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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-12 · Heft 7 (12.2.1909) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 7 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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Es muß immer von neuem jedes Mittel ergriffen werden, um endlich auch den Antisemitismus, wo er sich.an staatlichen und Verwaltungsstellen zeigt, energischer zu bekämpfen. Was nützt es uns, wenn, wie jetzt im Wahlkreise Siegen, der politische Antisemitismus eine Niederlage erlitten, was für ein Gewinn erwächst uns schließlich daraus, wenn noch ein weiterer Wahlkreis den Antisemiten entrissen würde — obwohl wir selbstverständlich auch ein solches Ereignis als bedeutungsvoll und höchst wichtig wie erstrebenswert erachten — wenn nicht auch in den Verwaltungsstellen die antisemitische Tat . .endlich von Grund auf. unmöglich gemacht wird? Hier in den Verwaltungsstellen, im Offizierkorps, in weiten Kreisen des jungen juristischen Nachwuchses waltet noch immer jener Geist, der von Stöcker entfacht, durch die „Vereine deutscher Studenten" gezüchtet ist und der, ohne das Gewand des Antisemitismus immer so deutlich zu zeigen, wie in den erwähnten Fällen, in der Vorenthaltung unseres Rechtes wirksam ist. Darum ist es nicht leine Sache minderer Wichtigkeit, gerade diese Fälle in der Volksvertretung zur Sprache zu bringen, hier zu verlangen, daß die ministeriellen Ressortchefs Farbe bekennen und hier festzustellen, daß wir auch im Preußen des zwanzigsten Jahrhunderts noch immer nicht so weit sind, jenen Grundsatz der vollen Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses' durchgeführt zu' sehen. Wir deutschen Juden sind leider mehr als alle anderen verpflichtet und genötigt, bezüglich der vollen Gleichberechtigung das Goethesche Wort zu beherzigen: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu bei sitzen." Die verfassungsrechtliche Gleichberechtigung, für die unsere Vorgenerationen so energisch und erfolgreich gekämpft haben, wir müssen sie, weil wir Juden sind, fast scheint es, täglich, neu erringen. Die liberalen Parteien, denen jener Grundsatz das Fundament ihrer Weltanschauung und Politik ist, aber haben die Pflicht, uns in diesem Kampfe so zu unterstützen,; wie die große Mehrheit der jüdischen Staatsbürger der ■ liberalen Staatsaufsassung zum Siege zu verhelfen bereit gewesen ist und bereit ist. Wenn daher der Etat aus den Kommissionen zur zweiten Lesung vor das Plenum gelangt, hoffen und erwarten wir, daß die liberalen' Parlamentarier sich auch unserer entsinnen und das Erforderliche im Parlamente unternehmen werden. Wir glauben, die Pflicht zu haben, dieses Erinnerungswort an. unsere Volksvertreter auf der linken Seite des Hauses , jetzt, zur gegebenen Stunde, zu richten! Die Woche. mV erlin, 9. Februar, an muß alle frommen Mahnungen altjüdischer Ethik sich vergegenwärtigen, die dein Toten gegenüber volle Sühne lehren, um die Nachricht von dem Tode des Hospredigers Adolf Stöcker mit der Ruhe aufzunehmen, die uns unser Gesetz der Liebe eingeimpft hat. Denn er war eitler der schlimmsten Gegner, die das Judentum gehabt hat. In der Reihe der grimmigen Judenfeinde, die mit dem biblischen Amalekihren typischen Anfang nimmt und die auch leider mit dem Hosprediger Stöcker wohl noch nicht abgeschlossen ist, nimmt er einen ganz besonderen Rang ein. Noch ist es nicht an der Zeit, den überaus schädlichen Einfluß im einzelnen zu schildern, den er jahrzehntelang auf unser ganzes öffentliches Leben ausgeübt hat, zu erzählen, wie er mehr als irgendeiner zur Schürung des Raffenhasses und zur Untergrabung des Friedens zwischen den verschiedenen Schichten des Volkes beigetragen hat. Begnügen wir uns süp heute mit den historischen Daten — die Zeit wird kommen, wo man die Betrachtung dieses Lebenslaufes Mit historischer Objektivität wird anfnehmen können. Adolf Stöcker, der Hof- und Domprediger, wurde im Jahre 1878 der Gründer der christlich-sozialen Partei und Führer der wüstesten antisemitischen Bewegung. Unter dem Schein des Kampfes gegen die Sozialdemokratie betrieb, er bald die rücksichtsloseste Judenhetze und regte die niedrigsten Instinkte an. Alte Vorurteile, die sich längst nicht mehr vorwagten oder die allgemein verlacht wurden, brachte er wieder auf die Tribüne und in den falschen Ruf der Hoffähigkeit, obwohl der Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich/dieses Treiben öffentlich eine Schmach für Deutschland und das Jahrhundert nannte. Mit der Beredsamkeit eines Demagogen ausgestattet, wußte er einflußreiche Personen und weite Kreise des Bürgertums seinen Zwecken dienstbar zu machen. Auf der Höhe seiner Macht stand er in den Tagen der bekannten Waldersee- Versammlung. Dem Fürsten Bismarck im Gegensatz zum Minister v. Puttkamer, der seine Versammlungen besuchte, war er unsympathisch, auch wenn der Kanzler gelegentlich aus dem Antisemitismus Nutzen zu ziehen suchte. Er hatte sogar die Absicht, ihn während des Sozialistengesetzes aus Berlin ausweisen zu lassen. Seinen-Sturz führte der „Scheiterhaufenbrief" des Hofpredigers herbei; 1890 erhielt er seinen.Abschied, nachdem ihm schon vorher die Wahl gestellt worden war, entweder aus die Agitation oder auf das Amt zu verzichten. Er hatte den hervorragendsten Anteil an der Berliner Stadtmission und beeinflußte das Kirchenregiment in der reaktionärsten Weise, bei den verschiedensten Gelegenheiten. Die verschiedenen Prozesse, in die er als Vater der „Berliner Bewegung" verwickeltwurde, sind noch in aller Erinnerung. Mit dieser Bewegung ging auch der Stern ihres Begründers allmählich zur Neige. Zuletzt war er schon völlig verblaßt, und Stöcker war politisch tot schon jahrelang, ehe er die Augen zum letzten Schlafe schloß. Sein Einfluß hatte nicht einmal mehr vermocht, in seinem alten Wahlkreise Siegen dem Lizentiaten Mumm, den er selbst als politischen Universalerben eingesetzt hatte, das Mandat zu erhalten. Aber bis in seine letzten Lebenstage zeigte jede seiner Kundgebungen, daß ihn noch der Geist von ehedem erfüllte, jener Geist, der einen Priester der „Religion der Liebe" zu den lieblosesten Verirrungen des Hasses gegen die Juden führte. Sein Name ist mit den traurigsten Ausgeburten des Glaubens- und Rassenhasses unvergänglich verbunden.. * Rascher als sie es erwartet haben, ist der Wunsch vieler, der in unserem Blatte wiederholt ausgesprochen und begründet wurde, in Erfüllung gegangen! Im Abgeordnetenhause ist folgender Antrag der Abgeordneten Eickhoff und Genossen zur zweiten Beratung des Gesetzentwurfs betreffend die Pfarrbesoldung, das Ruhegehaltswesen und die Hinterbliebenenfürsorge für die Geistlichen der evangelischen Landeskirchen, eingebracht worden: Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen:, die königliche Staatsregierung zu ersuchen, im nächstjährigen Etat Mittel zur Gewährung von dauernden Beihilfen an leistungsfähige jüdische Kultusgemeinden für ihre Geistlichen und deren Hinterbliebenen bereitzustellen. Wir wissen nicht, welche Stellung die einzelnen Parteien zu diesem Antrageinnehmen werden und ob sich alle überhaupt schon schlüssig geworden sind. Das aber wissen wir,

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