Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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liebende Hausfrau, bis der Tod Euch scheidet. - Und-someine Kinder, empfehle ich Euch dem Schutze des Ewigen.":; Ephraims Augen funkelten von Tränen, auch die Frau weinte leise und sagte mit tief ergriffenem Gemüt: „Ei, Ephraim, Du segnest ja Deine Kinder, als oh Du zu sterben gingest!" „Wer weiß," rief er mit schmerzlicher Rührung leise aus. Immanuel, der Regina an seine Brust gedrückt hatte, voll freudiger Ahnung, daß er sein Lebensglück in den Armen halte, trat nun auf den Vater zu, reichte ihm die Hand und sprach feierlich bewegt: „Vater, was Ihr von mir soeben gefordert habt, das will ich getreulich halten; ich will ihr ein treuer Gatte, eine starke Stütze sein, und Ihr mögt einst Euer Haupt ruhig schlafen legen; denn ich will für die Euren sorgen,- als ein redlicher Mann." - „Willst Du das?" sagte Ephraim,. ihm herzlich die Hand drückend, „so segne Dich der Herr; und nun Kinder, haltet mich nicht länger auf, denn ich muß fort." Noch einmal umarmte der Vater seine Kinder, drückte einen herzlichen Kuß auf die Lippen seines weinenden Weibesdann schritt er rasch auf die Tür zu und verschwand in der dunklen Nacht. * '; Es war jene von der christlichen Religion geweihte heilig Nacht, wo die Menschen singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!" Die Natur schien die Feier des großen Gedankens mitzubegehen, denn der Sturm/ der bisher gewütet, legte sich allgemach, nur manchmal strich ein Windhauch, leiser und leiser verwehend, über die schneeigen Flächen, und die Wolken, die noch vor kurzem schwer und ' drohend am Himmel hingen, verflogen in dämmernde Fernes daß die tiefdunkle Himmelsdecke rein hervortrat und der stille Mond und die zahllosen leuchtenden Sternen funken ihr mildschimmerndes Licht herabgossen über die nächtige schweigende Erde. Es ist ein schöner Anblick, die ins Winterkleid gehüllte schweigende Erde zu schauen in einer reinen kalten Mondnacht. Ephraim. stand auf einer der Höhen, die sich gegen Wien absenken, und obwohl sein Herz von den widerstrebendsten Gefühlen so voll war, daß ihm die Brust zu zerspringen drohte, so konnte er doch nicht umhin, ergriffen von dem prächtigen Schauspiel, das sich ihm darbot, stehen zu .bleiben, und bewundernd mit gefalteten Händen starrte er hinaus in das allgewaltige Wunder 1)er Schöpfung. Ringsum' herrschte das tiefste Schweigen, als bereite sich die Natur zu etwas Großem, Erhabenem vor; nur in der Ferne, wo der Wahrscheinlichkeit nach Wien sein mußte, schimmerte es von Lichtern, als ob dort die Stadt festlich und freudig beleuchtet wäre; mit einem Male begann vom Dom zu St. Stephan eine Glocke mit mächtigem Schlage zu klingen, ihr folgte die nächste und einstimmend antworteten unzählige andere, daß es wie ein Chorgesang melodisch heiüberklang, und fürwahr als der Mensch, tief seine Schwäche empfindend, mit seiner schwachen Stimme nicht zu dem Ewigen zu sprechen wagte, als er ein anderes Mittel suchte, um dem Herrn der Welt die heiligsten Gefühle seines Herzens kundzugeben, da empfang er jene Klänge, daß auf den brausenden, heiligen Tönen, auf den feierlich melodischen Schlägen sein Gebet klingend emporsteige zu dem Herrn.' Tiefbewegt horchte er aus düs Glockengeläute, das aus der Stadt zu ihm herüberhallte; es schien, als pb es sich wie kühlender Balsam in die brennenden Wunden seiner Brust ergösse. Im tiefen Schnee kniete er nieder, sein Blick war andachtsvoll erhoben, seine Hände gefaltet, als er mit lauter Stimme durch die stille Nacht hin detete: „Mein Herr und Gott; Du Gott meiner Väter, - ich weiß nicht/ ob'ich es recht tue, aber ich glaube, es, Du bist der Gott Abrahams; der Gott, zu dem meine Väter beteten in der Stunde ihres Todes; auch ich bete-zu Dir, laß meine Stimme nicht ungehört verhallen und öffne gnädig Dein Ohr meinem Rufen. Ich bin geboren und erzogen in dem Glauben und der Lehre, die einst Moses herabgetragen von den Höhen des Sinai, und wenn ich um dieser Lehre willen so manche Schmach, so manche Verfolgung gelitten, so habe ich nicht gemurrt, sondern sie immer lieber und lieber gewonnen, daß sie mit heiligen Fäden sich verwebte mit den Fasern meines Herzens, und daß der, welcher sie daraus losreißen wollte, mir zugleich das Herz mit losreißen müßte. Du hast mich reich und glücklich gemacht. Du Gott meiner Ahnen; Du hast gesegnet meiner Hände Werk, und der Blick Deiner Gnade ruhte auf Allem, was ich begonnen; Du hast mir ein treues Weib und liebe Kinder gegeben, und mein Herz war voll von einer Seligkeit, wie sie ein glücklicher Mann empfindet. Aber ich habe gesündigt und bin stolz geworden, o Herr, und darum schicktest Du über mich die Stunde der Prüfung und ließest Mich fallen in die Hände der Feinde; aber ich habe schlecht bestanden, o Herr und Gott, und als der Versucher zu mir tratda war ich nicht gerüstet noch gewappnet und bin erlegen. Um der Liebe zu Weib und Kind, um der Sorge wegen für mein zeitlich Gut habe ich Dich, den Ewigen, verleugnet. Dich, den Gott, der meine Väter aus Aegypten durch die Wüste geführt nach Kanaan, in das Land der Verheißung. Ich habe gezittert für meine Habe und darum mich selbst überantwortet dem Unheil, aber noch ist es Zeit, und ich will besiegen das Fleisch, das sich empört gegen Schmerz und Elend, ich will es besiegen, um die Seele zu retten. Und wie Du gesagt, so werde mir. Als heute Immanuel Dein ewiges Wort vorlas, da ergriff es mich mit den Schrecken des Gehinnom, als ich die Strafen hörte, die Du gedroht den Abgefallenen und Abtrünnigen; denn Dein Wort ist Wahrheit, und was Du gedroht, wirst Du fürchterlich halten. Und darum will ich hingehen und mit meinem Blute den Frevel sühnen, den ich verübt. Verzeih mir. Dir Gott der Ewigkeit, nimm die Sühne an, die ich Dir biete mit reuigem Herzen, lasse nicht entgelten mein Weib und meine Kinder das, was ihr Gatte und Vater verbrochen, gib ihnen Deinen Segen, und. alles Glück und stärke mich in meiner letzten Stunde, daß ich nicht werde zum Spotte der Menschen. Amen!" Nachdem Ephraim also gebetet, erhob er sich vom Boden, seine Glieder waren erstarrt, und kaum wollten die von Kälte gefesselten Füße ihn tragen. Aber sein Herz und seine Stirne glühten und sein Auge flammte von jenem wilden Feuer, welches die Begeisterung ansacht, und wer im Lichte.des Mondes in seine blassen, edlen Züge geschaut hätt< der würde darin eine schauerliche Entschlossenheit wahrgenommen haben. Ephraim schritt so rasch vorwärts, als ginge er der größten Freude, dem herrlichsten Tage seines Lebens entgegen, und obwohl ein gar beschwerlich Fortkommen im Schnee war, hatte er doch in einer halben Stunde die Stadt erreicht. In der Stadt herrschte die größte Rührigkeit und Freude. In den Fenstern war überall Licht, und fröhliche Kinderscharen drängten sich um den grünen Tannenbaum mit der freudigen Bescherung, und in das melodische Läuten der Glocken und das fröhliche Summen der Volksmenge mischte sich Schalmeienklang; es waren Burschen vom Land, .die mit grünem Tannenreisig auf dem Hute, von Hauszu Haus zogen und zur Sackpfeife die alten Lieder sangen. . Mechanisch schritt Ephraim in dem Volksgewühl weiter, von den' drängenden Haufen geschoben; so gelangte er auf einen Platz, wo der Jubel verstummt schien, und. ein Haus