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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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daß er doch ein merkwürdiger Mensch. sei, denw^inst hieß er der Sohn .seines Vaters undjetzt nenne mau.ihn den . Vater seines Sohnes. Den echten jüdischen -Familiensinn ' erbte er von seinem großen Vater, und er betätigte diese' seine verwandtschaftlichen Gefühle und Empfindungen Zeitseines.. Lebens..... ■."■■■- , ... Wo er nur konnte, trater für die Vorkämpfer der religiösen und politischen Freiheit mit der - ganzen Energie; seines Wesens ein. Wie Moses Mendelssohn, so hielt auch er das Andenken Lessings hoch in Ehren. Er hatte oft Veranlassung, den Dichter des „Nathan" gegen kleinliche Nörgeleien in Schutz zu nehmen, Als z. B. Varnhagen von Ense, dieser Hecht im literarischen Karpfenteich, am 15. November. 1835 gelegentlich einer Unterredung mit Abraham Mendelssohn sich, gegen Lessing erklärte, um auf dessen Kosten zum Ruhm einiger jüngerer deutscher Schriftsteller in die Posaune von Jericho zu stoßen, verteidigte der Stadtrat mit Feuer und Flamme den großen Humanitäts-Propheten. . Abraham Mendelssohn starb am 19. November .1835 plötzlich, fast schmerzlos und wurde dem.jüdischen Ritus gemäß, beerdigt. Als Wohltäter der . Armen ohne Unterschied der, Konfession, als feinsinniger Mann und als eine Zierde der Berliner Gesellschaft, wurde er tief betrauert. ~ De mortüis nil nisi bene! Allerdings, aber der. schwere Vorwurf kann Abraham Mendelssohn nicht erspart bleiben, daß er aus Rücksicht auf die angebliche Karriere seiner Kinder es gestattete, daß dieselben konvertierten. Er hat dadurch das Andenken seines edlen Vaters, der mit ganzem Herzen und ganzer Seele dem überlieferten Judentum angehörte, und dem, wenn er es erlebt hätte, der Abfall seiner Enkelkinder von der Religion, ihrer Väter den tiefsten Schmerz bereitet hätte, entweiht. Wissen wir ja, mit welcher Entschiedenheit und überlegener Geisteskraft Moses Mendelssohn dem Versuch Lavaters, ihn für die Heilswahrheiten der allein seligmachenden Religion zu gewinnen, zurückgewiesen hätte! Charaktervoll und überzeugnngstreu antwortete damals Mendelssohn dem christlichen Prediger, daß er ein Jude aus innerster Ueberzeugung sei. Vor seinen Gründen, seiner Beredtsamkeit und seiner würdevollen und erhabenen Persönlichkeit sank seinem Gegner der Mantel der christlichen Liebe von den Schultern. Alle späteren derartigen Versuche ließen ihn kalt. Er schrieb damals: ' ’ „In dieser Angelegenheit mögen Aufforderungen, Zumutungen, Angriffe, Widerlegungen herauskommen so viel man will, so höflich oder unhöflich man will, ich werde nicht eher antworten, als bis ich glauben werde, meine Zeit nicht nützlicher anwenden zu können." Augenscheinlich stand Abraham Mendelssohn mehr unter dem Einfluß seiner Gattin, die gleich der Dorothea, Mendelssohn, der .Henriette Herz und Rahel Levin und ähnlichen romantischen Schwarmgeistern, unter deu Jüdinnen jener Zeit,; das Heil und die Rettung Israels nur darin erblickten, daß sie Nut fliegenden Fahnen, charakterschwach und sich selbst erniedrigend, in. das Lager des Christentums hinüberflüchteten. - Felix Mendelssohn — der später nach einem Onkel namens Bartholdy den Namen Felix Mendelssohn-Bartholdh annahm — war allezeit ein pietätvoller Sohn, in dieser Beziehung das Gebot der Bibel „Ehre Vater und Mutter" treu befolgend. Mit rührender kindlicher Zärtlichkeit hing er an seinen Eltern. Sein Vater war. ihm in all seinen' Entschließungen die höchste Instanz. Er blickte stets voll Ehrfurcht zu ihm empör: In jeder wichtigenAngelegenheit fragte er ihn um Rat ünö bewunderte dessen treffliches Urteil auch in musikalischen Dingen: obschon Abraham Mendelssohn keine besonders hervorragenden Kenntnisse in der Musik'besaß.' Das Ableben seines Vaters erschütterteihnaufs tiefste. Er war an Leib und Seele wie zerbrochen./."Wie schwer seine Trauer über diesen für ihn unersetzlichen Verlust. war, bezeugen die Briefe, die er um jene Zeitan feine .Freunde Schubring und Bauer von Leipzig äus> wo er damals weilte, schrieb.; I Auch Lea Salomon-Mendelssohn, die Mutter von Felix, übte auf das Gemüt, auf das Herz und auf die Seele ihres Sohnes einen tiefen, nachhaltigen und wohltätigen Einfluß aus. Ihre Sanftmut, , ihre weiche und zarte Empfindung und ihr Gefühl für das Anmutige und Liebliche, namentlich aber auch ihr Wohltätigkeitssinn waren bezeichnete Merkmale des Komponisten. . Von ihr erbte er nicht minder die literarische Begabung und die seltene Kunst,, interessante, geistvolle und anregende Briese zu schreiben, Noch jetzt bietet es einen hohen Genuß dar> die von. ihr - cm ihre Verwandten und an ihre Freunde geschriebenen Briefe zu lesen. Geistig überragte sie ihren Gatten. Entschieden gehörte, sie zu den namhaftigsten Frauen ihrer Zeit. Sie spielte und sang mit Ausdruck und Anmut. Sie zeichnete vortrefflich, sie sprach, las und schrieb französisch, englisch, italienisch, und griechisch. Sie konnte aus dem Homer .zahlreiche Strophen rezitieren. Ihr Geschmack, durch klassische Schriftsteller so, vieler Sprachen gebildet, war richtig und feinsinnig, aber doch hielt es schwerder bescheidenen Frau ein Urteil zu entlocken. Was ihren Modegeschmack'betraf, so war sie eine abgesagte Feindin von übertriebenem Luxus; trotzdem sie über ein bedeutendes Ver-. mögen verfügte. Ihr Putz war stets einfach und zierlich. Eine tüchtige Hausfrau, führte sie eine schlichte Wirtschaft, und dennoch rechnete es sich jeder Gebildete zur hohen Ehre an, in ihrem Salon erscheinen zu können. An dieser Mutter hing Felix mit einer fast an Fanatismus grenzenden Liebe.Besonders nach dem Tode des Vaters war sie sein guter Genius und holte er sich bei ihr in allen persönlichen und künstlerischen Angelegenheiten Rat, stets davon überzeugt, daß das kluge und scharfe Auge der Mutter immer das Richtige erkenne/ Ser Hauch weiblicher Grazie, aber zugleich auch der ergreifende Ausdruck eines tiefen Gemütslebens, die sich namentlich in den Liedern unseres Meisters offenbaren, sind entschieden auf den mütterlichen Einfluß zurückzusühren. So umgürtet mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts, von den feinsten Umgangsformen und dem seltenen Herzensadel — Eigenschaften, die Felix . von seinem Großvater Mendelssohn und seinen Eltern übernahm — konnte, er in seinen Kompositionen, obschon, wie gesagt, nicht mehr der Gemeinde Israels angehörend, seine Abstammung nie ganz verleugnen. Er wählte mit Vorliebe biblische Texte und schuf mit seltener schöpferischer Kraft Oratorien, ja, er wurde der 'einzige Regenerator und Erneuerer des im Oratorium genannten musikalischen Epos. Er hat auf diesem Gebiete bekanntlich klassische Meisterwerke hervorgebracht, und steht er in bezug auf Erhabenheit und Größe des Stils den Großmeistern des Oratoriums, einem Bach, Händel und Haydn, nur wenig nach. Wundervoll ist auch seine Musik zu einzelnen Psalmen,, und seine Hymen, Motetten, Kantaten und Lobgesänge legen ein beredtes Zeugnis von dem religiösen Empfinden dieses tiefsinnigen Tonheros ab. Mit Recht bezeichnet Professor Dr. Karl Rernecke, der bekannte Konrponist und Musiktheoretiker, die Bedeutung Mendelssohns, auch für unsere Zeit treffend mit den Worten: .„Mag auch in unserer raschlebigen Zeit manches der überaus zahlreichen Mendelssohnschen Werke dem heutigen Gefühlsleben schon entrückt sein, zumal der italienische Verismus und manche andere Richtung dafür gesorgt haben, daß ein großer Teil des heutigen

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