Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228859--65313-3277430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7,3. Jahrgang. Nr. 6. Berlin,'5., Februar!*09. Vellage zur ^.MUgemeiNLN Leteuqg deK IuüentumK^. Gorrelponden?m und Oachrichtrn. Deutschland. S. Berlin, 29. Januar. Im Verein.für jüdische Geschichte und Literatur hielt am.26. d.M. der Prediger Dr. Paul Rieger- Hamburg einen hochinteressanten und von dem zahlreich versammelten Publikum mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über das Thema: „Ein Dichter der jüdischen Mystik." Nachdem Redner die Geschichte der Mystik im Judentum von der biblischen Zeit bis zu Israel Baalschem dargestellt, entwirft er ein Bild der äußeren und inneren Erlebnisse des R. Nachman von Brazlaw (1770—1811), feines Ringens für die Verinnerlichung und die Popularisierung des Judentums gegen Baruch aus Miedzyborz und Leb von Spala, vor allem aber seiner literarischen Persönlichkeit. Nach einer Charakteristik der Eigenart seiner Predigt und der poetischen Kraft seiner Sprache geht dann Redner näher auf die Märchendichtungen (Sippure Maassijoth) des R. Nachman ein, die durch Bübers Nachdichtung auch dem deutschen Leserkreis bekannt geworden sind. Die eigenartige Verbindung slawischen und jüdischen Geistes verleiht diesen Märchen ihren besonderen Reiz; feinsinniger überlegener Humor und philosophische Innerlichkeit erhöhen ihren künstlerischen Wert, ein stark ausgeprägtes Naturgefühl und schwärmerische Leidenschaftlichkeit sind für sie besonders bezeichnend. Als Beispiele bietet der Vortragende einige Bearbeitungen der zartsinnigen Legende vom heiligen Lachen (ein Anhang aus dem „Märchen vom Meister des Gebetes") und der „Geschichte vom Klugen und vom Einfältigem", die in ihrer stolzen Lebensbejahung wie eine Predigt von der Lebensfreude anmutet. Neben Nachman von Brazlaw verdienen seine Zeitgenossen, die Mystiker Salman Schneor von Liddi und Israel vonKozieniza, liebevolle Beachtung. Die Literatur des Chassidismus ist bisher noch eineFundgrube ungehobener Schätze. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Königsberg sprach Dr. E. Pinczower über „den Chassidismus", in Tilsit Dr. L. Hirschberg-Berlin über „Die Bibel in der Musik", in B er ent Dr. Weyl-Konitz über „Das Buch Hiob", Dr. Münz über „Arbeit und Handwerk im Judentum", in Ostrowo Oberlehrer Dr. Carleb a ch-Berlin über „Palästina und die jüdische Kolonisation", in Schneidemühl Dr. Münz-Berent über „Jüdische Aerzte im Mittelalter", in Annaberg Dr. I. E. Poritzky-Berlin über „Maxim Gorki und sein Verhältnis zum Judentum ". Professor Geiger-Berlin über „Berthold Auerbach", Dr. I. Elbogen-Berlin über den „Eintritt der Juden in die deutsche Literatur". In D ortmund sprach Professor Geiger über „Mendelssohn", in Bochum über „Herder", in Elberfeld über „Johann Reuchlin", in W Uten über „Jettchen Gebert", in Ho er de über „Berthold Auerbach", in Essen über „Moses Mendelssohn". In Rees sprach Dr. W olff-Köln über „Rom—Athen—Jerusalem", in Frankfurt a. M. Dr. I. Horowitz über „Michael Sachs", Dr. I. Moses-Mannheim über die „Sage vom ewigen Juden als medizinisches Problem"; in Camberg Herr L. Perlmutt er «Frankfurt a. M. über „Samson Raphael Hirsch", Lehrer I. Reichenberg über „Heinrich Heine, und das Judentum", Dr. med. May-Mannheim über dm „Anteil der Juden an der Entwicklung der Medizin" , Lehrer Kahn-Weilburg über „Maimonides", in M a nn h e im Dr. S. Ia mp el-Karlsruhe über „Das Gesetz der Thora und das Gesetz der alten Babylonier". 8. Berlin, 1. Februar. Die Tagesblätter brachten in dieser Woche folgende Notiz: „Der Bau einer.Synagoge in Schöneberg ist von'einer Anzahl Herren, beschlossen worden, die zu diesem Zwecke eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung bildeten. Das. Grundkapital im Betrage von 300 000 Mark wurde sofort gezeichnet. Die im großen Stil geplante Synagoge wird ans dem, Grundstück in der Münchener Straße 27, unweit' der Grunewaldstraße, errichtet werden." — Wir wünschten lebhaft, daß diese Mitteilungen sich bestätigten. Schöneberg zählt mehr als 8000 Juden unter seinen Einwohnern. Alle Versuche aber, für diese einen religiösen Mittelpunkt zu schaffen sind leider bisher gescheitert. Sollte sich jene Nachricht bestätigen,, so wäre damit ein pium desiderium vieler, die in diesem Stadtteil wohnen, endlich erfüllt. 8. Berlin, 31. Januar. Am 28. d. M. ist.hier nach langen Leiden der Bureaudirektor Arnold Budwig im 54. Lebensjahre gestorben. Geboren 1854 in Posen als Sohn einer angesehenen jüdischen Familie, kam er in jungen Jahren nach Berlin, wo er im Hause seines Oheims, des bekannten Hotelbesitzers Cassel, aufwuchs. Hier Absolvierte er auch seine Gymnasial- und juristischen Studien. Schon als Student entwickelte Budwig eme schriftstellerische Begabung, und eine eifrige Tätigkeit in studentischen Angelegenheiten. Nach Uebersiedlun.g des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes von Leipzig mach Berlin im Jahre 1882 würde er als Sekretär dieser Institution angestellt, in welcher Eigenschaft er. bis 1893. eine umfassende und gedeihliche Tätigkeit. entfaltet hat, die auch die Aufmerksamkeit der Gemeindebehörden auf ihn lenkte, welche ihn im selben Jahre zum Gemeindesekretär erwählte. Hier hat er in einer Zeitperiode, die durch den großen. Aufschwung der Gemeinde Berlin ganz besonders hohe Anforderungen an die Verwaltung stellte, eine außerordentlich ersprießliche Wirksamkeit entwickelt. Er war das Muster eines pflichttreuen, unermüdlichen und zuverlässigen Beamten. Seine genaue Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, seine hohe Begabung, sein nimmer rastender Fleiß ließen ihn auch die schwersten Aufgaben leicht bewältigen. In den letzten Jahren hat er als Bureaudirektor bei der Reorganisation der Verwaltungsangelegenheiten der Gemeinde die wertvollsten Dienste geleistet. Leider ließ das große Arbeitsgebiet, das er zu bewältigen hatte, ihm keine Muße für literarische Arbeiten. Es ist das sehr bedauernswert, da Budwig bei seiner großen Begabung dafür sicher Bedeutendes geleistet hätte. Von 1890 bis 1892 widmete Budwig auch der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" seine Arbeitskraft als Redakteur des „Gemeindeboten". Wie im Berufe, so. war der Heimgegangene auch im Leben das Muster eines pflichttreuen, guten und hilfreichen Menschen. Alle, die ihn kannten,, haßen seinen Charakter und seinen Geist hochgeschätzt; sie alle werden ihm ein dankbares Andenken bewahren. Beredtes Zeugnis legte hierfür die überaus zahlreiche Beteiligung an der Beisetzung ab, die heute mittag aus dem Friedhose in Weißensee stattfayd. In stattlicher Zahl hatten sich die Beamten sämtlicher Abteilungen der Gemeindeverwaltung eingefunden; viele humanitäre Institutionen waren durch ihre Vorstandsmitglieder vertreten, Gemeindevorstand, Repräsentanz und das Rabbinat hatten ebenfalls Delegationen abgeordnet. Die Einsegnung der Leiche vollzog Rabbiner Dr. Rosenzweig; der von dem Synagogenchor Rykestraße ausgesührte Gesang eröffnete und schloß die würdige. Feier. „ --Königsberg i. Pr., 31. Januar. Die Wohltätige Gesellschaft hier hat das seltene Fest des 100jährigen Bestehens gefeiert. Der Verein ist im Jahre 1809 aus der bekannten. Berliner „Gesellschaft der Freunde" hervorgegangen und erfüllt seitdem in der Königsberger israelitischen Genreinde sehr hohe Aufgaben. Die Wohltätige Gesellschaft unterstützt bedürftige Glaubensgenossen in sehr beträchtlicher Höhe und sorgt für den Unterricht armer Kinder, sie gewährt Stipendien bei Erlernung von Handwerken und Studien. Durch sehr namhafte Vermächtnisse, die der Wohltätigen Gesellschaft im Laufe der Jahre zugeflossen sind, ist sie in der glücklichen Lage, eine überaus segensreiche Tätigkeit zu entfalten, und bildet somit in unserer Stadt einem wesentlichen Faktor insoziale Beziehung. Die Jubelfeier wurde am 30. b. Mdurch einen Festgöttesdienst in der Synagoge eingeleitet. Andemselben Abend fand, ebenfalls in der Synagoge ein . großes Öffentliches Konzert statt. Der Eindruck der Feier war ein sehr würdiger. r. 29. Januar. D.as jüdisch - theologische Semi war versendet soeben seinem.Jahresbericht:für das. Jahr 1908 mit einer längeren wissenschaftlichen Arbeit des Dozenten Dr,