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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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I wenn. ich. .cm Vater und Mutter -denke? - Ich erinneremich, an die Inbrunst, mit der.mir meine Mutter das ,mauäe-am" undr ba3:; Schema des Morgens vorsagte, an dengöttlichem AuAn--^: aufschlag,wennsie still und zart -ihr Gebet verrichteten aus dem alten abgegriffenen Gebetbuch, an die verklärten Gesichtszüge. . beim-/ Segen über die angezündeten ' Sabbatkerzen, an die Liebe, mit der sie ihre- Hände Freitag abends auf mein Haupt segnend legte, an ihre züchtige Gottesfurcht, die jedes ihrer Worte. erfüllte, an die Weihe, die von ihrem Wesen an Sabbaten und Festen ausstrählte, das alles steigt ittMeuÄr Erinnerung ans und erfüllt Mein Herzmit unsagbarer Innigkeit. Weniger ist mir von dem religiösen Innenleben meines Vaters sortwirkend in meinem Gedächtnisse hasten geblieben. Einige weise Lebensregeln aus den Sprüchen Salomonis, den Sprüchen der Väter und den mittelalterlichen Chinuchbüchern und der Segen am Freitag Abend und an den -Festen, das dürfte wohl alles sein. - . _ Zwar sehe ich ihn von mir, wie er in den.Gebetmantel' gehüllt, mit demTefillin angetan, seine Gebete verrichtete- oder? mit strenger Miene den Wochenabschnitt mit mir durchnahnp und achtgab, daß ich ja das g an-z e. Tischgebet ablese, ohne ein Wort zu „verschluppern", aber diese Erinnerung läßt mich kcht, ebenso wie nur ein Lächeln meine Lippen kräuselt, wenn ich daran denke, mit welchem, heiligen Ernst meine Mutter zum' Rabbiner, mit einer „Lchaale" schickte, ob die Gans . „Koscher" oder „trete" sei. Und dabei gehörte mein Vater zu jenen, denen Religion noch etwas mehr als „Gesetz" war. Ich gestehe es dankbar, daß ich meine. Herzensreligiosität fast.ausschließlich von meiner guten, edlen Mutter geerbt habe. Nicht das „Gesetz", sondern die häusliche, die Persönliche Andacht istdie Grundlage der Religiosität eines jeden Menschen. Es ist sonach von .entscheidender Wichtigkeit, die junge Generation zu häuslichem Gottesdienste zu erziehen. Hier heißt es in bezug. . auf unser Judentum einfach von vorne beginnen. O y r. t-, ' II 5C \ Unsere Mädchen haben zum großen Teil keine Ahnung , von Religion;, diese deckt sich bei ihnen mehr oder weniger.mit dem Verbote, Schweinefleisch zu essen, und da sie Schinken essen wollen, werfen sie die ganze Religion über Bord. Ihre Eltern verstehen es im Durchschnitt auch nicht besser- und so wächst uns ein religiös direkt verwahrlostes Frauenmaterial, heran, das nur zwei Lebensprinzipien hat: genießen — möglichst viel, und Kinder haben — möglichst wenig. Die Pflicht ist daher, den jüdischen Mädchen vor allem Verständnis für Religion an sich zu geben, sie zu überzeugen, daß die Religion jedem Menschen etwas zu bieten vermag, was nichts anderes, auf Erden ihm bieten kann und das zu einem harmonischen Seelenleben unumgänglichnotwendig ist; Pflicht ist ferner, den jüdischen. Mädchen die Vorzüge der jüdischen Religiou derart ins helle Licht zu rücken, daß sie wahrhaft jüdischreligiös werden. Di esen P fl ichten h a t in er st er Linie die Schule nachzukommen. Die Betätigung der Religion lerne das Mädchen im Elternhause. Daß hier das Gebet von größter BedeutuM. ist, können wir uns nicht verhehlen. Sehen Sie, geehrter Herr Rabbiner, worum ich das Christentum beneide, das ist sein „Vater unser." Nicht wegen seines Inhaltes, sondern wegen seiner Kürze. Darin liegt der Zauber dieseH,durch un8 durch jüdischen Gebetes. Wenn wir Juden ein Morgengebet sagen wollen, müffen wir rite selbst zuHause eine halbe- Stunde damit verbringen. Die Männer müssen gar den Tallis, umnehmen, TeWin legen und dann die Gebete des öffentlichen Gottesdienstes herunterleiern. Das heißt dann persönliche Religiosität! Ist dasnicht ein Jatnmer? Die Frauen »wieder, diestnd-sich-immer im unklaren gewesen,-was' sie eigentlich beten sollen, wenn sie-beten'wollten. Warum-ist es unseren Rabbinern nie in den Sinn gekommen, ein populäres^ ' volkstümliches kurzes Gebet zu verfassen,, das wir alle,, Männer, Frauen, Knaben, Mädchen uns einprägen sollen, das täglich zu beten niemand unterlassen dürfte? Und wenn schon^-die alten Rabbiner in nationale Gebete eingesponnen, Neuerungen feind Vas nicht tun wollten, warumtut es nicht der liberale .Nabbinerverband unserer Zeit, warum e in ig e n sich' n i cht die Herren zur Abfassung eines einheitlichen kurzen Morgengebetes? Der Talmudtraktat Berachoth enthält eine solche Fülle kurzer schöner Gebete, daß die Auslese gar nicht schwer fallen kann. Darf ich den Herren Rabbinern ins Handwerk pfuschen? Ich würde raten, folgendes Gebet als tägliches Gebet einheitlich anzunehmen und zu empfehlen: „H err der Welten! Es sei Dein Wille, daß Liebe und Freundschaft unter uns weilen. Festige uns in Deiner Welt durch den Trieb zum Guten, daß wir nicht sündigen und nicht beschämt werden. Gib uns ein Leben voll Frieden, Heil Und Segen, ein Leben voll Ehrfurcht vor Dir und Liebe zu Deiuer Lehre. Gott mit mir, ich fürchte nichtpSchmalisroel, ^äaunoj elauheuu, ^.äaunoj schock!" (Siehe Berachoth 16a.) Dieses Gebet sollen Ettern und Kinder allmorgendlich verrichten; dem Kinde tief eingeprägt, schwindet es nie aus dem Gedächtnisse und ist allezeit fähig, Religionsgefühl zu erwecken, andächtig, gottesfürchtig zu stimmen. Ebenso einheitlich seien Tischgebet und. Nachtgebet. Werden mir die Herren Rabbiner verzeihen, wenn ich fortsetze, nachdem ich schon einmal begonnen habe? Das Tischgebet laute: „Gelobt seist Du, o Gott, der Du die ganze Welt ernährst in Deiner Güte, in Gunst, Gnade und Erbarmen, denn ewig währt Deine Güte! Der Allbarmherzige segne Vater und Mut per, segne dieses Haus, uns und alles, was zu uns gehört; er segne Israel und segne alle Menschen zu jeder Zeit und jeder Stunde. Amen!" Das Nachtgebet: „Gelobt seist Du, o Gott, der niedersenkt die Bande des Schlafes auf meine Augen und den Schlummer auf meine Augenlider^ Laß böse Träume und häßliche Gedanken mich nicht stören, und laß mich erwachen zu Frieden und Wohlergehen. In Deine Hand lege ich meinenGeist, vb ich schlafe, ob ich wache, und mit meinem Geiste auch meinen Körper. Gott mit mir, ich fürchte nicht!" Nellen diesen' Hauptgebeten des Tages, die nie entfällen dürfen, sollen den Frauen und Mädchen Gebete zur Verfügung stehen für alle Anlässe in ihrem Leben. Mäd ch eng ebetb ü ch er und F r au en geb et büch e r in der Muttersprach e können nicht genug erscheinen, eine reiche Auswahl in geschmackvollster Form soll immer vorhanden sein. Und was Nicht oft genüg betont werden kann: kurz und innig seien alle diese Gebete. Ich will die Vorzüge unserer Andachtsbücher für die Frauen nicht schmälern, aber an einem Fehler leiden die meisten dieser Gebete: sie sind zu lang - und zuschwülstig. Die weitere Betätigung des häuslichen Gottesdienstes bieten der Freitag-Abend, die Vorbereitungen zu den Festen und ihre erhebende Feier. — Nicht zuletzt aber komint das Gottvertrauen, die Gottesfreudigkeit des Hauses, die sich in der sittlichen Lebensweise, in der Bescheidenheit und Wohltätigkeit spiegeln, die dem Kinde als dauerndes Beispiel unvergessen bleiben. ° Es ist wohl überflüssig zu sagen, daß die häusliche Andacht - sich nurin der Muttersprache abwickle. Wie ich itn öffM bliche n . Gottesdienste der Judmheit niemals'. - der

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