Staat sehr eifrig ventiliert. Einzelne Kantone wie z. B. Genf und Neuenbnrg haben die Trennung bereits seit dem 1. Januar durchgeführt, in anderen, die für uns als Juden besonders in Frage kommen, wie in Zürich und Basel beschäftigt man sich jetzt viel mit der Sache. Im Kanton Basel-Stadt hat män sich für eine Verfassungsänderung entschlossen. Der Regierungsrat hat den Vorschlag gemacht, daß die beiden bisherigen Landeskirchen, die protestantische und die christ-katholische öffentlich, rechtliche Körperschaften bleiben sollen mit dem Rechte, Kultussteuern zu erheben und anderseits die Negierung über die Gliederung und das Finanzwesen dieser Kirchen ein gewisses Aufsichtsrecht behält, während die bisherigen als bloße religiöse Genossenschaften betrachteten kirchlichen Gemeinschaften, wie die römisch-katholische ° und jüdische, völlig frei und jeder besonderen staatlichen Aufsicht ledig bleiben würden, dafür allerdings auch nicht die Rechte öffentlich-rechtlicher Einrichtungen genießen. Die israelitische Gemeinde, wird mit einer einmaligen Zahlung von 15 000 Francs abgefunden. Dieser Antrag ist auch' fast einstimmig angenommen worden. * Ueber die Bemühungen, die in Spanien gemacht werden, um die sefardischen Juden im Orient wiederzugewinnen, haben wir bereits wiederholt berichtet. Auch die Arbeiten des hochangesehenen Arztes und liberalen Senators Dr. Angel Pulido um die Wiedergewinnung dieses. Elementes, das der spanischen Kultur, der geistigen wie der materiellen, seit jenen mittelalterlichen Tagen nur zu sehr gefehlt hat, sind von uns schon oft gewürdigt worden. Seither hat die Idee in den fortschrittlichen Kreisen an Anhängern gewonnen und zu einer noch jungen, aber lebhaften Bewegung geführt, in deren Dienst sich die von der modernen Frauenrechtlerin Colombine (Carmen de Burgos), geleitete Zeitschrift „La Revista Critica“ gestellt hat. Spanische Politiker stehen in dieser Propaganda neben den sich nach dem Vaterlande zurücksehnenden „Sesarditas", unter denen der in Tanger lebende spanisch-marokkanische Jude Pinhas Asahag als einer der Vorkämpfer genannt zu werden verdient. Vor kurzem hat sich sogar in Madrid eine „Alianza Hispano-Israelita“ gebildet, die einer Rückberufung der Juden spanischen Ursprungs den Boden bereiten will. Ein Aufruf zum Beitritt weist unter anderen einflußreichen Unterschriften die Namen des ehemaligen Ministerpräsidenten Moret, des früheren Kammerpräsidenten Canalejas, des republikanischen Führers Nakens und die der Dichter Blasco Jbanez und Perez Galdos auf. Nun ist diesen ,-sonderbaren Schwärmern" unverhofft eine wirksame Hilfe erstanden. Die „Correspondencia de Espana“, ein gewiß durchaus nicht radikales oder antiklerikales Blatt, bringt heute einen eindrucksvollen Artikel ihres jüngst als Berichterstatter in die Türkei entsandten Redakteurs, Julio Camba, den die „Frankfurter Zeitung" wiedergibt und durch sich selber sprechen lassen will. Der Verfasser schreibt unter anderem aus Konstantinopel: „In diesem babylonischen Gewirr aller Sprachen hat keine eine solch interessante Geschichte wie das Spanische. Als die Juden Spanien verließen, nahmen sie die Sprache mit sich wie einen teuren Schatz und so pflegten sie sie auch. Ist es befremdlich, daß sie sie so pflegten, da es ja doch Juden waren? Unter.ihrer Hut hat sich das Castellanische hier durch mehr als vier Jahrhunderte lang erhalten, und zwar besser noch als in Spanien selbst. Es ist fast dasselbe Castellanische wie das des XV. Jahrhunderts, nur mit einigen ausländischen Worten vermischt. Ich will hier nicht das Tun der katholischen Könige, als sie die Juden aus Spornen vertrieben, erörtern; ich will nur bemerken, daß, wenn die Juden Anlaß zu. ihrer Vertreibung gaben, sie sich dann durch ihre spätere Führung eine völlige Verzeihung verdient haben. Allein ihre Sprache müßte genügen, um sie der größten Sünden ledig zu sprechen. Hier, wo sich alle Idiome vermischen und verlieren, haben die Juden ihr Castellanisch vom Vater auf den Sohn vererbt wie ein köstliches Erbe. Man muß bedenken, daß dieses Spanisch ihnen zu nichts diente, daß sie sich im Handel und Verkehr anderer Sprachen bedienen mußten. Nur unter sich 'redeten sie das Castellanische und immer nur dieses. Noch heute ist es der Mutterlaüt, in dem das erste Stannueln des Kindes klingt. „Für uns dient es zu nichts," sagten die Väter, „aber ihnen wird es vielleicht einmal nützlich sein." Denn soviele Geschlechter hindurch haben sie. nie die Hoffnung verloren, daß ihnen das Vaterland eines Tages wieder die mütterlichen Arme öffnen werde. Als Familiennamen haben sie Namen ihrer spanischen Heimatstädte angenommen. Darum findet man unter den ersten Bankiers von Konstantinopel Namen, die dem Ohr des spanischen Reisenden so vertraut klingen: Sesiores Toledo, Gebrüder' Cuenca. Noch viele andere Juden nennen sich mit den Namen anderer. Städte: Sevilla, Cordoba, Zaragoza, Rosas, Calahorra. Dann möchte ich noch den merkwürdigen Umstand erwähnen, daß es israelitische Zeitungen gibt, deren spanischer Text in hebräischen Lettern gedruckt wird. In dieser Form erscheinen in Konstaukinopel die beiden israelitischen Tageblätter „El Tiempo“ und „El Telegrafo“. Jetzt ist man daran, noch eine andere Zeitung zu gründen, die in lateinischen Lettern gedruckt werden soll. Wie kommt es, daß unsere Regierungen niemals dieses so überaus wichtige Problem der Juden des Orients studiert Haben? Nicht nur um der Gerechtigkeit willen hätte man 'sich ihrer annehmen, sondern aus praktischen Gründen sich ihrer bedienen müssen. Spanien war verpflichtet, alle Aufmerksamkeit der Stimme seiner Söhne zu widmen. Was hätte es gekostet, einige Schulen in der Türkei zu. errichten, um das

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