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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-29 · Heft 5 (29.1.1909) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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war,, den Wahlkreis * den Christlichsozialen zu entreißen, und deshalb haben diesmal Nationalliberale, Freisinnige- Zentrum und Sozialdemokraten an demselben Strange gezogen. Für die Christlichsozialen bedeutet die Niederlage einen schweren Schlag; sie haben ihren bisher' sichersten Platz eingebüßt und sind auf zwei Vertreter im Reichstag zusammengeschmolzen. Und das ist gut so. Aus Petersburg schreibt man uns über das Wohnrecht der Juden in Rußland: Zu welchen Absurditäten das „Wohnrecht" der Juden in Rußland führen kann, beweisen verschiedene neuerdings bekanntgewordene Einzelfälle: Beabsichtigten da die Studierenden der Elektrotechnik an der Kiewer Technischen Hochschule während der Weihnachtsferien unter Leitung des Professors Artemjew die elektrotechnische Ausstellung von Moskau zu besuchen. Alle Vorbereitungen waren bereits getroffen, und die Abfahrtsstunde war bereits bestimmt, als die Moskauer Behörde die tele- ' graphische Mitteilung machte, daß die vier jüdischen Studenten, weil sie als Juden nicht das allgemeine Wohnrecht besitzen, selbst nur für zwei Tage nach Moskau nicht kommen dürfen. Sämtliche -Teilnehmer nebst Professor Artemjew verzichteten darauf auf die ganze Reise. Aehnlich war das Schicksal der von den Schülerinnen des Minsker Mädchengymnasiums geplanten Exkursion. Auch hier handelte es sich um einen Besuch von Moskau, dessen Sehenswürdigkeiten die Mädchenjugend anzogeu. Am Tage vor der Abreise depeschierte der Gymnasialdirektor an den Moskauer Generalgouverneur und bat ihn, die Exkursion unter seine Obhut zu nehmen. Darauf erfolgte vom General Hörschelmann die Antwort, daß er die christlichen Schülerinnen mit Freuden aufnehmen, den Jüdinnen hingegen den Aufenthalt in Moskau nicht gestatten würde. Nach diesem Bescheid unterblieb auch die in Minsk geplante Ferienreise, indem die christlichen Mädchen mit ihren jüdischen Kolleginnen sich solidarisch erklärten. Die Wissenschaft vom jüdischen Wohnrecht in Rußland ist eine der schwersten und verzwicktesten juristischen Disziplinen in Osteuropa. Indes solche Behinderungen wissenschaftlicher Exkursionen auf Grund des Judenrechts sind selbst in der vorkonstitntionellen Zeit nur wenig vorgekommen. Um so mehr finden sie sich jetzt im angeblich konstitutionellen Rußland. 4- Die Vertreter aller türkischen Gemeinden haben am 24. dieses Monats den bisherigen loeum tenens des Großrabbinats Halm Nahoum zum Chacham Baschi, das heißt zum Großrabbiner der Türkei mit sehr großer Majorität gewählt. Man weiß, welche Kämpfe und Intrigen dieser Wahl vorausgegangen sind. Was hat man nicht alles dem neugewählten Würdenträger der Juden des ottomanischen Reiches in den letzten Wochen nach gesagt? Die Orthodoxie aller Länder wurde mobil gemacht und sandte von überall her Mahn- und Warnungsbriefe nach allen Großgemeinden der Türkei. Nahoum wurde als „Reformjude" verschrien, und seine Wahl als ein Sieg der' westeuropäischen Ideen ausgegeben. Ks half alles nichts^ Die Vertreter der Gemeinden ließen sich sticht beeinflussen und wählten unter fünf Kandidaten den MaNn, den sie für diesen schwierigen, verantwortungsreichen aber auch ehrenvollen Posten, der ja bekanntlich ein hohes Stäatsamt ist, den Mann, den sie nach seinen Antezedenzien als Dozent am Rabbinerseminar in Konstantinopel für den geeignetsten hielten. Im Interesse des- Fortschritts und der Zivilisation unter den Juden des ottomanischen Reiches begrüßen wir diese Wahl mit aufrichtiger Genugtuung. Die Tatsache, daß Dr. I. Faitlowitsch auf seiner Expedition zu den Falaschas vorn Negus Menelik empfangen worden ist, ist bekannt.. Nun sind durch Oberrabbiner Dr. Margulies- Florenz eine ganze Reihe ausführlicher brieflicher Berichte, welche ein neues, interessantes Licht auf die Lage der Falaschas in Abessinien werfen, dem „Hilssverein der Deutschen Juden" zur Verfügung gestellt worden. Im Nachstehenden veröffentlichen wir auszugsweise den Bericht'über den Empfang bei dem Negus. Derselbe lautet: Addis-Abeba, 10. Dezember 1908. Am Montag, den 31. v. M., dem Tage, der von dem Negus - festgesetzt war, um mich in Audienz zu empfangen, begab ich mich um 9 Uhr vormittags in Begleitung des Grafen Miniscalchi, Geschäftsträgers bei der Gesandschaft Sr. Majestät des Königs von Italien (der Ministerresident Graf Colli befindet sich gegenwärtig auf Urlaub in Italien) nach Ghebi, dem Kaiserlichen Palast, in Entotto, eine Stunde von Addis-Abeba. Wir wurden durch den Negadras Haylou-Ghiorghis, Minister der Auswärtigen Angelegenheiten und des Handels, in das Privatgemach Sr. Majestät geleitet. Nach meinem Eintritt wurde ich durch den Grafen Minischalchi dem Negus vorgestellt, und nachdem wir Begrüßungen getauscht, fragte mich Se. Majestät, ob ich eine gute Reise gehabt habe, und erkundigte sich nach dem Weg, den ich genommen hatte, um nach Addis-Abeba zu kommen. Hierauf überreichte ich ihm meine beiden Bücher. Er nahm dieselben sehr liebenswürdig an und . sprach mir wiederholt seinen Dank aus. Meine abessinischen Sprichwörter fanden seinen besonderen Beifall; er sagte: „Es gereicht mir zur hohen Befriedigung, zu sehen, daß ein Europäer die Sprache meines Landes so genau kennt". Mich verneigend, antwortete ich: „Majestät! Die liebenswürdige und wohlwollende Aufnahme, welche Sie meinen bescheidenen Arbeiten zuteil werden lassen, wird mich ermutigen, t>:fe begonnenen Studien fortzusetzen, und ich danke Ihnen aus tiefer Seele für die freundlichen Worte, mit denen Sie mich soeben beehrt haben". Als er in meinem „Mota-Nusfc" am Fuße des aethiopischen Textes die hebräische Uebersetzung sah, fragte mich der Kaiser, welche Sprache dies sei. Als ich ihm erwiderte, daß es Hebräisch ist, war er sehr erstaunt und fragte mich, ob es in unseren Tagen noch bei uns Israeliten in Gebrauch sei. Nachdem ich bejaht hatte, bat er mich, ihm einige Zeilen der hebräischen Uebersetzung vorzulesen. „Ich möchte," sagte er, „die Sprache meiner Vorfahren hören". Hierauf hielt Dr. Faitlowitsch eine Ansprache an den Negus, in der er seine Beobachtungen mitteilte. Er sagte unter anderem: „Majestät! Ihre Hochherzigkeit und Ihre Wohltaten werden von den Falaschas, Ihren Untertanen, hoch geschätzt. Sie rühmen stets Ihre Güte und beten zum Gotte unserer Väter um Ihr langes Leben. Hier ein Zeugnis Ihrer Treue und Dankbarkeit (ich überreichte dem Kaiser mein Buch, in welchem der Brief der Falaschas an die Israeliten vom Jahre 1905 abgedruckt ist). , Majestät, wollen Sie mir gestatten, Ihnen einige Tatsachen mitzuteilen, die ich auf meinen Reisen in Tigre und in Amhara wahrgenommen habe. Ihre treuen Untertanen, die Falaschas, welche, arbeitsam und geschickt, in Ihrem Reiche alle landesüblichen Handwerke ausüben, werden häufig durch schändliche Beschuldigungen verleumdet, welche ihre Ruhe stören und sogar bisweilen ihr Leben in Gefahr bringen. Sie werden beschuldigt „Bouda" zu sein, das Fleisch lebender Menschen zu essen und sich bei Nacht in Hyänen' zu verwandeln, um das Vieh ihrer Nachbarn zu vernichten. Die unglücklichen Falaschas erleiden . wegen - dieser Verleumdungen schwere Martern; sie haben bisweilen zur Folge, daß die Ortsobrigkeiten sie! gefangen nehmen und ihre Habe vernichten.

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