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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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-den Konvertiten so feierlich auf als nur möglichschaffen -Sie «endlich ab das Bundeszeichen al§ conditio sine qua non für den Uebertritt zu-unserer Religion. In dem Augenblick aber, in welkem die Beschneidung Nicht als Religionsgesetz, sondern als Volksbrauch an° -gesehen wird, beantwortet sich auch eine zweite für unsere Zeit überaus wichtige Frage ganz von selbst. Die Frage, ob «ein Jude ohne das Bundeszeichen — Jude ist oder .nicht. Die armen Rabbiner'! 'Wieviel Kopfzerbrechen hat ihnen schon diese Frage bereitet; zumal jenen „liberalen" Rabbinern, die so gern orthodoxeln. Ist ein Sachse, der sich über eine sächsische Volkssitte hinwegsetzt' kein Sachse mehr? Es wird keinem bestallen, ihm sein Sachsentum abzusprechen.' Undein' Deutscher jüdischen Stammes wäre nicht mehr Jude, wenn er sich über eine nach seiner Meinung zwecklose alte Volkssitte hinwegsetz t? - . Ich kann einen Brauch halten oder nicht, das hat mit meiner' Stammeszugehörigkeit nichts zu tun.. Es sind also alle jene Satzungen des Schulchan aruch, die einen Juden, der das Bundeszeichen an seinem Leibe nicht tragen will, für einen Nichtjuden erklären, von Anfang bis zu Ende aufzuheben. Ich glaube, es ist gut, daß ich das alles anonym schreibe, ich würde sonst wahrscheinlich in effigie verbrannt oder gesteinigt werden. Und wer weiß, wer weiß, geehrter Herr Rabbiner, ob Sie nicht einer der Ersten wären, der den Stein wider mich erheben wollte. Die Trauerbräuche. Auch da habe ich nicht, viel zu bemerken. Die Einfachheit und vornehme. Schlichtheit unserer Beerdigungen, die alle modernen jüdischen. Gemeinden auszeichnet, ist getragen von religiösem Ernst und ergreifender Weihe. Halten, wir fest an dieser Einfachheit, mag auch manchmal der Sarg eines jungen Menschenlebens von Blumen bedeckt in die Erde gesenkt werden.; Daß auch hier das Priesterprivilegium wegfallen soll, ergibt sich - aus meinen .Worten bezüglich der Eheschließung von selbst, ... Die Sitte der sieben schweren Trauertage, die zu erleichtern schon der 8chulchan aruch sich gezwungen sah, ist unter den Verhältnissen unserer Tage unhaltbar. Es meide jeder am Tage der Beerdigung feiner Teuersten. — der Eltern, der Gatten, Kinder und Geschwister — jede.geschäftliche Tätigkeit. Am Tage darauf gehe deiner Pflicht, deiner Arbeit nach, sie I tröste dich und richte dich auf. Beweine den Toten in Deinem Herzen. Das Zerreißen des Kleides, das Sitzen auf einem niedrigen^Se.ssel, lassen wir das. Ehren wir den Toten durch milde Gaben, durch humanitäre Akte; allsabbatlich suche das Gotteshaus, auf und verrjichte das Kaddischgebet, um den teuren Toten dir ins Gedächtnis zurückzurufen: so tue - es das ganze Trauerjahr hindurch. Halte Dich auch im.Trauerjahre fern von Gelagen, und Festen, von Musik und Tanz: es sei ein Jahr stiller Zurückgezogenheit. Jährt sich der Todestag, gehe am Sabbat, der auf den Jahrzeitstag folgt, unbedingt in die Synagoge; widme dem Toten Dein Gebet und die Weihe der Erinnerung im.Gotteshause. SehenSie, geehrter Herr Rabbiner, so würde ich heute einen Schulchan aruch schreiben. ... Der Gedenktage der ganzen Gemeinde seien .nur zwei: .der zweite.Tag des Frü hlings festes und der Versöhnun gstag. Md .diese. beiden Tage. .sollen dazu dienen, in uns wirkliche Pietät zu erwecken, die Tugenden der Ahnen fortzusetzen, zu verinnerlichen, nicht nur, um in Tränen; gebadet „für das Seelenheil der Toten zu beten". Gerade die liberalen Rabbiner haben hier reiche Gelegenheit, dieMaskirstunde in die rechte Bahn zu lenken. Die' historischen Trauertage unseres Stammes' durch Fasten und besondern. Gottesdienst zu halten, ist überflüssig/. Der Rabbiner.unterlasse nie, am Sabatte vor. oder, nach dem 9. Ab seine Predigt diesem Ereignisse' zu weihen, darüber zu spre chen. Dieses Gedenken genügt vollkommen und erfüllt den Zweck: aus dep Erinnerung Belehrung zu schöpfen. Der häusliche Gottesdienst. Sie werden mir zugeben, geehrter Herr Rabbinex, in der Erziehung zu Religiosität liegt das wichtigste Moment.' Was der Mensch im Elternhause vor sich gesehen hat, das lebt in ihm weiter, das vererbt er seinen Kindern, vorausgesetzt, daß der Kulturunterschied zwischen Eltern und Kindern kein allzügroßer ist. Nichts illustriert schärfer die Wertlosigkeit des sogenannten Religionsgesetzes, als die unleugbare Tatsache, daß heute orthodoxe Eltern zumeist unfähig sind^ ihre Ehrfürcht vor dem Gesetze' den Kindern dauernd einzuimpfen. Ich habe es %' B. oft gesehen, daß in jüdischen Familien- Brauch war, den Kindern nicht zu gestatten, auf den Sitz des Vaters bei dessen Abwesenheitzu den Mahlzeiten sich zu setzen. Diese .Sitte grub' sich so tief ins Herz der Kinder, daß sie dieselbe in ihren eigenen Hausstand übernahmen. Warum? Zweifellos ist sie Herzenssache geworden. Ich kenne viele jüdische Frauen, die am Freitag Abend das Lichtanzünden und Segnen, wie sie es von ihren Müttern sähen, um. keinen Preis aufgeben möchten. Warum? Die Sitte ist. ihnen ans Herz gewachsen. Und dieselben Männer-, dieselben Frauen denken gar-nicht daran, die Speisegesetze oder andere Satzungen zu beobachten, obwohl sie diese ebenso täglich vor sich sahen. Warum, geehrter Herr Rabbiner, warum? Ich bitte Sie, sagen Sie mir nicht, weil die-Mensch enbequemer geworden sind! Es ist nicht waM Weil diese Sitten ihnen nichts sagen, nicht ans Herz klopfen, in der Seele keinen Widerhall.eMecken. Darum, nur darum. Wie die jüdische Jugend in eine höhere Lebenssphäre oder in Kreise gerät, die skeptisch der Religion gegenüberstehen, wirft sie alles, was Gesetz heißt, skrupellos über Bord. Nur wo das Gesetz durch- I tränkt ist von innerlicher Religiosität, wo also diese von jenem nicht unterdrückt wurde, sehen wir neben einem guten Reste echter Religion auch eine gewisse Achtung vor dem. Gesetze. Einen zwingenderen Beweis dafür, daß das Gesetz auf unsere Religiosität nicht den geringsten Einfluß nimmt, ja dieselbe sogar hemmt, erstickt, kann man sich gar nicht denken. Das Wort von Dem Gesetz, das d;,e Religion erhalte, stellt die Wahrheit einfach auf den Kopf; die Religiosität hält die Pietät gegen das Gesetz aufrecht, das ist die Wahrheit^ deren Richtigkeit das Leben der- Judenheit Tag für Tag b e z eugt. Sind denn unsere Rabbiner mit Blindheit geschlagen, daß sie das nicht e.insehen? Sie, geehrter Herr Rabbiner, sind doch, wie ich weiß, in. angesehener/ Stellung, unabhängig, warum haben Sie nicht den Mut, offen aufzutreten, Anhänger um sich zu sammeln, der Wahrheit zum Durchbruch zu helfen? Was lebt z. B. in mir als geliebtes Erbgut meiner Eltern weiter? Woran, an welche religiösen Züge erinnere ich' mich.

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