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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 die zu Unrecht zur Steuer Herangezogenen es unterlassen hätten, rechtzeitig gegen die Veranlagung das vorgeschriebene Rechtsmittel zu ergreifen. Allein die Kirche ist nicht gewillt, sich hierbei zu beruhigen: sie besteht au^ ihrem vermeintlichen Rechte und hat in der Sache die Entscheidung, des Obervexwaltungsgerichts angerufen. Wir können uns nicht denken, daß dieses etwa annehmen werde, die von allem Anbeginn ungültige, den Charakter „unheilbarer Nichtigkeit" an sich .tragende Veranlagung vermöchte auf irgendeine Weise rechtlichen Bestand und rechtliche Wirksamkeit zu erlangen; wir glauben daher, daß eine Abweisung der Klage unvermeidlich ist. Doch von der Rechtsfrage ganz abgesehen, dünkt uns das Verlangen der evangelischen Kirche, von Juden Kirchensteuern einzuziehen, sehr merkwürdig. * Wir haben bereits in der vorigen Nummer eine Mitteilung über die Zusammenkunft der orthodoxen russischen Rabbiner in Warschau gebracht. Von geschätzter Seite gehen uns nun mit einem Auszug der Verhandlungen aus den polnischen Tagesblättern die folgenden Mitteilungen zu: „Es interessiert sicherlich die Leser Ihres geschätzten Blattes zu erfahren, daß die Rabbiner unter anderem noch beschlossen haben, eine Eingabe an die Regierung vorzubereiten, daß an allen russischen Eisenbahnstationen auch koschere Büfetts errichtet werden. Das wäre nun an sich nicht so bedeutungsvoll, für viele vielleicht ein Bedürfnis und wohl mehr „Geschmacksache". Charakteristisch für die ganze Versammlung und .unheilvoll für die Bildung und politische Stellung der dortigen Juden wäre es, wenn die von verschiedenen Seiten geäußerten Wünsche erfüllt'würden, welche die dortigen allgemeinen Schulen betreffen. Es heißt hierüber in dem beifolgenden Bericht in deutscher Ucbersetzung, wie folgt: „Ein Rabbiner verlangte, daß man bei der Negierung Schritte einleiten respektive sich bemühen müsse, damit gar keine jüdischen Kinder in die Schulen ausgenommen werden, da hierdurch die Kinder von der Religion abgelenkt werden. Als der Kalischer Rabbiner nun ausrief: „Jüdische Mädchen müssen nur in jüdischen Schulen ausgebildet werden", fingen die übrigen Rabbiner zu heulen an, Protestiertendagegen und schrien: „Jüdische Mädchen und Frauen dürfen überhaupt nicht lernen." Der Vorsitzende der Kommission stellte den Antrag, daß man in allen größeren Städten unentgeltlich höhere Talmudische Schulen, sogenannte lleseliibot, eröffnen möge, wie eine solche schon in Güra Kalwarja besteht.. Diese Institutionen müssen die reichen Juden für ihre Kosten erhalten. , Ferner wurde vorgeschlagen, daß in jeder Stadt ein Komitee eingesetzt werden soll, das aus die Religiosität der jüdischen Handwerker aufpassen muß. Aus dieser kleinen Blütenlese ersehen Sie zur Genüge, was für ein Geist diese illustre Versammlung beseelt. So mancher russische Jude wird sich in seinem Innern sagen: „Gott behüte mich vor meinen Freunden." Auch diese Rabbinerversammlung ist ein interessantes, wenn auch trauriges Zeichen der Kultur unseres.Nachbarlandes. Natürlich haben die Regierung und die Behörden die Bestrebungen der jüdischen Dunkelmänner mit aufrichtigen Wünschen begrüßt." Diese Beschlüsse der orthodoxen Rabbiner Russisch-Polens sind sicher von allgemeinem Interesse. Sie zeigen uns deutlich, wessen auch wir uns von der Orthodoxie zu versehen hätten, wenn sie die Macht in die Hände bekäme. * John W. de Kay, der als Kenner und Beschreibet: mexikanischer Verhältnisse einen guten Ruf genießt und als Präsident der Mexican National Paeking Co. Ltd. unter den Industriellen der neuen Welt einen hohen Rang einnimmt, hat den Präsidenten Diaz befragt, was die Politik Mexikos sein werde, wenn die Juden in großen Massen, dorthin Hmen,. sich in Änem Distrikt niederließen uud dort die MajoriLät erlangten In .seiner Antwort gab Präsident Diaz. den Gefühlen wärmster Sympathie Ausdruck, die er allezeit für die Juden gehegt habe. Er ist von den großen Fähigkeiten der Juden überzeugt, die immer noch ihrem Adoptivvaterlande zur höchsten Blüte verholfen hätten. Darum habe er« als die Juden überall verfolgt wurden, seinen. Ministern Auftrag gegeben, die Juden , in Mexiko willkommen zu heißen und ihnen Gleichberechtigung und volle Gerechtigkeit zu garantieren. Auf die Frage, ob er bereit sei, den Juden die lokale Selbstverwaltung zuzugestehen, antwortete Diaz: Wenn die Juden in großen Massen in irgendeinen der unabhängigen Staaten Mexikos einwanderten, und wenn.jeder soviel Landbesitz erwürbe, als notwendig sei, um das Bürgerrecht erlangen zu können, wenn sie sodann den mexikanischen Untertaneneib leisteten und alle bürgerlichen Pflichten auf sich nähmen, würden sie alle Bürgerrechte genießen, die sich in keiner Hinsicht von denen der eingeborenen Mexikaner unterschieden. Natürlich könne nach der jetzigen Verfassung kein Fremder Präsident der Republik werden. Wenn solche Bürger in irgendeinem Staate Mexikos die politische Majorität erlangten, könnten sie sich ihren eigenen Gouverneur und andere Beamte wählen und würden alle Rechte genießen, die. ..anderen Mexikanern jetzt oder in Zukunft zustehen. Die Staaten seien unabhängig und in ihrer Lokalverwaltung selbständig, unterständen indessen der höheren Autorität der Regierung der Republik. Aber auch wenn die Juden nicht mexikanische Bürger werden wollten, würden sie willkommen sein. Sie würden von der Militär- Pflicht befreit sein und genau so behandelt werden wie jeder andere Fremde ohne Unterschied der Nation und Religion. Präsident Diaz würde indessen lieber sehen, daß die Juden nach Mexiko kämen, um Bürger dieses Land.es zu werden, und daß sie den v Mexikanern industrielle und kommerzielle Vorbilder seien. Der Prüsidenk verspricht sich davon einen großen und nützlichen Einfluß auf sein Volk. „Mir wäre es angenehm," erläuterte der Präsident/ „große Ansiedlnnden von Juden zerstreut durch ganz Mexiko zu'- sehen, und ich würde sie so weit wie möglich zerstreuen, nicht aus irgendeiner politischen Rücksicht, sondern weil auf diese Weise ihr Beispiel den Bewohnern in jedem Teile des Landes zugute käme. Mexiko heißt Leute mit Geld willkommen, aber ebenso begrüßt es Leute, die Geschicklichkeit und Eifer besitzen. Wir haben sie nötig als Vorbild für die große Masse unseres Volkes, und mein Land bietet ihnen ein Feld großer Möglichkeiten." v--w’ * John de Kay regte an, die mexikanische Regierüng möge Land zu niedrigen Preisen den Juden anbieten und -diese ermutigen, dorthin zu kommen. Der Präsident Antwortete, daß die Regierung in vielen Teilen der Republik wertvolles Land besitze, daß sie den Juden zu niedrigem Preise verkaufen könne, und dessen Wert nach seiner Ausschließung noch bedeutend wachsen würde. Er möchte gern, daß dieses Land in großen oder kleinen Stücken von Juden aus der ganzen Welt erworben und besiedelt würde. „Wir zahlten teuer für unsere Freiheit und schätzen sie daher hoch. Ich wünsche, daß di'e'Juden einsehen, daß sie Hier ihre Freiheit haben können; hier würden sie willkommen sein, hier könnten sie gedeihen, frei von Intoleranz, Bigotterie und Verfolgung." . Der Molutionskonds und die leiltungslchwschrn Synssasen-Gemeinden. Von Lion Wolff-Tempelburg. ~ roßer Jubel herrschte in unseren Kreisen, als im vorigen Jahre, der. Kultusminister eine Summe von 40 000 Mark als Unterstützung, für. „leistungsschwache Synagogengemeinden" von dem preußischen Landtage forderte und bewilligt erhielt.

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