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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-05 · Heft 6 (5.2.1909) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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■ •; Der Mathematiker Geheimrat Professor Dr. Cafltor- Heidelberg sagte: „Welchen religiösen Standpunkt mir rneinefachwissenschaftlichen Bestrebungen angewiesen hätten? Ich könnte mit zwei Worten erwidern: Gar keinen. Weil aber Ihre Frage derart ausgefaßt 'werden kann, wie ich selbst mich zur Religion -stelle, und ich keine Veranlassung habe, die Beantwortung Ihrer' 'Frage zu' verweigern, denn, wenn man in seinem, achtzigsten Lebensjahre steht, muß man, wenn je zur Klarheit Aber 'die letzten Dinge gekommen sein, so mag mein GlaubensbekenntKis ausgesprochen sein. Ich glaube an ein Gesetz, welches das Weltall regelt, welches vor der Endlichkeit bestand und die Endlichkeit überdauern wird, welches das Größte in sich faßt und bei dem Kleinsten nicht Halt macht. Mit menschlicher Individualität! begabt, kann ich mir aber das Weltgesetz auch nur individualisiert denken.'' Das Weltgesetz verdichtet sich zum Weltgesetzgeber. Wie man diese höchste Begriffseinheit nennen will, das ist mir gleichgültig, .ist.-es doch nur meine eigene religiöse Auffassung, die ich mir gebildet habe." . -„Religion und Wissenschaft können nur scheinbar im Widerspruche stehen, denn sie haben im Grunde nichts miteinander zu tun. Diese ist ein Produkt des Verstandes und -jene entstammt dem Gefühl," sagt 'der Aeghptologe Prof. .Dr. Adolf Erman. „Was dem wissenschaftlichen Sinne an einer Religion anstößig erscheinen kann,. ist nur deren äußere Form, und diese ist im Grunde etwas Gleichgültiges . . . . Zu wünschen bleibt freilich immer, daß die Form der Religion sich immer allmählich der fortschreitenden intellektuellen Entwicklung eines-Volkes anpasse. Zum Schluß sei noch eine der Antworten unverkürzt 'wiedergegeben, die eines Gelehrten, der Forscher und Arzt ist und als solcher praktische Religion zu üben hat und der wegen seiner/.prominenten Stellung innerhalb des Judentums für uns von .besonderer Bedeutung ist. Geheimer'Medizinalrat Professor Dr. H. Senator-Berlin schreibt:^„Im wesentlichen stehe ich mit meinen religiösen Anschauungen aus. dem Boden der großen jüdischen Propheten (Jesajäs'bis Micha), die den reinen Monotheismus verteidigen, keine Auferstehung, keine persönliche Fortdauer der Menschen nach dem Tode, sei es im Himmel oder auf der Erde, kennen (Jesajas XXVI, 14), aber auf eine dereinstige messt an is che Zeit hoffen, in. der sich die Menschen nicht mehr /bekriegen, sondern ihre Schwerter zu. Sensen, ihre Speere zu . .Winzermessern schmieden werden usw. (Jesajas II, XI, Micha IV), .eine Zeit, an deren Herbeiführung mitzuwirken aller Menschen Pflicht sein soll. Jene Propheten predigen immer wieder als Grundlagen der Moral, Ethik und Gesetzgebung jeder 'menschlichen Gesellschaft die mosaischen Gebote, nämlich: die Zehngeböte, das Gebot der Barmherzigkeit und .Nächstenliebe, die Gerechtigkeit und Haftpflicht, nach welcher jede Schuld ihre angemessene Sühne finden soll . (Auge um Auge usw.) und nur dem bereuenden Sünder vergeben wird. Jene Propheten bewerten die Zeremonialgesetz e nur gering (Jesajas VII, 11 ff.> LVIII, 5 sß, Micha Vh Jexemia VII, Ezechiel XVIII) und verlangen dafür vielmehr Tugend und 'Gerechtigkeit. Mit diesen religiösen. Anschauungen stehen Meine wissenschaftlichen. Anschauungen in gar keinem Widerspruch." . Diese . Antwort wird gewiß unseren, Lesern weitaus; die sympathischste von allen bisher angeführten sein. Sie ist : aber auch, da sie von einem aus wissenschaftlichem Gebiete so hervorragenden. Forscher herrührt, sicher die wichtigste und bedeutungsvollste. , -, . . . . _; l' -; Bit Mocht. / Berlin, 2. Feböpar. icht einmal -den Geburtstag; des. Kaisers/ den alle Konfessionen /und Parteien /treu/Und einmütig feierten, ließen unsere braven Antisemiten vorübergehen, ohne gegen -die Juden zu hetzen und deren'Patriotismus zu verdächtigen. Und doch sind die Antisemiten wahrlich die letzten, die über ehrlichen imb. wahren- Patriotismus überhaupt zu sprechen wagen sollten. Die Juden Haben ihren Patriotismus jederzeit und bei jeder Gelegenheit bewährt, die Antisemiten aber haben bei berschiedenen Gelegenheiten, und auch erst jüngst, gezeigt/ daß der ihrige sehr fadenscheinig ist. Dasselbe gilt von den Alldeutschen und den Agrariern in noch viel höherem . Grade. Zu den letzteren rechnet sich bekanntlich auch der Agitator und Abgeordnete Dr. Hahn, der^in der letzten Zeit wiederholt die Juden im Reichstage anzuulken versuchte, dafür aber jedesmal von dem freisinnigen Abgeordneten Go t he in gebührend abgeführt wurde. So machte Herr Hahn in der Reichstagssitzung vom 20. v. M. m einer Polemik gegen den Abgeordneten Gothein die Bemerkung, er könne Gothein nur raten, er möge als reuiger Sünder an seine Brust schlagen, möge seinen bisherigen Liberalismus an seine jüdischen Freunde als altes Eisen verkaufen. Auf diese an den Haaren herbeigezogene Wendung erwiderte Abgeordneter Gothein: „Abgeordneter Hahn hat mir schließlich den Rat gegeben, ich möchte mit meinen Anschauungen über die ländliche Arbeiterfrage einen Unterschied machen zwischen meinen christlichen und meinen- ' jüdischen Freunden. Meine Herren, ich gehöre nicht zu denjenigen Jtzenschen, die auf einem so niedrigen Kulturstandpunkt stehen (Sehr gut! links und Lachen rechts), daß sie einen Unterschied "zwischen Christentum und anderen Konfessionen machen. Ich bin nicht so' taktlos, daß ich meine Freunde nach ihrer Konfession frage. Jedenfalls aber kann ich den Herrn Abgeordneten Dr. Hahn versichern, paß mir jeder anständige Jude hunderttausendma eber ist als ein Lump, auch mit dem schönsten christlichen Namen." Und in der Reichstagssitzung vom 28. v. M. sagte der Abgeordnete Gothein Herrn Dr. Ha*- und den Konservativen noch stärkere Wahrheiten, .ut er unter anderem ausführte: „Vor acht Tagen hat-Abgeordneter Hahn wieder mal geringschätzig von unseren jüdischen Mitbürgern gesprochen, uno, ir nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen ihrer Abstammung; Ich weiß ja nicht, bei welchem Grade der Blutverdünnung (Heiterkeit) für Herrn Hahn der Jude aufhört. Aber ich weiß, . daß hervorragende Führer der Rechten (Zuruf: Stahl), nein jetzige Führer von Juden abstantmen. Die Mutter eines allseitig verehrten'Konservativen ist z. B. eine Jüdin. Die/Ausführungen des Abgeordneten Hahn in dieser Beziehung waren daher sehr respektlos." (Beifall links.) ' r. Das Oberverwaltungsgericht wird nächstens einige interessante Entscheidungen über die Frage der Kirchensteuer- Pflicht zu treffen haben. Wie wir schön vor längerer Zeit mitzuteilen in der Lage waren, find in Berlin irrtümlich verschiedene der evangelischen Landeskirche nicht ungehörige Personen, so ein Katholik und ein Jude, zur Kirchensteuer für die evangelische Kirche veranlagt worden. Da die zu dieser Steuer Herangezogenen es versäumt haben, innerhalb der Frist von. vier Wochen Einspruch zu erheben, so besteht die Kirche auf Zahlung-der Steuern. Die Staatsbehörde hat allerdings auf die Reklamation der Betreffenden sich dahin ausgesprochen, daß eine Kirchensteuerpflicht für die der Kirche überhaupt nicht ungehörigen 'Personen unter gar keinen Umständen und namentlich auch nicht * dadurch ■ begründet werden ' körine, daß

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