Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. StzkM! S^kchbrWk 1909. 73. Jahrgang. Nr. 6, Diese, Zeitlrng erscheint,. «röchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin:u. Vororten durch unsere ver.rriebsstellen).bHZogen vierteijährlich 3 M. Re-aktevr: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippsoil. Veil2LS-8rBWoll: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse': Verlag der „Allgem. Zeitung, des Judentums^,- Berlin 8^, Jerusalemer Straße 46/4S, zu richten. Vertag von- Rudolf rNosse, Berlin. Lim KunLkraW. Berlin, 2. Februar, n der Zeit der Rundfragen mußte natürlich auch , das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft zur Sprache kommen, wie sich jeder denken konnte. Das ist nun auch geschehen, und Zwar in einer Weise, die unser besonderes Interesse in Anspruch nimmt. Auf eine Rundfrage von Dr. Curt Radlauer hat eine stattliche Zahl deutscher Universitätslehrer ihre Ansichten über „Moderne Wissenschaft und religiöse Grundgedanken" kundgegeben. Das Februarhest der Monatsschrift „Nord und Süd" hat mit der Veröffent-. lichung begonnen. Professor Hermann. La.tzt.rack) der uns ja sehr interessiert, spricht als Christ un.d o^ltzodoxer Theolo ge.. „ Nicht-der Glaube an einzelne Dogmen Wacht zum Christen, sondern der Glaube an Jesum Christum. Mit dem Glauben an den Gekreuzigten und wahrhaftig Auferstandenen hängt der Glaube an die Möglichkeit von Wundern und von Weissagungen notwendig zusammen ... Und Wunder sind nicht in dem Sinne, wie man es gewöhnlich meint, eine Durchbrechung der Naturgesetze; sondern unterbrochen worden ist die von .Gott eigentlich gewollte ruhige und gleichmäßige Entwicklung des Menschengeschlechts, und zwar durch die Sünde, in welche der Mensch, wenn auch verführt, doch durch eigenen Entschluß-verfiel Den Folgen dieser Unterbrechung entgegenzuwirken, die Menschheit wieder zu Gott hinzusühren, ist die. Aufgabe der Wunder, insonderheit des Wunders schlechthin: Der. Auferstehung des. am Kreuze Gestorbenen." Dies und 'die weiteren Ausführungen Stracks , zeigen, wie er und seine, wissenschaftliche Rjchtnng sich. zrrr Religion stellen. Den Schluß seiner Betrachtungen widmetStrackdemVergleich zwischen liberalen und orthodoxen Theologen, von denen er in mancher Hinsicht die letzteren für die freieren hält. Die. gleiche Anschauung vertritt Professor Dr. Canrad Bornhack, der nur als Jurist und Rechtshistoriker im christlichen Staate redet: „Wie die religiös?sittlichen Kräfte des Staates seinen Wert und sein Schicksal wesentlich bestimmen, so kann auch für die Staaten dex. christlichen Staatengemeinschaft den absolutest Maßstab und Wertmesser weder eine absolute menschliche Vernunft, noch eine voraussMunKlo.se Wissenschaft, die es beide ' nicht gzbt, sondern nur. das Christentum sein." Ganz, andexs. der. Mediziner, Biologe, .undMhn.ologe Professor Dr. G,ustnv,Fritsch. Die UrsPMnge derReligion liegen im Selbsterhaltungstrieb. Dieser richtet sich.auf die drohende Vernichtung.rd.nrch.den.Dod. unh. .sucht '.nach. Mitteln, ihr. zu entgehen. Es. entsteht die Illusion,, daß >die.PeMichtung des Individuums^ keine vollständige sei, es entsteht der Geisterglaube, der Ahnenkultus, der Wunsch, - mit den Verstorbenen zu verkehren. Ihn zu erfüllen, war nicht leicht, hilfreiche Stammesgenossen fanden die Mittel, es bildeten sich die Geisterbeschwörer. — und Priester. „Ueberall ist. daher auch der religiöse Betrieb im wesentlichen der gleiche: stets handelt es stchmm -S,ch u.lid und Sühne, in Zusammenhang mit letzterer um die Bestechung; der überirdischen Mächte durch gute Werke und Opfer." Fritsch läßt aber gelten: „denn das muß auch vost den . Vertretern der Wissenschaft rückhaltlos anerkannt werden: es gibt viele Dinge zwischen- Himmel-und Erde, von denen sich unsere Asterweisheit nichts träumen läßt, unsere Erkenntnismittel sind beschränkt, da wir weder das unendlich Große noch das. unendlich. Kleine richtig auszudenken vermögen. Aber dies es menschliche Unvermö gen darf ^niemals als Grund, dafür herbeigezogen werden, nun auch die uns wirklich verliehenen Erkenntnismögl.ichkeiten zu verachten." Für den Mediziner Professor Ra Witz hat mit der-Religion der, Glaubenssätze die moderne Wissenschaft — darunter versteht er, Naturwissenschaft — nichts zu tun. „Das Gefühls der schlechthinnigen- Abhängigkeit von der Natur liegt allen Religionen, ohne, Ausnahme zugrunde, wenn es auch in Nord und Süd eme. sehr verschiedene Gestalt erhalten hat: Und dieses Gefühl.oder besser, diese Erkenntnis, des absolutenUnterworfenseins unter die Naturgesetze: ist. sie .wirklich, der religiöse Grundgedanke, dann hat ihn auch die Naturwissenschaft. Ja, sie. ist, von ihm Viel tiefer durchdrungen, ist. also, in Wahrheit. viel religiöser, als sämtliche borgenannten Religionen. der Welt zusamm.engenommen." .... Nach diesen Worten äußert sich der Chemiker I. H. van't Hofs: „Meiner Ansicht nach haben sich die religiösen Grundgedanken schondadurch für den Menschen als ausgezeichneter Leitfaden gezeigt, daß sie sich durch Jahrhunderte hindurch aufrecht erhielten und also im Kampf üms 'Dasein stützten. Ob der' bildliche Inhalt sich mit der Wahrheit deckt, kommt für mich in zweiter- Linie. Ich -stelle mich dazu, wie auf meinem Gebiet zu dem Bild, das die Atomlehre bringt, und ziehe nur den: praktischen Schluß, daß ' in religiösen Grundgedanken für das Leben die atomistische Auffassung fürbie Chemie im großen Ganzen das Richtige zeigt.' So neige ich, wiewohl als Naturforscher den religiösen Ueberlegungen etwas fernstehend, in schweren Lebenslagen dennoch dazu, darauf zurückzugreifen, und noch vor nicht langer'Zeit, als mirdas Schwerste zugefügt wurde, was einem Vater'von seinem Sohn zuteilwerden kann, und alles dunkel' schien, habe ich Licht gefunden im religiösen Gebanken, der da sagt: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet."