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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-29 · Heft 5 (29.1.1909) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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ohne alle Beleuchtung schauerlich gegen, die von. lustigen Lichtern funkelnden Nebengebäude abstach. Der. Platz war die Schranne. Vor dem Hanse hatten sich die Menschen gehäuft und standen, erAhlend und horchend, vor dem Tore. Auch der Wanderer trat näher und fragte, wessen das dunkle Haus sei. „Dem Herrn Erasmus Schlagnitweit gehört es," sagte eine freundliche Älte, „gar ein reicher Mann bei der Stadt und Ratsherr obendrein." „Und warum ist es allein dunkel, da doch alle Häuser ringsum erleuchtet sind?" „Ei, du mein lieber.Himmel," sagte die Alte, „der arme Mann sollte sich wohl noch freuenwenn sein Sohn aus den Laden liegt." „Todt?" sagte Ephraim schaudernd, „wie iM gekommen?" „Hat Streit gehabt", plauderte die Alte, froh, daß sie ihre Neuigkeit an den Mann bringen konnte, „Streit mit einem andern Herrn Studenten; Jugend hat nicht Tugend,/ braust und zankt, da haben sie zur Wehre gegriffen, und der andere hat auf der Gänsweid den jungen Herrn Schlagnitweit durch und durch gerannt." - Ephraim schwieg erschüttert, während die Alte i fortfuhr: „Soll ein gar heillos Blut gewesen sein, der junge Geschlechter und manch böse Tat auf dem Gewissen hatte. Nun, der Herrgott kennt feine Leute und wird schon wissen, warum, er ihn abgerufen hat." „Seid bedankt, Mutter", sagte Ephraim und schritt weiter: Da er bemerkte, wie beim hellen Schein der Lichter manch argwöhnischer Blick auf sein Gewand fiel, welches den Juden verriet, so nahm er das Zeichen heraus, welches er als Neophit zu tragen berechtigt war, und das aus einem gelben Kreuz bestand. So gelangte er zum Dom von St. Stephan; festlich war die Kirche geschmückt, frische Blumen wanden sich um die gotischen Säulen, die goldnen Leuchter schimmerten vom Glanze unzähliger Festkerzen, und über die Häupter der gläubigen Menge hin brausten die majestätischen Klänge der Orgel. . Auch Ephraim stellte sich unter die Betenden, die ihn halb neugierig, halb mißtrauisch betrachteten. Immer voller und voller ward die Kirche. Die Leute, die um Ephraim her -standen, waren aus den untersten Volksklassen, Arbeiter, Gesellen und vom Lande hereingeströmtes Bauernvolk; alle harrten in schweigender Andacht dem Hochamte entgegen, welches in der Mitternachts stunde gefeiert wird. Weit geöffn et waren alle Tore, selbst das sogenannte Riesentor, welches nur bei feierlichen Veranstaltungen geöffnet wird, sperrte weit aus seine gewaltigen Flügel und ließ die Volksmenge ein, welche immer wachsend herbeiströmte. Endlich hallte vom Turme der zwölfte Stundenschlag, und im selben Augenblick ward die Mette eröffnet. Im reichsten Ornate erschien der Bischof anr Hochaltar, gefolgt von Archidiakonen und Diakonen, und das heilige Hochamt begann. Auf die Knie sank das Volk; nur Ephraim stand aufrecht; er wollte nicht knien in dem fremden Gotteshause. „Nieder, nieder", murrte die Menge. Ephraim sah, daß seine Stunde gekommen; eine ingrimmige Angst verzehrte ihn, es schien, als^legte sich des Domes Decke auf ihn, und wollte ihn erdrücken. Immer lauter und lauter murrte die Menge; da wandte er sich um und rief mit lauter Stimme: „Was wollt Ihr, daß ich knien'soll, da ich. doch ein Jude bin." „Bist Du nicht getauft?" zürnte das Volk, mit wilden Blicken auf das Christenzeichen deutend, das der Jude trug. ' bft§ 3etd&en weit von sich und rief: v' „Ich habe nie aufgehört, ein Jude zu sein; ich bin ein Jude und will sterben im Glauben meiner Väter!" - ■ „Gotteslästerung! Nieder mit dem Abtrünnigen," heulte, das Volk und stürzte sich auf den Unglücklichen. Schweigend ließ Ephraim den ersten Ausbruch der Wut über sich ergehen; er ward zu Boden gerissen und mit Schlägen überhäuft. „Ausis Gericht!" riefen einige. „Wozu? Wir richten selbst!" schrien die Wütendsten. „Auf den Scheiterhaufen!" rief eine fanatische Stimme. „Auf den Scheiterhaufen!" brüllte die wütende Menge nach und schleppte Ephraim zum Riesentore hinaus. Vergebens suchten die Gemäßigteren zu wehren; vergebens wendeten sie Bitten und Drohungen an; der fanatische Pöbel blieb bei seinem grausamen Beschlüsse. Aus Betstühlen, aus den Kreuzen des Friedhofs, der um den Stephansdom sich herumlagerte, ward rasch ein Scheiterhaufen aufgetürmt. Totenbleich, aber schweigend sah Ephraim zu; die Fanatiker banden ihn aus ein Brett und legten ihn auf den Holzhausen; im Nu brannten die dürren Scheite, da rief er mit lauter Stimme,' „Mein Herr und Gott, sei mir gnädig". Dann entzog der, dichte Rauch seine Gestalt den Blicken und seine Stimme ward nicht mehr gehört vor dem wilden Geheul des Pöbels, der in schauerlicher Wut um den brennenden Holzstoß herumtanzte ... Einige Jahre später finden wir in alten Urkunden den gelehrten Rabbi Immanuel ben Levi samt seiner Frau Regina namentlich aufgeführt. Ob sie glücklich lebten und in Frieden starben, wissen wir nicht; denn die alten Chroniken erzählen wohl viel schauerliche Züge vom Jammer und Elend, das über Israels Volk in jenen Tagen gekommen ist, so wie der, den wir soeben getreulich angeführt haben, aber sie berichten leider auch nicht ein einzigesmal von ihrem Glücke und ihrem Frieden in jenen trüben Tagen. Literarische Mitteilungen. Die Deutsche Orient-Gesellschaft läßt dem 38. Heft ihrer Mitteilung, das von Assur und Babylon handelte, und das wir kürzlich besprochen haben, unmittelbar das 39. folgen, in dem Professor Sellin und seine Mitarbeiter über die Ausgrabung von Jericho berichten. Was einem jeden von uns seit seiner Kindheit aus den biblischen Erzählungen geläufig war, Hacke und Spaten der Ausgräber haben es jetzt bestätigt: schier unbezwinglich mußten die aus riesigen Blöcken geschichteten Mauern erscheinen, mit denen die hochragende Stadt rings umgürtet war. In der eingehenden Schilderung, die der als Architekt an der Ausgrabung beteiligte Dr. Langenegger von der an mehreren Stellen aus beträchtliche Strecken genau untersuchten Außenmauer von Jericho entwirft, klingt als Grundton überall die Bewunderung durch für das hohe technische Wissen und Können der Bauyreister, die in grauer Vorzeit dies gewaltige Werk so geschichtet haben, daß „im Gewirre der Fugung keine Stelle bleibt, an der ein Instrument der Zerstörung wirkungsvoll emsetzen könnte." Innerhalb dieser mächtigen und weithin sichtbaren Ümmäuerung erhob sich dann noch eine von einer Doppelmauer mit stärken Ecktürmen umgebene Zitadelle, die'ebenfalls zu einem beträchtlichen Teil freigelegt worden ist und von Dr. Langenegger in Bezug . auf ihre interessante architektonische Struktur eingehend gewürdigt wird. Daß diese imposanten Befestigungswerke in ihrer Gesamtheit, tatsächlich auf die älteste Zeit der Geschichte Palästinas zurückgehen, die man als die kanaanitische zu bezeichnen sich gewöhnt hat, daran lassen die bei der Ausgrabung gemachten keramischen Funde keinen Zweifel. Wie Professor Watzinger. der Archäologe der Expedition.

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