Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Seminars war. Hermann Minkowski.ist in verhältnismäßig jungen Iähren -verschieden. Am 22. Juni 1864 in Alexoten (Rußland) geboren, empfing-er auf'deutschen Universitäten seine Ausbildung (Königsberg und Berlin). 1893 erhielt er einen' Ruf als außerordentlicher Professor der höheren Mathematik nach Bonn; ein Jshr darauf wirkte er in gleicher Eigenschaft in Königsberg, wo er 1895 zum ordentlichen Professor befördert wurde. 1896 ging er. nach Zürich, um die Professurfür höhere Mathematik am eidgenössischen Polytechnikum zu übernehmen. Er gab der Zahlentheorie insofern eine besondere Ausgestaltung und Erweiterung, als er systematisch damit begann,, die Vorstellungen und Sätze der Geometrie für die Zahlen zu verwenden (vergleiche sein Werk „Geometrie der Zahlen" Leipzig 1896). Unter Beteiligung des Lehrkörpers der Universität und der gesamten farbentragenden Studentenschaft fand am .15. d. M. die Leichenfeier statt/ Nachmittags 3 Uhr'versammelten sich die. Leidtragenden in der Kapelle des pathologischen Instituts, 'wo Geheimrät Klein deM Verblichenen einen Nachruf widmete Dann bewegte sich der Leichenzug, in dem zwei Mufikchöre Trauerweisen intonierten, nachdemBahnhof, vom wo aus die Leiche nach Heidelberg überführt wurde, um iry, dortigen Krematorium eingeäschert zu werden. Vom Bahnhof zog die Studentenschaft mit umflorten Fahnen unter Musikbegleitung zum Theaterplatz, wo sich der Zug unter Absingung des llauäeamus igitiir aüflöste. Die Beisetzung findet aus dem jüdischen Friedhof im Straßburgi. E. statt. ° - ' Al. Hnmburtz, 13. Januar. Im Gottes hause des Israelitischen Tempelverbandes trat Prediger Dr. Leimdörfer am letzten Sabbat in zündender Rede dafür ein, daß ein neuer Tempel errichtet werde und zwar in der Gegend Roterbaum, wo sich die Wohnungen der Tempelmitglisder befinden. Es hat sich nun auch sofort ein Komitee gebildet, und .in kurzer Zeit sind namh afte Beträge für den geplanten Bau gezeichnet worden. Im . Jahre 1910 begeht der Israelitische Tempelverband — von der ja die Reformbewegung sich über ganz Deutschland erstreckte — sein hundertjähriges Bestehen. Bis zu diesem Zeitpunkt.hofft man den schon längst gehegten Plan der Verwirklichung nahe gebracht zu haben, und ein allen Anforderungen der Neuzeit entsprechendes Gotteshaus zu errichten. Der jetzige Tempel befindet sich noch im der Neustadt. (Poolstraße), aus diesem Stadtteil sind jedoch die meisten jüdischen Familien fortgezogen, das jüdische Leben in Hamburg pulsiert heute in Harv.estehude-Noterbaum, und deshalb ist der Gottesdienst im Tempel nicht so besucht wie wünschenswert. Der Gründstülkkomplex in der Poolstraße, der Eigentum des Tempelverbandes ist, hat einen bedeutenden Wert und soll dann später zu Bauzwecken verkauft werden. Jedenfalls/ wird die historische Stätte, wo unter anderen , die berühmten.Kanzelprediger Dr. Kley, Dr. Salömon üsw. gewirkt haben,/bald von der Bildfläche verschwinden. . / Nürnberg, 14. Januar. Ein interessantes. geschichtlich es Ueherb leibsel ist dieser Tage in den Besitz der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde übergegangen. Aus der Zeit der mittelalterlichen Niederlassung der Juden in Nürnberg, die 1499 in ihrer Austreibung ein dauerndes Ende nahm, hat sich noch ein steinerner Aufsatz in gotischer Arbeit erhalten, der die hebräischen. Worte Leier lora, Gesetzeskrone, als Inschrift trägt und demgemäß der obere Abschluß einer heiligen Gesetzeslade gewesen sein muß. Dieses merkwürdige und wertvolle Denkmal, das als Unikum schon von dem bekannten Chronisten Würfel beschrieben worden. ist, befand sich bisher im Messererschen Hause Wunderburggasse 8 in eine Mauerwand eingelassen, und ist wohl bei Auflassung der damaligen, Ln der Nähe — beim sogenannten Sonnenbad — befindlichen Synagoge dorthin der-, bracht worden. Aus Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal ist diese Reliquie jetzt durch Vermittlung einiger Interessenten käuflich erworben worden und in das Eigentum der hiesigen Kultusgemeinde übergegangen. Sie wird nunmehr mit einer entsprechenden Inschrift in der Hauptsynagoge zur Aufstellung gelangen und fortab daselbst eine bemerkenswerte Sehenswürdigkeit bilden. . I Mannheim, 14. Januar. Am 24. v. M. hat Oberrat Max Stockheim, der Senior des Oberratskollegiums, bis vor kurzem auch Vorsteher des Synagogenrats in Mannheim und Mitglied des Stadtrats, im Alter von 73 Jahren sein arbeitsreiches Leben beschlossen.. , Die Bestattung fand unter. großer Beteiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung statt. Die Stadtverwaltung war durch den Oberbürgermeister, die.drei Bürgermeister und zahlreiche. Mitglieder der städtischen Kollegien vertreten. Nach dem einleitenden Harrur tämim-Gebete sang der durch. den Gesangverein „Liederkranz" ver-. stärkte Synagogenchor unter Musikdirektor Hanleins. Leitung das. Lied „Wie sie so sanft ruhn", Dann hielt '.Stadt- und Konferenz», rabbiner Dr. Steckelmächer eine Trauerrede' voll Wärme und Herzlichkeit, in. der er das gütige, unermüdliche /uni/ gesegnete Wirken des. Verstorbenen für seine Familie, für seine Glaübensgemeinde, für Stadt und Vaterland, für gemeinüützige und menschenfreundliche Veranstaltungen jeder Art würdigte' und seinen schönen Lebenserfolg aus der harmonischen Vereinigung/ hervorragender Geistes- .und. Charaktereigenschaften erklärte. Hierauf, legte namens des Stäbtrats Oberbürgermeister Martin mit wärmen Worten des Dankes für die vorbildliche Pflichttreue, die unwandelbare Ehrenfestigkeit und die echte Humanität des, entschlafenen Kollegen einen Lorbeerkranz an der Bahre nieder. Der'stefivertreten.de Vorsitzende des Synagogenrats. Rechtsanwalt und Bezirksrat Dr. Staadecker würdigte in einem längeren.Nachruf, die großen Verdienste des Verblichenen, um die israelitische .Gemeinde. Geheimer Oberregierüngsrat Dr. Mäher von Karlsruhe brächte „dem Heimgegangenen lieben Kollegen" die letzten Abschiedsgrüße des.Großherzoglichen Oberrats der Israeliten. BÜe.itere Nachrufe widmetenKlausräbbiner Dr. Unna namens . der. Klaus», stiftung, Bankdirektor Tücher namens der Freisinnigen Partei Badens, Stadtrat Wachenheim, namens des Freisinnigen Vereins Mannheim, Großkaüfmann , Wein gart namens der Ressource, Bankier Goldschmidt namens des israelitischen Waisenvereins. . oä. Darmstadt, 17. Januar. Der Talär des LehrersS. Gold hat nunmehr auch das Oberlandesgericht beschäftigt. Wie sich unsere Leser erinnern werden, war der israelitische Lehrer und Kantor S. Gold in Hoffenheim angeklagt, weil ex. bei einer Beerdigung unbefugt die „Amtstracht der evangelischen Geistlichen" getragen haben sollte. Das Schöffengericht sprach ihn frei. Auf Berufung verurteilte ihn die Strafkammer zu einer Geldstrafe, da festgestellt sei, daß der Lehrer bei der Beerdigung Talar und Barett getragen, eine Kleidung, die der Amtstracht der evangelischen Geistlichen bis auf. unbedeutende Abweichungen völlig gleich sei. Der Lehrer legte beim Oberlandesgericht Revision ein, der Strafsenat verwarf sie aber mit folgender Begründung: Das Recht der evangelischen Geistlichkeit, eine aus Chorrock und Barett bestehende.Amtskleidung zu tragen, gründe sich auf ein Ausschreiben des Oberkonsistoriums vom 4. Dezember 1833. Die Zuständigkeit dieser Behörde zum Erlaß dieser Anordnung sei nach dem Edikt vom 6. Juni 1832 nicht zweifelhaft. Der Artikel 2 dieses Edikts habe dem Oberkonsistorium die Verwaltung der landesherrlichen Rechte in den kirchlichen Angelegenheiten übertragen. .Zu den ländesherrlichen Rechten gehörte zweifellos die Bestimmung der Amtskleidung. Diese Befugnis sei..staatsrechtlich nicht zu bestreiten. Sei sonach die Anordnung des Oberkonsistoriums zulässig .und für die Geistlichkeit bindend, so sei. die ihr verliehene Amtstracht auch eine Amtskleidüng im Sinne des Strafgesetzes,, und jeder unbefugte Eingriff in das Recht der evangelischen Geistlichen, diese Amtskleidung zu trägen, strafrechtlich bedroht. Die von der Verteidigung erörterte Frage, ob, beziehungsweise welche Amtstracht die Rabbiner zü tragen berechtigt sind, konnte, weil ein Rabbiner.nicht in Frage steht, dahingestellt bleiben. . | Gesterretch-Nnssm. -. □ Wien, 18. Januar. Eine interessante Debatte, über die wirtschaftliche -Boykottierung der Juden in Oesterreich fand kürzlich in der „Oesterreichisch/Israelitischen-Union" .statte Bekanntlich hat der Ministerpräsident Freiherr von Bienerth einen Erlaß gegen den nationalen Boykott an die Behörden gerichtet. Daraufhin hat die „Union" eme Eingabe an den Minister gerichtet, und nm Maßregeln gegen den konfessionellen Boykott gebeten. ' Sehr treffend hat in der- Debatte der Röichsratsabgeordnete Dr. Ofner ausgeführt, daß der Erlaß wohl nicht der Initiative des Ministerprästdenten entsprungen sei. Man war gezwungen, gegen den nationalen Boykott aufzutreten, weil man die Verstimmung Deutschlands, des einzigen Bundesgenossen in diesen schweren Tagen, fürchten mußte. Das kläglichste, sagt Redner, ist,, daß bei uns nicht nur einzelne, sondern gerade die . Behörden gegen die Juden auftreten.