Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 29. Januar 1909. 73. Jahrgang. Nr. 5. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philipxson. Veilggs-Lxxöüitioo: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktisn and Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgrm. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/4S, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin ». Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur; Gustav Rarxeles. Mellms und M Borlrhung. 3 Berlin, 27. Januar, edesmal wenn eine größere Katastrophe sich ereignet, wird Gott gewissermaßen in Anklagezustand versetzt und von den Ungläubigen und Kleingläubigen so zu sagen zum Nichtsein verurteilt,- mindestens aber werden'"ihm alle diejenigen Attribute abgesprochen, ohne die wir uns Gott gar nicht denken können. Der Gott, der eine Katastrophe wie die, welche über Messina, Reggio und mehr als zwanzig Städte und viele Dörfer Siziliens und Kalabriens hereingebrochen ist, und die Zehntausende von Menschen, Gerechte und Ungerechte, Alte und Junge wahllos vernichtet hat," ja Gerechte, zermalmt, Verbrecher dagegen verschont hat, auf daß sie alsbald weiter die empörendsten Verbrechen verübten, der Gott,-der alles das zugelassen hat, sagt selbst ein sonst vernünftiges Blatt unter obiger Ueberschrist, kann kein gerechter, geschweige denn ein guter, ein liebender Gott, ein Gott voller Huld' sein. Für die Leser unseres Blattes ist es nicht nötig, für die Existenz Gottes und seine Eigenschaften einzutreten. Sie glauben an Gott und an seine Güte, Liebe und Gnade trotz der süditalienischen und jeder anderen, trotz aller Katastrophen- Sie sind dabei konsequenter als diejenigen, die sonst alles gleichgültig hinnehmen und nur durch eine besonders schwere Katastrophe aufgerüttelt und an Gott zu denken gebracht werden. Denn was ist tatsächlich der Unterschied, ob an irgend einer bestimmten Stelle hunderttausend und mehr Menschen umkommen, oder ob in jeder Sekunde etlichesterben, ob an jedem Tag hier und dort gute uud böse Männer und Frauen, unschuldige Kinder durch Krankheit, Unglücksfälle oder durch Verbrechen gar üm ihr Leben kommen oder den Rest 'ihres Lebens verstümmelt sind und siech bleiben? Es handelt sich nur um einen Unterscyied der Zeit und des Raumes, das heißt §ub specie aeterni um ein — Nichts. Der Gottesgläubige sagt dort wie hier eben: was Gott tut, das ist wohl getan, seine Wege sind unersorschlich für den Menschengeist. Wir haben uns zu fügen und an ihn und an seine ewige Güte und Liebe zu glauben. Nicht also wegen unserer Leser fühlen wir das Bedürfnis, zu der Frage, die seit einigen Wochen von Unzähligen erörtert wird, einige Bemerkungen zu machen. Wir möchten vielmehr mit jenen Kleingläubigen uns von' ihrem Standpunkt aus rein weltlich etwas unterhalten. . Ist es^ schon einem. Vernünftigen unter, diesen Unzähligen .eingefallen, daraus, daß ein Feldherr feine Truppen den Tod und Verderben speienden Feuerschlünden. des. Feindes; gegentreibt, daß ein Kommandant die ihm anvertraute Festung mit ihrer ganzen Besatzung und den nicht abgezogenen Einwohnern in die Lust sprengt, ein Schiffskapitän das Kriegsschiff mit Mann und Maus in den Grund bohrt, auf deren böse -Herzens- und Charaktereigenschaften zu schließen, ihnen Güte j und Liebe abzusprechen? Wir wissen, daß unser großer | Schlachtendenker, daß Moltke ein ungewöhnlich zartsinniger, liebe- und rücksichtsvoller Mann gewesen ist. Dennoch hat er Schlachtpläne ersonnen und für ihre strikte Durchführung ge- , ij sorgt, die Zehntausenden von Freunden und Feinden Tod oder Verstümmelung bringen mußten. Wir wissen von vielen | Feldherren, daß fast jeder ihrer Untergebenen ihnen ans Herz gewachsen war, dennoch trugen sie nicht einen Augenblick Bedenken, sie alle, darunter auch eigene Söhne in Situationen Z zu bringen, auS welchen nur wenige mit dem Leben davon- .■ ■: kommen konnten. Wir wissen, daß unser alter Kaiser Wilhelm v ein milder Herrscher war, der sogar zuletzt nicht einmal das " Todesurteil über einen Mörder zu unterzeichnen über sich vermocht hat, dennoch hat er Kriege erklärt, die weit mehr Menschenleben und Menschenglück vernichtet haben als selbst die jüngste große Erdbebenkatastrophe. Und da will man aus dieser letzteren den Schluß ziehen, daß, wenn es selbst einen Gott gäbe, er nimmermehr allgerecht und liebevoll sein könne? Ja-- wird man sagen, e'est la guerre. Die Kriege, die Wilhelm l. erklärte, und die seine Paladine erfolgreich führten, . waren für das Heil der Nation notwendig und heilsam. Nun denn, was wissen wir, welche heilsamen Zwecke die Vorsehung . verfolgt mit der letzten, ja mit jeder anderen Katastrophe? 4 Ist nicht der Tod, der so viele in Messina, Reggio und den ■'? anderen Ortschaften plötzlich, ganz schnell, in wenigen Sekunden, P hingerafft hat, viel milder als der Tod, dem während eines ck Krieges viele Hunderttausende Monate hindurch, oft noch länger, jeden Augenblick entgegensehen müssen, und-von dem auch mitunter viele Zehntausende ereilt werden?-Wie viele - > wünschen sich nicht einen plötzlichen Tod, um einem langen Siechtum, einem schmerzensreichen Krankenlager zu entgehen?? V Auch sind die Menschen, die in Süditalien umgekommen M oder schweres Leid davongetragen haben, nicht ganz so un- Ä schuldig: an ihrem Schicksal. Sie wußten, daß der Boden, auf dem sie wohnten, ein gefährlicher, unterwühlter war; denn -nicht zum erstenmal sind Messina und Kalabrien Ivon ver- 4 hängnisvollen Erdbeben heimgesucht.worden. Sie sind seit ß hundert Jahren oft genug gewarnt und ermahnt worden, ihre J Wohnungen anders einzurichten, damit diese den Erderschütterungen bester Stand zu halten vermögen oder Z wenigstens durch ihren Einsturz nicht s» viele Menschenleben vernichten. Sie haben die Warnungen leichtsinnigerweise