Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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denen, formvollendeten Gedicht/ gesprochen .von Fräulein R. Go lösch m idt sprach.Herr Ob errabbiner Hirsch, anlehnend an den Wochenthoraaöschnitt, ernste Worte der religiösen Weihe, dann hielt Fräulein Sidonie Werner. Schwester, des Münchener Rabbiners, eine hinreißende Rede über die Zwecke und ZKle des neuen Heims, gipfelnd in dem Ausspruch: „Gesegnet, wer seine Arbeit gefunden hat!* Tiefe Rede, der Ausfluß eines hochgebildeten Geistes, einer wahren, warmen Liebe zur Väterreligion, zur Jugend und ihren Zeitbestrebungen verfehlte ihren Eindruck nicht. Ein Feuer reiner Begeisterung ergriff die sehr zahlreiche Versammlung, die sich aus den besten Kreisen der Gemeinde zusammensetzte, und mancher Freund wurde dem neuen Institut gewonnen. Nachdem noch die -zweite Vorsitzende des „Humanitären Frauenvereins", Frau Marie Goldschmidt, die neue Anstalt, die den Bestrebungen des Muttervereins ihre Existenz verdankt, der weiteren Fürsorge derselben versichert hatte, begrüßte der Präsident der Henry Jones-Loge. Herr Alfred Lisser, dieses Werk edlen Frauenschaffens und überbrachte zwei silberne Leuchter als Geschenk der Loge, die als Festzeichen an Sabbaten und Feiertagen dem neuen Heim leuchten sollen. Möge dies schöne Werk echter Frömmigkeit, gepaart mit dem Geiste der modernen Zeitrichtung sich weiter entfalten und unserer weiblichen arbeitenden Jugend zu immer größerem Segen gereichen^. M. Hamburg, 23. Januar. Am 1. dieses Monats^ sah Herr Hermann Gumpertz auf eine fünfundzwanzigjährige ehrenamtliche Tätigkeit ' im Vorstand des Deutsch - Israelitischen 'Synagogen- Verband'es zurück. Durch das Vertrauen der Gemeinde im Jahre .1884 in den Vorstand berufen, hat er während eines Vierteljahrhunderts seine schätzenswerte Arbeitskraft mit beispielgebender Hingebung ununterbrochen in den Dienst des Synagogen-Verbandes gestellt; vor einem Jahrzehnt haben ihn seine Mitarbeiter zu ihrem Präses gewählt. Während dieser Zeit hat sich Herr Gumpertz unvergängliche Verdienste um den Ausbau und die Kräftigung unserer Gemeinde erworben, als einer der berufensten Vorkämpfer, wo es galt, die gesetzestreuen Institutionen zu schützen und auszubauen, sich bewährt. Seit frühester Kindheit dem Studium unseres heiligen Schrifttums ergeben, genießt er weit über unsere Gemeinde hinaus den wohlbegründeten Ruf als hervorragender Talmud-Gelehrter. Eine Feier seines Ehrentages hatte der Jubilar nachdrücklich abgelehnt; indessen konnte der Vorstand es sich nicht versagen, seinem Präses eine besondere Ehrung angedeihen zu lassen. In früher Morgenstunde, erschienen Herr Oberrabbiner Hirsch, der gesamte Vorstand und das Delegierten-Kollegium in der Wohnung des Herrn Gumpertz. Der Herr Oberrabbiner feierte die Verdienste des Jubilars um die Hamburger Gemeinde und um die Gesamtinteressen des - Judentums. In seiner Bescheidenheit wies Herr Gumpertz die eigenen Verdienste zurück, indem er erklärte, daß die Erfolge seiner Wirksamkeit nur der Mitarbeit seiner Kollegen und der Leitung des Herrn Oberrabbiners zu danken seien. Er werde seine schwachen Kräfte gern weiter in den Dienst der Gemeinde stellen. Möge es Herrn Gumpertz vergönnt sein, in ungetrübter Frische noch viele Jahre zum Wohle der Hamburger Gemeinde zu wirken! — Kissiirgeir, 20. Januar. Die Israelitische Kinderheil, statte, die jüdisch-religiös geführt wird, hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits 437 Kindern aus allen Teilen Deutschands Aufnahme, Pflege und Heilung gewähren können. Die erzielten Heilresultate sind in manchen Fällen glänzende. Die Gewichtszunahme der Kinder während ihres Aufenthalts in der Heilstätte betrug vier bis zehn Pfund, nur in einzelnen Fällen weniger, in einzelnen auch mehr, bis zu 13 Pfund. Die Anstalt, im Jahre 1905 eröffnet, ist in herrlicher Lage auf dem Wege zur Saline in einem schönen Garten erbaut, durchaus modern, schön und zweckmäßig eingerichtet. Sie entspricht den höchsten 'Anforderungen, die man berechtigterweise an eine solche Anstalt stellen kann. Die Kinderheilstätte wirp^ durch die jährlichen Beiträge der Mitglieder erhaltend Sie ist auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Leider mußte alljährlich eine sehr große Anzahl von leidenden Kindern zurückgewiesen werden, weil die Anstalt bis auf den letzten Platz besetzt war. Die Vereinsleitung trägt sich deshalb mit dem Gedanken, ihren Wirkungskreis wesentlich zu erweitern. Aus diesem Anlasse hat einer der Gründer und größter Wohltäter der Anstalt ihr neuerdings wiederum 5000 Mark zyPerviesen. Möge dieses Beispiel edlen Sinnes Nachahmung finden zum Kesten der armen leidenden Kleinen! > , G Stuttgart, 22. Januar. Vor dem hiesigen Schöffengericht würde am letzten Sonnabend ein Beleidigungsprozeß des Sekretärs des Deutschnationalen Händlungsgehilfenverbandes Thomas-Berlin gegen den verantwortlichen Redakteur der „Schwäbischen Tagwacht" Westmeher verhandelt. Die „Tagwacht" hatte das Auftreten Thomas' und seiner Getreuen in einer Versammlung während der. letzten Kaufmannsgerichtswahl aufs schärfste kritisiert. Die Versammlung war einberufen vom .Verein Deutscher Kausleute. Durch die Deutschnationalen wurden unglaubliche Skandalszenen heranfbeschworen. Thomas erging sich in den schwersten persönlichen Beleidigungen der Gegner. Die Zeugen (Stadtgeometer Kercher, Vorsitzender der Jungen Volkspartei, Rechtsanwalt Payer II und anderes erklärten, solch einer Versammlung noch nicht beigewohnt zu haben. Die Schuld treffe die Deutschnationalen und insbesondere den Herrn Thomas. Der Kläger Thomas beantragte, von einer Geldstrafe abzusehen, da diese die Partei trage; das Gericht möge auf eine „exemplarische Strafe" erkennen. Der Verteidiger gab ein Charakterbild des Thomas, das für letzteren wenig schmeichelhaft war. Der Beweis dafür, daß Thomas mit Verleumdungen arbeite, sei voll erbracht, auch daß er seine Diskussionsrede mit einer Beleidigung begonnen und geschlossen habe. Der Bericht stimme genau. Das Gericht erkannte auf 40 Mark Geldstrafe, Publikation des Urteils usw. Das Urteil wird Herrn Thomas wenig befriedigen. Gesterretch-Anssrn. □ 2öie«, 24. Januar. 'Einen merkwürdigen Antrag stellte in einer Sitzung der Wiener Bezirksvertretung Josefstadt der Bezirksrat Barth, nämlich, den Stadtrat aufzufordern, in Zukunft das Bürgerrecht nur Personen arischen Stammes zu verleihen, die tatsächlich Leistungen um die Gemeinde Wien aufzuweisen haben. Dieser Antrag wurde angenommen und zwecks Zustimmung sämtlichen anderen Bezirksvertretungen Wiens übermittelt. Ist das zu gl.auben? — Der kaiserliche Rat Fuchs in Prag leitete eine Zuschrift an die Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde, in welcher er ans; das antisemitische Treiben eines Teiles der tschechischen Presse in. Böhmen aufmerksam machte. Der Zuschrift lagen mehrere Exemplare jener Zeitungen bei. In den Notizen wird unter den gröblichsten Verleumdungen und Beschimpfungen der schärfste Boykott gegen die Juden gepredigt. Ueber Antrag des Herrn Dr. Popper wurde beschlossen, das ganze Material der Oberstaatsanwaltschaft zu übergeben. — Im nächsten Jahre wird das Propinationsgesetz erlöschen, und mindestens 20 000 Juden in Galizien werden, wie die „Neue National-Zeitung" schreibt, brotlos. Es wäre wohl überflüssig, hier näher zu erörtern, daß in Galizien ein sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung vom Branntweinverschleiß elend das Dasein fristet. Es gehören hierher nicht bloß die Branntweinhändler in den Städtchen und Dörfern, sondern auch Legionen von kleinen Beamten, die bei den Propinationen angestellt sind. Sie alle verlieren im Jahre 1910 ihre Existenz. Die Propinationen werden aufgelöst, und ihre Bediensteten, durchwegs Juden, Familienväter, zumeist mit Wochengehalt von 10 bis 20 Kronen, müssen sich nach einem andern Erwerb umschauen. Sie werden ihn nicht finden, denn sie haben nichts anderes gelernt; auch ihre Väter und Großväter waren bereits bei den Vorfahren ihrer Chefs in Dienst. Der Obmann der polnischen Volkspartei, Abg. Stapinski, hat bereits im Polenklub erklärt. Indem dürfen keine Konzessionen bekommen. Was soll nun mit den 20 000 Juden, die jetzt vom Branntweinausschank leben, geschehen? Im . Lande ist für sie keine Arbeit. Sollen sie auswandern? Wohin? ' Luszland. L.A.T. Odessa, im Januar. In einer Privatheilanftalt ist hier der Redakteur und Herausgeber der „Odesskoje Obosrenije" („Odessaer Rundschau"), früher „Jujnoe Obosrenije" („Südliche Rundschau") Salomo n Leontjewitsch Jsakowitsch gestorben. Die Nachricht von seinem^Tode ries .allgemeine Teilnahme hervor.. Der Verewigte kam in den siebziger Jahren aus dem Kaukasus, wir glauben, aus Kutais, zusammen mit dem Grafen Lewaschew, der zum Odessaer Stadthauptmann ernannt wurde, nach Odessa. Er verkehrte hier in\ der besten Gesellschaft und genoß allgemeine Sympathie. Er war ein vielfach gebildeter Mann, ein großer Linguist, ein sehr interessanter Gesellschafter. Seine . literarische Tätigkeit begann er im