Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
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~ eiüMiterarhiftorischer Gedenktag", sondern gleichsam ein Selbsterlebnis. Und mögen auch in den vierzig Jahren seit Mapu-s Tod - die Vorstellungen, Anschauungen und künstlerischen Ansprüche in diesem Kreise vorgeschritten sein — ein Erbe hat ihm Mapu doch hinterlassen: Die Liebe zu der Sprache ^öer Propheten und die Empfänglichkeit für die großen Epochen der-jüdischen Vergangenheit als wirksames Vorbild für die ' Zukunft. - Mach einmal Georg Laro's Sozial- ' und Wirtlchsttsselchichte der Inden.' ' ^{n Nr. 2 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" hat ’ Herr Dr. Bernfeld den ersten Teil der „Wirtschaftsgeschichte .der Juden im Mittelalter und Neuzeit" von G. Cato einer Kritik unterzogen, in. der er eine doppelte Einwendung gegen dieses Buch erhob: einmal, daß es außerhalb des Themas liegende Dinge allzu ausführlich behandle; zweitens^ und zwar ganz besonders, daß es die einschlägigen hebräischen Quellen und vorzüglich die Responsenliteratur überhaupt nicht in Betracht gezogen habe. Beides ist richtig und insofern der Tadel Bernfelds durchaus angemessen. Aber verwunderlich ist, daß der Rezensent daneben nicht auf die großen Vorzüge und wissenschaftlichen Verdienste des Werkes aufmerksam gemacht ' hat. Die Gerechtigkeit und zugleich die Interessen der Wissenschaft des Judentums erfordern es, daß auch diese Seite der Sache kurz beleuchtet werde. Die Schwierigkeiten der Aufgabe, die sich Dr. Caro gestellt hatte, waren sehr große. Er hatte ein ungemein weites Gebiet zu umfassen, das nicht nur im Zusammenhänge noch niemals behandelt worden ist, sondern für dessen weit überwiegende Teile auch keine Vorarbeiten vorhanden waren. Der Verfasser mußte sich Stein für Stein seines Baues erst Zusammentragen, aus den entlegensten Winkeln und Ecken. Die Sachkenntnis, Umsicht, Mühewaltung, mit. denen er aus den verschiedensten mittelalterlichen Schriftstellern, Urkundensammlungen und Registerwerken feine Materialien gesammelt hat, ist geradezu bewundernswert. Es ist unserer Meinung nach ganz ausgeschlossen, daß derselbe Gelehrte die nötige allgemein-historische Kenntnis mit der Beherrschung deS hebräischen Schrifttums des Mittelalters vereine. Sollte Caro nun warten, bis ein Fachmann die nötigen Daten aus seinem Sonderzweige erst veröffentlicht habe? Wir meinen, damit hätte er bis zu den griechischen Calenden warten können; denn man weiß wie unfruchtbar unser hebräisierendes Schrifttum leider auf den Gebieten ist, die über die gelehrte Spezial- und Kleinarbeit hinausgehen. Wir müssen dem Verfasser dankbar sein, daß er unter solchen Umständen die Entsagung übte, wie er in seiner Vorrede sagt — „den von einem solchen Werke zu erfüllenden Anforderungen nicht nach allen Richtungen hin Genüge zu leisten," sondern „den Versuch zu unternehmen, diese Geschichte zusammenfassend und auch in einer für weitere Leserkreise zugänglichen Form darzulegen." .. Und dieser.Persuch ist, innerhalb der oben bezeichneten Grenzen, geglückt und hat die wichtigsten Ergebnisse für die Geschichte der Juden und fürdie soziale und ethische Würdigung des jüdischen Stammes gezeitigt. Dazu trug die vorzügliche historische Schulung des . Verfassers bei, die strenge und fachgemäße Kritik, die er an seinen mannigfaltigen Quellen übt; aber auch die Kunst der Darstellung, der schöne, echt literarische Stil, die ihm zu Gebote stehen, und der geschichtsverftändige Geiste der seine Schrift durchweht. ES ist ein wahrer Historiker und zugleich ein für - seine Religion und seine Stammesgenossenschäst begeisterter Jude, der diese Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat. Das sachlich bedeutsamste Verdienst des Buches ist der eingehende und aktenmäßige Erweis, daß die Juden des Mittelalters keineswegs die ausschließlichen Geldhändler und Wucherer gewesen sind, als die gerade die jüngsten sozialgeschichtlichen Schriftsteller sie darzustellen lieben. Caro bringt das unwiderlegliche Zeugnis, aus hundert Einzelaussagen gesammelt, daß die Juden des Orients, die bis zum dreizehnten Jahrhundert zehnmal zahlreicher waren, als die des Abendlandes, überhaupt mit dem Handel wenig zu tun hatten, daß sie vielmehr Ackerbauer, Gärtner, Fischer, Weber, Färber, Glasbläser, Goldschmiede und sonstige Metallarbeiter, Handwerker jeder Art gewesen sind. Die Juden des Abendlandes waren in der ersten Hälfte des Mittelalters die fast ausschließlichen Träger des Weltverkehrs und spielten so eine ökonomisch und kulturgeschichtlich überaus bedeutsame Rolle. Erst später wurden sie allmählich immer mehr in den Geldhandel hinein gedrängt,End zwar auch nur in England, Frankreich und Deutschland, während sie in Spanien und Italien an keiner Art des'Handels besonders beteiligt waren, sondern ihren alten, auch im Orient geübten Berufen treu blieben. So widerlegt Caro die bisher allerseits, auch von den meisten Juden geglaubte Mär von der überwiegenden Hinneigung der mittelalterlichen Juden zum Handel und speziell zum Geldhandel. Es ist das ein wissenschaftliches Ergebnis von solcher Bedeutung, daß es schon allein der Arbeit Caros einen hohen Wert verleihen würde. Fast ebenso interessant ist. der auf einer Fülle authentischer Zeugnisse beruhende Nachweis, daß nicht, wie noch neuerdings Stübling und Liebe es behauptet haben, Rassenfeindschaft und wohl begründeter Haß gegen den Wucher der Juden die Verfolgungen der letzteren während der Kreuzzüge herbeigeführt haben, sondern nur religiöser Fanatismus, der allerdings durch die Absonderung der Juden von ihren christlichen Nachbarn infolge der Speisegesetze gefördert wurden. Damals trieben vielmehr die Juden ganz die gleichen Geschäfte wie die Christen; nie wird im elften oder zwölften Jahrhundert gegen sie der Vorwurf des Wuchers erhoben, zu dem sie noch nicht gezwungen waren. Nicht ihre'Mitbürger waren es, die die Verfolgungen in Szene setzten, sondern die fremden Scharen kampfbegieriger Kreuzfahrer und wilder, erhitzter, plünderungssüchtiger Bauern. In Oberitalien trieben die Juden überhaupt keinen Handel, und doch wurden sie dort aus vielen Städten, z. B. aus Mailand, damals verjagt. Es kann da weder von Handelsneid noch von Haß gegen den Wucher die Rede sein, sondern die Ausweisung darf lediglich der konfessionellen Abneigung und Verachtung zugeschrieben werden. Nicht die Juden waren schuld an dem Unglück, das während der Kreuzzüge über sie hereingebrochen ist, sondern der geistige und sittliche Tiefstand der christlichen Bevölkerung; in England und Frankreich zugleich die Habsucht der Könige und ihrer Berater, die den Glaubenseiser des Volkes benutzten und lestkten, um ihre eigenen Taschen zu füllen. Alles dies sind keine Vermutungen, keine tendenziösen Darlegungen, sondern es wird aus den zeitgenössischen Schriftstellern und Urkunden mit peinlicher Genauigkeit erwiesen. Und dafür darf in erster Linie öre historische Wissenschaft, in zweiter das Judentum Herrn Dr. Caro dankbar sein. Da sein Buch zugleich fesselnd geschrieben und auch in allgemeinen Beziehungen belehrend ist, so können wir es einem weiten Leserkreise empfehlen., Allerdings' wäre es . richtiger gewesen.