Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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: Geistlichen der andern-Konfessionen in eine auch ihre religiöse Wirksamkeit beeinträchtigenden Ausnahmestellung zu bringen. Daher hat der Rabbinerverband dagegen entschieden Stellung zu nehmen, und er hofft - dafür, auch die Unterstützung der Gemeindebehörden zu finden. Die Großloge des U. O. B. B. hat den bei ihr eingegangenen Antrag einer Ueberwachung und Beurteilung den das Judentum betreffenden neuen literarischen Erscheinungen, wie auch den für die Herausgabe eines volkstümlich gehaltenenen Wochenblattes dem Rabbinerverbande zur weiteren Behandlung überwiesen. Für diese Anträge wird eine Kommission erwählt, die der nächsten Sitzung des Zentralausschusses näheren Bericht erstatten soll. Abraham Mapu. Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages. Bon Joses Lin. braham Mapu wurde der Schöpfer des hebräischenRomans — nicht etwa durch den Inhalt seiner Werke, sondern durch die Tatsache, daß er Originalerzählungen im Hebräischen verfaßte. Er schuf damit ein neues Prinzip. Bis dahin herrschte im neuhebräischen Schrifttum das didaktische, belehrende, ausklärende Element vor. . Aesthetische Werke waren fast gar nickt gepflegt worden. Der.Roman die Erzählung galten als „leichte Spielereien". Nur die Dichtung und die Satire hatten bedeutende Vertreter gefunden. Erstere namentlich in dem jungen Micha Josef Lebenfohn, letztere besonders in dem sprachgewaltigen Isaak Erter. Die Töne ihrer Dichtung waren aber schon längst verklungen. Die junge Literatur, die kaum über die ersten Anfänge hinausgekommen war/ zeigte bereits eine gewisse Leere und Oede. Sie fand keinen rechten Nährboden, und es fehlte ihr an lebensbefruchtender Kraft. Man hatte ihr auch ein zu engbegrenztes, einseitiges Gebiet zugewiesen. Sie sollte sich vornehmlich mit den „spezifischjüdischen Forderungen" befassen. Für die „menschlichen Forderungen" sollte man in der allgemeinen Literatur Befriedigung suchen. Man übersah aber, daß' eine derartige Trennung zu einem unüberbrückbaren Psychologischen Gegensatz führen mußte. Wo hört der „Jude" aus, und wo fängt in ihm der „Mensch" an? Mapu brachte in dieser Hinsicht eine „Umwertung der Werte". Er strebte danach, das Hebräische auch in. das ostjüdische Leben einzusühren. Er unternahm es zuerst,-das jüdische Leben in all seinen Aeußerungen und Formell, in seinen Höhen und Tiefen, seinen Schönheiten und Widerwärtigkeiten, seinen Idealen und Intrigen, seinen geraden Linien und Schleichwegen in hebräischer Sprache zu schildern. Liebe und Haß, Treue und Hinterlist, Sittenreinheit und Ausschweifung, Vornehmheit der Gesinnung und niedriges Ränkespiel, menschliche Güte und stumpfe Hartherzigkeit bilden in seinen Werken wirkungsvolle Gegenkräfte. Die Lebenselemente verwandeln sich bei ihm in Gestalten. In ihrer Darstellung zeigte sich eine naive Konsequenz. Die Guten sind gut bis zum äußersten/ sind wahre Engelnaturen; die Bösen find von Grund aus verdorben, sind Teufel in Menschengestalt. Mäpws Lebensanschauung kannte nicht die Kompliziertheit und Widersprüche der menschlichen Seele, die divergierendem Wirkungen 'des Milieus und der sozialen Aeußerungen. Er war eine geradlinige Kindernatur, verträumt und' milde, voller Güte urid gerechtigkeitsliebend. All feine Werke sind wie dazu geschaffen/die Wahrheit des Satzes zu beweisen, daß „die Frevler am Ende zugrunde gehen und die Gerechten nicht verlassen bleiben." Anl Schlüsse jedes seiner Romane triumphieren die Guten, und dieBösen werden von ihrem verdienten Geschick ereilt.: Die von ihm geschilderten Eharäktere find deshalb auch, einseitig dargestellt./ Das lag an der Tendenz^emer Werke. .Mapu war in gewiffem Sinne-ein Tendenzdichter.. Durch. Verherrlichung des Reinen.und Guten und Brandmarkuttg des Niedrigen und Falschen wollte er sitttich wirken.. Er fühlte den Beruf: zum Volkserzieher in sich. 'Diesen^ Berufe widmete er sich mit wahrer-Inbrunst, mit ungestfiltM Begeisterung und selbstloser Aufopferung. Die Entbehrungen seines kümmerlichen äußeren Daseins; die Gegnerschaft- Kreise, die sich durch seine geißelnden Schilderungen betroffen fühlten, die widrigen Kleinlichkeiten in seinen Umgebungen vermochten ihn in seinem rastlosen idealen Streben nicht irre zu machen. Und diesem Streben war auch ein nachhaltiger Erfolg beschieden. Seine Werke — und besonders/ sein erstes und bestes: „Ahawath Zion" wurden von epochaler Bedeutung, Sie erhoben die junge hebräische Likeratur zu einem Lebensfäktor in der Ostjudenheit. Die grandiose, geradezu Prophetische Sprache, die schwungvolle Phantasie, die farbenreichen Bilder, die duftigen Naturschilderungen, die Hervorzaüberüng lichtvoller Gemälde aus dem „goldenen Zeitalter" Alt-Judäas -in den Tagen Jesaias und Ehiskijas, die unbesiegbare Kraft der reinen Liebe und die sittliche Höhe in dem ersten hebräischen Originälroman „Die Liebe Zions" machten dieses Erstlingswerk Mapus für die Ghettojugend zum Ausgangspunkt einerneuen Entwicklung. Diese Jugend, deren schmachtende Seelen in den düsteren Lehrhäusern über den großen Folianten'ihres tiefsinnigen/ ernsten,' trockenen Studiums von stummer Sehnsucht gepreßt waren, fand - nun auf einmal- „einen neuen Himmel und eine neue Erde", eine Welt voll Schönheit' und Duft, voll Liebe und Leben — und das in der altenheiligen und doch so jugendfrischen und kraftblühenden hebräischen Sprache! Das wirkte wie eine Offenbarung, wie ein Wirklich^ keit: gewordenes Mysterium. '; ■ : .. ' -^ ://:•/:,•: Auch in seinem nächstfolgenden . Roman: „Asedmatü 8obomron/ (Die Schuld Samarias) wandte sich Mapueinem historischen Gebiete aus. dem ältisraelitifchen Leben zu. Mit schonungsloser:.Schärfe schildert et darin die Sittenverderbt-, heit im ephraimitischen Reiche..: Mapws.dichterische Starke zeigtsich besonders in der Darstellung und Erfassung von Personen und Begebenheiten^ aus den bedeutenden. Epochen der jüdischem Geschichte. Das Gegenwärtsleben im Ghetto konnte ihm keinen so reichen, großzügigen Stoff bieten. Seine Erzählung „All Zonua" (Gefärbter Geier), welche moralische und .geistige Niedrigkeit in der Jetztzeit" mitweitschweifiger. Umständlichkeit geißelt, kann von allen-, seinen Werken vor dem - rein/ künstlerischen Urteil am wenigsten standhalten/ . // - Mapu wird mit Recht als „ein Träumer der Vergangenheit" bezeichnet. Begebenheiten aus einem Zeitalter, das um Jahrtausende hinter uns liegt, schildert er mit einer.solchen frischen Lebendigkeit und.Unmittelbarkeit, als. wären es seine persönlichen Erlebnisse , Von den historischen Schilderungen .erwartete' ex auch, und.mit Rechteine erhebende Wirkung auf das Volkse gemüt.. Er suchte auch'seine Mitstreiter anzuspornen, sich dem geschichtlichen Gebiet zuzuwenden — leider aber fast" erfolglos.! In der Stoffwahl fand Mapu in der neuhebräischen Literatüv keine Nachahmung, wenigstens keine gelungene. Um somehr hatte Mapu's Stil- Schule gewacht. Er. war der .Vater der /Neliräb", des schwungvollen, gleichnisreichen und pathetischem Neuhebräisch, das. noch bis zur letzten Generation vvrherrschte/ Mapu wurde somit der Begründer der neü-hebräischen Literatnr überhaupt. . ' ' ' . /- '' . : :! .Als .solcher würdeer amjüngstenTebettz, lan der hundertstem Wiederkehr seines Geburtstagesin^ allen Kreisendie! die hebräische Literatur schätzen/ besonders in seiner Dater< stadt Kowno, gefeiert. Es war /für dieses Publikum nichhMoß