Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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Eine andere von mir wahrgenommene, im ^ohen Grade auffallende Tatsache, welche viele Bedrängnisse über die unglücklichen Falaschas bringen, ist die, daß in den Provinzen, wo sie daS Maurer¬ und Tischlerhandwerk aus üben, häufig die Behörden sie gefesselt^ in die Hauptstadt bringen lassen und sie zwingen, ihnen Häuser und Kirchen zu bauen. Die Folge ist, daß Hunderte von Menschen, Frauen und Kindern ohne Schutz und ohne Hilfe bleiben. Hierdurch hat es sich schon oft ereignet, daß viele Familien im Verlaufe einiger Jahre verschwunden sind. In die Hauptstädte fortgeführt, sind die unglücklichen Falaschas. furchtbaren Quälen äusgesetzt. Die Beamten zwingen sie, die Gesetze ihrer Religion zu übertreten, indem sie sie nötigen, am Sabbat'zu arbeiten, einem den Israeliten hochheiligen Tage, an welchem jegliche Arbeit durch die Bibel streng verboten ist. Majestät! Im Namen einer israelitischen Gesellschaft. deren Ehrerbietung Ihnen auszusprechen ich dett ehrenvollen Auftrag habe, bitte ich Sie, auch fernerhin Ihr hohes Wohlwollen und ihre, väterliche Milde meinen Brüdern, den Falaschas, Ihren Untertanen zu bezeigen." , . Nach dieser Ansprache sagte der Negus, sichtlich ergriffen: „Ich werde diese Mißbräuche verbieten." Mich verneigend, sprach ich: „Majestät, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für diese Zusicherung. Möge Ihre Herrschaft noch lange währen und mögen Ihre Wünsche für das Gedeihen Abessiniens in Erfüllung gehest. Darf ich Ihre Worte meinen Brüdern mitteilen?" „Ja," antwortete er, „ich werde ein „Äwadje" (Proklamation) erlassen, um diese Mißbräuche zu verbieten." . ' Nach wiederholten Dankesworten entfernte ich mich."' * ';j: lieber die Juden in Marokko schreibt man von unterrichteter Seite: In der jüdischen Gemeinde von Mekinez, der ältesten der drei Haupt- und Residenzstädte des Scherifenreiches, werden Listen aüfbewahrt, aus denen sich ergibt, daß allein für das Ende der Regierungszeit Mulay Ismails (1672—1727) von der Mekineser Judenschaft für mehr als 1200 neugeborene scherifische Prinzen und Prinzessinnen Geschenke gemacht worden sind. Die Juden mußten damals bei der Geburt jedes Prinzen einen goldenen Ring mit Perlen stiften, bei Prinzessinnen ein Geldgeschenk und in jedem Falle der glücklichen Mutter ein Rasiermesser überreichen. Ist diese Tatsache bezeichnend für die damalige Stellung der Juden in Marokko, die gegen schwere Abgaben den besonderen Schutz des Hofes genossen, so gewinnt sie besondere Bedeutung durch den Umstand, daß nüch historisch beglaubigten Feststellungen Mulay Ismail, der auch als Krieger und als bluttriefender Peiniger seiner Untertanen weit über Menschliches hinausragte, insgesamt nur 528 Söhne und 342 Töchter hinterließ.' Im Verlauf zweier Jahrhunderte sind auch in dem rückständigen Marokko die Sitten milder geworden und die Menschenrechte zu höherer Achtung gediehen. Heute kann man die Stellung 'des dortigen Judentums mit den Worten präzisieren: Nicht mehr mißhandelt, aber mißachtet. Kein gläubiger Moslem setzt seinen Fuß in das „Mellah", das Jndenviertel, das in jeder Stadt seine strengen Grenzen hat. „Verfluchter Boden", so lautet die Uebersetzung des maurischen Wortes Mellah. In diesem Ghetto, dessen Mittelpunkt die Synagoge ist, führt der Jude sein die typischen .Merkmale zeigendes Familienleben. An den Haustüren der verwahrlosten Straßen sieht der durchreisende Fremde prächtige WeiÄerliebreizende Mädchen mit großen leuchtenden Augen und zauberischem Lächeln um die vollen roten Lippen. Die Gestalten haben etwas Antikes und könnten bestrickend genannt werden, wenn das Derbe, Urkräftige nicht allzusehr „ins Gewicht" fiele. Besonders zierlich And die jüdischen Knaben. .. ' ’ Die traditionelle Tracht der Juden in Marokko weicht von her der übrigen Einwohner des Landes erheblich ab. Aber sie ist im Verschwinden begriffen. Der buntfarbige Kaftan Und der lastge Haarwuchs weichen der europäischen Kleidung und Frisur. Im Punkte der Kleidung wie in anderer Beziehung heben sich die beiden großen Gruppen der marokkanischen ^Judenschaft deutlich von einander ab: Juden, die in grauer Vorzeit in Marokko heimisch wurden, und solche, die in den letzten fünf bis sechs Jahrhunderten, besonders aus Spanien während der Zeit der Inquisitionen, eingewandert sind- Jene kleiden sich nach der Väter Sitte, diese bevorzugen das Kleid des Europäers. Keine der beiden Gruppen hat Kreuzungen mit andern Bevölkerungselementen aufzuweisen. Das alte Judentum Marokkos ist streng konservativ gerichtet und unterhält besondere Talmudschulen, deren auf verhältnismäßig niedriger; Stufe stehender Unterricht von. religiösen Einflüssen bestimmt wird. Diese die Ueberliefernngen der Vorfahren getreu bewahrenden Israeliten bedienen sich hauptsächlich der arabischen Sprache. Sie sind besonders zahlreich über den großen Atlas, das Riff und den Sus verbreitet, aber, wie auch ihre später gekommenen, dem modernen Zeitgeist zuneigenden Stammesgenossen, aus dem Gebiet einiger Stämme streng ausgeschlossen. Die Angehörigen der neueren israelitischen Einwanderung sprechen außer dem Arabischen spanisch und fast durchweg auch französisch, das sie in den Schulen der Alliance israelite lernen. . Diese Schulen sind, abgesehen von den einheimischen Koranschulen, ihrer Zahl und Frequenzziffer nach die bedeutendsten im Lande. Das neuzeitliche, Judentum in Marokko bewohnt vorzugsweise die Städte nnd kleidet sich mit -Vorliebe europäisch. Die -Zahl der Juden in Marokko beträgt 250 000 bei einer Gesamtbevölkerungszifftr von etwa zehn Millionen. Da die Gesamtzahl der in Marokko lebenden Europäer etwa 18 000 beträgt, so läßt sich ermessen, welche hervorragende Rolle die Juden schon ihrer Zahl nach in dem politischen und wirtschaftlichen Leben des Sultanats spielen. Dazu kommt ihre Sprachenkunde und ihre Anpassungsfähigkeit, die sie als die geborenen Vermittler zwischen den Eingeborenen und den Europäern erscheinen lassen. Eben diese Eigenschaften weisen sie auf die Handelstätigkeit hin, deren Aus^ Übung ihnen Reichtümer und in nicht vereinzelten Fällen, besonders in Tanger, eine recht ansehnliche soziale Stellung verschafft hat. Die in den Schulen der Alliance israelite unterrichtete israelitische Jugend Marokkos geht mit Vorliebe nach Frankreichum, nachdem sie dort ihren Gesichtskreis erweitert und nützliche Beziehungen angeknüpft hat, zurück zu kehren und dem Geschäft der Väter einen höheren Aufschwung zu geben. Die gute Wirkung der französischjüdischen Schulen zeigt sich auch darin, daß das marokkanische Judentum durchweg den Gedanken der „Penetration paciflque“ zuneigt. Es erhofft von ihm die Erhöhung ihrer rechtlichen und sozialen Stellung in diesem der Willkür noch immer einen breiten Spielraum lassenden Lande. ÄWN. Aus der berliner Gemeinde. 8. Berlin, 24. Januar, ie heutige Repräsentantenversammlung eröffnet der Vorsitzende Louis Sachs mit der geschäftlichen Mitteilung, daß Herr Julius Bodenstein krankheitshalber das Amt als Repräsentant niedergelegt hat. Der Vorsitzende schlägt vor, die Streichung dieses Mitgliedes aus der Liste der Repräsentanten noch nicht zu veranlassen, da die Wiederannahme des Ehrenamtes seitens des Herrn Bodenstein nach der Genesung doch nicht ausgeschlossen ist. An Stelle des Herrn Bodenstein ist der Repräsentantenstellverireter Herr Benas Levy einberufen worden. Alsdann wird, wie üblich in der ersten Sitzunig des Jahres, die Neuwahl der Vorsitzenden und der Schriftführer vorgenommen. Das Resultat des Wahlaktes, der mittels Stimmzettel erfolgte, war die einstimmige Wiederwahl der bisherigen Beamten, also der drei Vorsitzenden Louis Sachs, Geheimrat Blumenthal und Direktor Dr.- Minden, ferner der beiden Schriftführer 'Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn und Willibald Loewenthal. In üblicher Form erfolgte alsdann auch die feierliche Einführung und Verpflichtung der wiedergewählten Gemeindeältesten und Aeltestenstellvertreter. In der Einführungsrede sprach der Vorsitzende Louis Sachs, nachdem er die neuen Kandidaten auf ihr Amt durch Handschlag