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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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Publikums nur noch durch gewaltsame Mittel und Anhäufung aller denkbaren' Jnstrumentaleffekte gepackt und ergriffen werden kann, so' ist doch des Trefflichen, welches jede gesunde Natur erquicken muß, gar viel übrig geblieben und man wird gut tun. Noch auf länge Jahre Hinaus Mendelssohns beste Werke tre§ zu pflegen. Jedenfalls sind'seine Werke gesunden Inhalts und vollendet in der Form, so daß ihre Pflege niemals schädlich wirken kann. ' Nehmt alles nur in allem, er war ein ganzer Mann und auch ein ganzer Künstler." '; (Fortsetzung folgt) Ghrtto-Lomüdirn. Von I. Zangwill. Die Mietlinge. I. /l^bgleich der große Ozeandampfer mit gebildeten Amerikanern, bie die Reise nach Europa machten, überfüllt war, so wußten doch wenige von ihnen, daß Rozenoffski an Bord sei, und selbst diese wenigen wußten es nicht, daß er Pianist sei. Wenn zufällig beim Durchsehen der Passagierliste das Auge auf seinen Namen fiel, so dachte man, daß der Name russisch laute, und daß sein Träger wahrscheinlich semitischer Herkunft sei. Der Künstler selbst war, trotz seiner Löwenmähne, eine ziemlich unbedeutende Erscheinung, und da er außerdem schäbig gekleidet war, würdigte man ihn kaum eines zweiten Blickes. \ Ihm selbst war das gerade recht; er hätte es nicht anders gewollt, sagte er sich, während er auf dem nach dem Mittagessen beinahe ganz verlassener: Deck auf und ab schritt. Es war ja ein Segen, endlich mal den ewigen Schmeicheleien musikwütiger Matronen und Schulmädchen entronnen zu sein. Aber sein Ehrgeiz war dennoch tief verletzt durch den Mißerfolg, den er in Anrerika gehabt, und mit allen Fasern seines Herzens sehnte er sich nach einem Trost. Seine Mitpassagiere wußten freilich nichts von seinen getäuschten Hoffnungen. Hatte er doch in Amerika niemals vor der großen Oeffentlichkeit gespielt und die Kritik herausgefordert. Er hatte bei seiner amerikanischen Expedition die ihm von Freunden, die das Publikum der neuen Welt genau kannten, vorgeschriebenen Regeln auf das genaueste befolgt- Man hatte ihn ernstlich davor gewarnt, ohne weiteres vor das Publikum zu treten und ihm geraten, wenn er dies überhaupt tun wolle, jedenfalls es nicht eher zu wagen, bis er in den Salons großer tonangebenden Damen gespielt und durch deren Protektion einen gewissen Ruf errungen habe. Es war ihm gelungen, eine Reihe erstklassiger Empfehlungsbriefe in die ersten Kreise zu bekommen. Ein deutscher Großherzog. ein bulgarischer Gesandter, Gräfinnen, beides französische und italienische, ja, sogar eine belgische Prinzessin hatten sich für ihn verwandt. Aber zu seinem maßlosen Erstaunen — denn er hatte immer gehört, daß die Amerikaner vor Titeln wachsweich wurden — hatte keine der tonangebenden Führerinnen der Gesellschaft ihm den geringsten Beistand geleistet, selbst nicht die Eigentümerin des Chikagopalastes, der er durch eine belgische Prinzessin empfohlen worden war. Man. hatte ihn ein- oder Zweimal in eine Gesellschaft eingeladen, aber man hatte darin kaum Notiz von ihm genommen. Man Hatte ihn nicht ein einziges Mal zum Spielen ausgefordert. Es dauerte einige Wochen, bis der kleine Prophet europäischer Konzertsäle dahinter kam, daß man nichts von ihm wissen wolle; es dauerte noch etwas länger, bis er begriff, daß man ihn nicht für salonfähig hielt, weil er em.Jude sei. . ' / Diese. barbarischen Amerikaner, wie weit stand ihre. Kultur, doch hinter der Europas zurück! Sie hatten es noch nicht, begriffen, daß die.Kunst adelt und jeden Unterschied der Nationalitäten und der Religion . verwischt. Diese armen Dollarjäger mit' ihren * lächerlich spießbürgerlichen Ansichten und ihrer auf so niederer Stufe stehender. Bildung! Dabei war er tatsächlich längst kein richtiger Jude mehr. Bildeten sie sich vielleicht ein, daß er einen Gebetbeutel und Ohrlocken trüge oder so etwas Aehnliches? Die kurzen Kinderjahre, die er in Russisch-Polen verlebt, was bedeuteten sie gegen die . langen Jahre, in denen er sich europäische Kunst und' Kultur angeeignet? Selbst wenn er in Rom oder Paris mit Künstlern wie Schneemann oder Leopold Barstem verkehrt hatte, so hatte er es nur getan, weil diese ihn als Künstler anzogen — nicht als Juden. Glaubten diese unwissenden Dankees vielleicht, daß er ihre Abneigung gegen den Kaftan und die drei Erzkugeln nicht teile? O diese niedrigdenkenden Antisemiten. Der Decksteward stellte die Stühle zusammen, sammelte die liegengebliebenen Decken und Bücher und räumte das Deck für die Nacht auf, aber der in seine trüben Gedanken vertiefte Musiker schritt immer noch rastlos unter dem stillen Schein der Sterne auf und nieder. Aus dem Rauchzimmer, wo gerade ein Amateur-Auktionator die Nummer eines Glückspiels versteigerte, kamen Töne, die irr keiner Weise zu dem feierlichen Frieden des Sternenhimmels und des Meeres harmonierten. Der feinfühlige Künstler fühlte sich durch die vulgäre Heiterkeit seiner Mitreisenden in dieser, stillen herrlichen Nacht auf das. unangenehmste berührt. Und diese lärmend fröhlichen, dickmäuligen, in Tabaksrauch gehüllten Spieler da unten, das waren die Amerikaner, die ihre Salons vor ihm geschlossen hatten. Er erinnerte sich der einzigen Gesellschaft, zu der man ihn geladen hatte „um andere große Künstler kennen zu lernen". Er fand zu seinem Erstaunen, daß es rin quasi öffentliches Vergnügen war, bei dem die Gäste in Reihen in einem Saale saßen, während er — mit anderen großen Künstlern — auf einem Podium Platz, fand, wo dann einer nach dem andern gebeten wurde, etwas vorzutragen — ohne Honorar dafür zu erhalten. Diese niedrig denkenden Plebejer! Aber vielleicht war es besser, daß sie ihm kein Geld für seine Kunst geboten; wie er augenblicklich empfand,-glaubte er, d aß seine Kunst zu gut für diese Leute sei. Er hatte wenigstens die innere Befriedigung, die Verächter noch grimmiger zu verachten; sein ganzer Künstlerstolz bäumte sich, wenn er jenes Abends gedachte. Diese teilweise recht häßlichen, mit Diamanten überladenen Damen, diese gewöhnlich aussehenden Herren und diese Berühmtheiten dritten Ranges, das also war die fashionable Gesellschaft, in die vollwertig' ausgenommen zu werden ein Jude niemnts hoffen konnte. Das Aroma einer teueren Zigarre wehte ihm entgegen, und das Gesicht, zwischen dessen großen vorstehenden Zähnen die Zigarre steckte, wurde plötzlich durch ein elektrisches Licht hell beleuchtet. Rozenoffski kannte jene Zähne. Er hatte zahllose Bilder und Karikaturen davon gesehen, umfaßten sie, nicht mit ihrem starken Griff beinahe die ganze Erde? Es. war der überall bekannte Multimillionär, der Napoleon, der Dollars, wie ihn die Witzblätter nannten. Der Eindruck, den das Aeußere Andreas P. Wildhammers auf ihn machte,' versöhnte den Klavierspieler beinahe mit seiner eigenen Armut. Wer würde es selbst für ein kaiserliches/Einkommen auf sich

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