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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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1. Das Privilegium unseres Priesterstammes sei aufzuheben und die daraus für die Eheschließung erfließenden Konsequenzen anzuerkennen. Es Hat doch wirklich keinen Sinn mehr! die Kohanim, deren Würde auch so manche alten Rabbiner nur geduldet hatten, heute noch-unter ihren Sondergesetzen — leiden zu lassen. v , , 2. Die Chal iza soll so schnell als möglich verschwinden. Braucht diese Forderung noch eine Begründung? Hoffentlich nicht. Ersparen will ich mir den Zorn, der in mir aufsteigt, wenn ich an diesen Akt denke. Bleiben wir bei dem biblischen Gesetz und gestatten wir die Schwagerehe bei der kinderlosen Frau, oft und oft eine Wohltat. Es ist beschämenddaß die „liberalen" Rabbiner nicht einmal über diesen Punkt einig werden können. Wer hat den Liberalismus erschlagen? Die „Liberalen" haben es getan. , 3. Die kirchliche Ehescheidung erfolge ausschließlich in der Landessprache. War das Aramäisch der Kethuba und des Get etwas anderes als eine Konzession an das des Hebräischen unkurchige Volk? Ist es nicht geradezu töricht, heute an diesem Aramäischen festzuhalten? 4. Nur an Sabbaten und Festen, ferner in den Tagen zwischen dem Neujahrs- und Versöhnungsfeste sei die religiöse Eheschließung verboten. Hier noch einige Worte über das rituelle Tauchbad, die sogenannte „Mikwa". Obwohl die Menschen von heute viel zu mündig schon sind, um sanitäre Maßregeln noch immer für göttliche Gesetze zu halten, würde ich doch schließlich einverstanden sein, das Reinigungsbad als solches als Religions- Vorschrift beizubehalten. Aber auch nur das. „Wo" und „wie" zu regeln, das gehört doch wahrhaftig nicht zur Religion:/?- Es ist höchste Zeit, daß die „Mikwa" unserer Religionsgeschichte angehöre. Sie lag nicht in der Absicht Mosis, ^als er den Israelitinnen peinlichste Sauberkeit anbefahk 'Auch den Uebertritt einer Frau zum Judentums gerade mit einem rituellen. Tauchbade zu symbolisieren, halte ich weder für weihevoll, noch für ästhetisch; einen besonders hohen Begriff von unseren Religionsbräuchen gibt der zum Judentum übertretenden Frau die „Mikwa" wirklich nicht. Der Bund Abrahams. Nicht'wahr, geehrter Herr Rabbiner, ein sehr heikles, sehr delikates Thema? Ganz eigentümlich geht es mir mit diesem Volksbrauche. Ich weiß nur zu gut, daß außerordentlich viel gegen seine Beibehaltung spricht. Alles, fast alles, was zu ^seinen Gunsten vorgebracht wird, steht auf schwachen Füßen. Man pflegt zu sagen, ohne den Brauch sei man halb getauft. Wen hat aber der Bund Abrahams von der Taufe noch zurückgehalten? Es wird behauptet, er sei hygienisch von großem Wert. Ich halte aber meine christlichen Mitbürger für beneidenswert - gesunde Meüschen und wäre froh, wenn unser Stamm jener robusten Gesundheit sich erfreute, über die unsere Arier verfügen. — Andere sind wieder der Anschauung, Blut sei dicker als Wasser, und der Bund mit Gott, den wir schließen, sei viel stärker als der, den - die anderen schließen. Auch das Argument hält nicht stand. Ja, fast wäre ich geneigt zu meinen, daß die christliche Religiositätden Anstürmen der „Aufklärung" länger und sicherer, erfolgreicher zu trotzen vermag als die der Juden. Es ist möglich, daß sich dies bei eingehender Prüfung als unrichtig erweist — hierüber fehst uns eine sehr gewissenhafte Studie — der Schein aber spricht entschieden gegen uns. — Man sagt ferner, es sei ein Zeichen tiefer Gläubigkeit, wenn Eltern Gott zu | Ehren den Schmerz, die Angst aus sich nehmen, die 1 mit diesem Akte unbedingt verbunden ist. Wie aber, ' wenn das ' Nicht Religiosität, micht Glauben, 'sondern Aberglauben , krassester Aberglauben genannt wird, der bekanntlich stärker ist als aller Glaube? - Und was sollen wir erst jenen antworten, die sich erdreisten, die Beschneidung einen unerhörten Barbarismus zu nennen, einen Ersatz für die uralten Kindesopfer, und die sagen, der Verlust eines einzigen Menschenlebens infolge der Beschneidung sei Grund genug, mit dieser vollständig aufzuräumen? Ich begreife alle diese Anklagen und Vorwürfe und kann nicht umhin, ihnen eine gewisse Berechtigung zuzusprechen. Trotz alledem hätte ich mich unglücklich gefühlt, wenn an , meinen Enkelsöhnen der alte Brauch nicht vollzogen worden, wäre. Meine guten Kinder! Sie haben mir alle liebevoll den Schmerz erspart. Eine Wahrheit aber kann ich unmöglich von mir weisen: dieser Jahrtausende alte Volksbrauch hat mit meiner Religion, mit dem geläuterten Religionsgefühl unseres Geschlechts nichts zu schaffen. Mag er der Stammesbund genannt werden/ aber ein Gottesgebot ist er mir nicht. Meine innerste Seele verwahrt sich dagegen, mein religiöses Gemüt, mein Glauben an den allgütigen Vater bäumt sich aus gegen, die Zumutung, diese Sitte für „göttlich" selbst im modernen Sinne zu halten, geschweige im buchstäblichen. Als ich meinen jüngsten Knaben beschneiden ließ, sprach der Arzt nach eingehender Besprechung mit mir statt der Benediktion folgende Worte bei Vollzug des Aktes: „Wie er hiermit eingeführt wird in den Bund Abrahams, so möge er einst in die Kenntnis der Gotteslehre, in die Ehe und zu edlen Taten eingeführt werden." Wer dieser meiner Anschauung beipflichtet — ich bezweifle allerdings, ob auch nur ein Rabbiner sich dazu offen bekennen wird — muß zugeben, daß aus ihr. schwerwiegende Folgerungen sich ergeben. Vor allem bezüglich des Uebertritts zum Judentum. Ist der Bund Abrahams kein Religionsgesetz mehr, sondern ein Volksbrauch, eine Stammessitte, dann fällt für denjenigen, der zu unserer Religion übertreten will, die Pflicht der Beschneidung selbstverständlich weg. Ein Preuße, ein Russe — dem Stamme nach — der Jude wird, kann doch nicht jüdischer Stammesangehöriger werden. Wenn er eine Jüdin heiratet, dann hätte das Vundeszeichen für seinen Sohn schon einen Sinn, für ihn selbst ist es ein Widersinn,' denn er selbst mag wohl seinem Gefühle nach zu den Juden sich zählender ist Religionsjude, Stammesjude ist er auf keinen Fall. Die Folge ist, daß die Beschneidung beim Uebertritt nicht mehr gefordert werden kann. Halten Sie das für einen Fehler, geehrter Herr Rabbiner? Ich bin auch der. Ansicht, daß wir keine äußere Mission treiben sollen. Nicht nur, weil wir es als Minorität nicht dürfen, sondern weil es sündhaft ist, jemanden zu einer , anderen religiösen Ueberzeugung persuadieren zu wollen. Aber meine Religion so ausgestalten, daß sie, von allen Schlacken befreit, in ihrer reinen, vollen Hoheit vor jedem Menschen leuchtend dastehe, das ist ein Ziel, für das ich, geehrter Herr Rabbiner, bereit wäre,.mein Leben hinzugeben. Und wenn jemand, der die Größe und Reinheit unserer Religion anerkennt und zu Ihnen kommt und' sagt: Herr, Ihre Gotteslehre ist doch die einzig währe, nehmen Sie mich auf in Ihre Religion! da soll der Volksbrauch der Beschneidung noch immer jenes religiöse Hindernis sein, das den Uebertritt unmöglich, fast unmöglich macht? Wählen Sie welches Symbol Sie wollen, nehmen Sie

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