Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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150 unbeachtet gelassen, und sie erachten die erdüld^tsn'Schrecken' und Leiden auch jetzt wieder nicht groß.genug, üm, sie abzuhalten, sich aus. den» gefährlichen Boden von neuem anzusiedeln. - -> r ■ j; /Uebrigens uft es nicht gar so. schwer,; auch selbst dem furchtbaren' Unglück, das Süditalien betroffen hat, gute Seiten abzugewinnen. Oder ist es nicht etwas Gutes, daß die Bewohner Italiens nicht nur, sondern, alle Länder der ganzen Kultur^ Welt zu gemeinschaftlicher Liebestätigkeit" sich vereinigen und .sich einander so nähern, daß sie schwerer sich werden entschließen können, sich gegenseitig a mit Krieg . zu überziehen? 4Kann.nicht die Gottheit, die gerade durch die Schwierigkeiten § und Nöte, diesie dem Menschengeschlecht entgegentürmte, die ^Menschen von Stufe zu Stufe emporzustreben angespornt hat, die Menschen auch anspornen, immer mehr und immer bessere Mittel zu suchen und zu finden, die Naturgewalt zu meistern - oder wenigstens mehr , oder minder . unschädlich zu. machen? - Und was endlich spielen gegenüber solchen ethischen und nützlichen Zwecken und anderen, die. wir nicht kennen, die im Ver- . hältnis zu der Anzahl der jetzt und. in kommenden Jahr-' , tausenden lebenden Menschen der Top und die Verstümmlung selbst von hunderttausend und noch mehr Menschen, für eine Rolle? Jedenfalls doch eine weit geringere als.der Tod von selbst viel weniger, Soldaten, im vermeintlichen und oft sehr schnell vergänglichen. Interesse eines winzigen Bruchteils der. - Menschheit, der auf einem minimalen Stäubchen des Kosmos ..wohnt!. Es wird aber niemand, selbst niemand von den . Pazisizisten, es sei denn,, daß er .auf dem ^unseres Erachtens -törichten, ja in gewisser Hinsicht gotteslästerlichen Tolstoischen . Standpunkt des absoluten Nicht-Widerstand-Leistens steht, leugnen, daß gewisse Kriege unumgänglich notwendig waren < und in absehbarer Zeit nicht werden-umgangen werden können. Wie eingangs erwähnt, haben wir es nicht für nötig gehalten, -für - unsere Leser obige Ausführungen zu machen. -Wir brauchen keine Beweise fürdas Dasein Gottes, für seine göttlichen Eigenschaften zu erbringen: Wir sind überzeugt, ' daß alledie jetzt mit Gott törichterweise ins Gericht gehen, - sich einbilden und des guten Glaubens sind, sie würden eine bessere Weltordnung gemacht haben, wenn sie die Macht dazu gehabt hätten. Aber noch mehr überzeugt sind wir, daß sie mit. ihrer Stäubchenpolitik, um uns eines vulgären, aber be- - zeichnenden Berliner Ausdruckszu bedienen, einen ganz gehörigen „Kuddelmuddel" angerichtet hätten. Daß die Welt, in. der wir leben, die denkbar beste ist, bezweifeln wir. Was wir aber glauben, - das ist,- daß sie so, wie sie ist, im Plane Gottes liegt, und - daß zur Weltordnung auch Seuchen, - Kriege, Schmerz und Tod -und auch Erdbeben gehören. > Den Menschen überlassen ist es, Mittel zu suchen und zu finden, Seuchen und Kriege zu mildern, zu mindern und - eventuell ganz aus der Welt zu schaffen, und Schmerzen aller Art mehr oder minder erträglich zu machen. Den Tod freilich,..den unter , tausend Menschen gewiß neunhundertneunund - - neunzig am liebsten beseitigen würden, werden sie niemals - aus der Welt schaffen können, und das gerade beweist am /besten die Weisheit der Vorsehung. Wir sollen aus den siDr - kommenden Tod vorbereitet sein, vorbereitet auch sein auf wenngleich nur selten kommende Ereignisse, wie das,- welches uns' alle so sehr erschüttert hat. Die Weisheit der Vorsehung aber in diesem Falle zu bezweifeln, ist ein mehr, als törichtes. Beginnen, das aus einen sehr schwachen Glauben schließen läßt. - Die Mochr. Berlin, 26. Januar, ^^^as Thema von der jüdischen Presse war in den letzten Jahrzehnten das ständige in allem-konservativen und . antisemitischen Zeitungen- und-Versammlungen/ Der „überragende" Einfluß des Judentums aus die Presse wurde in den antisemitischen Blättern mit Vorliebe in den dicksten Farben . aufgetragen. Danach, müßte man glauben, das Judentum Hütte die gesamte deutsche und außerdeutsche Presse — mit Ausnahme natürlich -der paar, „unbestechlichen" echt völkischen antisemitischen Blätter — in der Tasche. Da ist es denn recht bemerkenswert, daß ein so hervorragendes antisemitisches Organ wie die agrarische „Deutsche' Tageßzeitung" dieser Legende unerbittlich den Lebensfaden abschneidet, indem sie in einem Artikel über Friedrich Nietzsche schreibt: ' . . „Die Ruhmesversicherung Nietzsches, für die er jeden Verdacht des Antisemitismus so ängstlich vermied, gründete sich auf der festen Ueberzeugung. die er auch in einem früher schon veröffentlichten -Briefe ausgesprochen hat, daß nämlich Ruhm und Nachruhm abhängig seien von-' den Juden: in dieser Ueberzeugung glaubte er seinen Ruhm gleichsam ^bei den Juden versichern zu müssen. Aber so kurz heute doch noch die Epoche des jüdischen Einflusses auf die Presse und die literarische.öffentliche Meinung erscheinen muß — sie kann doch erst vom Jahre 1830 datiert werden —, so läßt sich doch heute bereits sagen, daß jene Meinung von dem bestimmenden Einflüsse der Juden auf Ruhm und Nachruhm eher einer Einbildung entspringt, als daß sie der-Wirklichkeit entspräche." ' Wie oft wird man trotz dieser besseren Einsicht eines führenden antisemitischen. Blattes aber in der antisemitischen Winkelpreffe trotzdem noch die gegenteilige Behauptung lesen können?; - -- Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat an den. preußischen Minister der geistlichen, Unterrichtsusw. Angelegenheiten eine Petition gesandt, die die Notwendigkeit auseinandersetzt: auch solchen leistungsschwachen Synagogengemeinden, die weniger als zwölf schulpflichtige Kinder besitzen, und die infolge der örtlichen Verhältnisse den Religionsunterricht nicht gemeinsam mit anderen Gemeinden erteilen lassen können, einen staatlichen Zuschuß zu gewähren. Es wird in der Petition auch nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Gehälter einer sehr, großen 'Anzahl jüdischer Lehrerdringend einer Aufbesserung bedürfen, die der Lage der Sache nach nicht von den bereits bis zur äußersten Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angestrengten Gemeinden, sondern nur vom Staate gewährt werden kann. Mit einer überraschenden Mehrheit hat im Wahlkreis Siegen - Wittgenstein - Biedenkopf der nationalliberale Kandidat über den christlichsozialen gesiegt. Obgleich Lic. Mumm, der. Kandidat der Christlich sozialen und Antisemiten, bei der Hauptwahl einen Vorsprung von 5600 Stimmen gegenüber dem Berghauptmann a. D. Vogel, dem Kandidaten der Nationalliberalen, hatte, und obgleich er seine Stimmenzahl bei der Stichwahl nochmals um 2300 erhöhen konnte, ist er dennoch 2500 Stimmen hinter dem Nationalliberalen zurückgeblieben. Dieses Ergebnis ist auf den.Umstand zurückzuführen, daß alle am Wahlkampf beteiligt gewesenen Parteien sich in der Stichwahl beinahe geschlossen gegen die Christlichsozialen gewendet haben. Die Gründe lagen einmal in den Persönlichkeiten der beiden Kandidaten, vor allem aber in der kein Mittel scheuenden Kampsesart der Christlichsozialen und Antisemiten. Das Zies