Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228857--65272-3277387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Verein zusämMenschloffeN, fo'fönt ihr Wirken und Wollen doch Nicht zur Geltung, schon deshalb nicht, weil sie im Ausschuß 'der Studentenschaft nicht vertreten waren. So,/blieb dem jüdischen Studenten die Möglichkeit verschlossen, in gemeinsamer Arbeit zur Erfüllung der Pflichten . beizutragen, die' sich aiis der Zugehörigkeit zur civitas academica ergeben. Und gerade in der blühenden, goldenen Zeit der Studienjahre könnte für das deutsche Kulturleben, segensreich, gewirkt werden, wenn sich die.; akademische Jugend auf einem gemeinsamen Boden zusammenfände, um vereinigt den - Idealen der Jugend, der Ehre, Freiheit und des Vaterlandes zu huldigen, um sie hochzühalten. An Stelle der Abschließung dem jüdischen Kommilitonen gegenüber auf Grund antisemitisch angehauchter Traditionen tröte die Pflege der Freundschaft im freien Sonnenlichte. Dies ist ein Postulat! Der jüdische Student kann zur Verwirklichung-ÄeserForderung jedoch beitragen, wenn auch er dafür sorgt,. daß sich auf dem Boden sozialer Arbeit % ganze. Studentenschaft zusammenfindet. Hierbei müssen wir kurz die freistudentische Reformidee beleuchten. . Seit einigen Jahren vollzieht sich eine Erneuerung des deutschen Studententums im Sinne einer höheren geistigen Kultur. Die civitas academica soll wieder zur Tatsache werden. Durch die Freistudentenschaften soll ein konstitutioneller Hochschulstaat ins Leben treten. Das Hoffen der Freistudenten ist auf akademischem Boden ein Sieg des liberalen' Gedankens. Sie fordern: Die Anerkennung der Gleichberechtigung aller Kommilitonen und die Pflicht, sich als Mensch und Staatsbürger auszubilden. So ist die .freistudentische Bewegung zunächst eine Reaktionserscheinung auf die Auswüchse und Nebenwirkungen des studentischen Korporationswesens. ' Durch ihr Toleranzprinzip gibt sie auch dem jüdischen Kommilitonen, soweit er keinem studentischen Verein beigetreten ist, einen Hält und eine Heimat. ' . Diese neue Bewegung richtet die Forderung an den jüdischen Studenten: Heraus aus der Reserve, um Schulter an Schulter — wie später im Leben — an den sozialen, allgemein - wissenschaftlichen und künstlerischen Veranstaltungen, wie an der Pflege treuer Freundschaft teilzunehmen. Die konfessionelle Kluft, die sich aufgetan hatte, muß überbrückt werden. Raum und Licht dem schönen Bundesgedanken! Ja, dem jüdischen Studenten, obliegt die Pflicht,' dafür zu sorgen, daß durch seine praktische und selbstlose Mitarbeit vornehmlich an sozialen Aufgaben den konfessionellen Vorurteilen der Boden entzogen wird. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wodurch der Kampf um die Emanzipation den Sieg errang, so finden wir die wesentlichen Momente darin, daß die Juden sich bestrebten, den Eintritt in das deutsche Kulturleben zu gewinnen, sich in selbstloser Weise an ethischen Aufgaben beteiligten, Und daß deutsche Dichter und Denker die geistige Atmosphäre ihrer Mitwelt von Aberglauben und Fanatismus reinigten. Nicht durch tatenloses Zuschauen, wohl aber durch verständnisvolles Mitarbeiten an gemeinsamen Pflichten der civitas academica kann der jüdische Student dazu beitragen, daß allmählich bei der akademischen Jugend, aus deren Reihen sich die späteren Führer des Volkes und die Beamten des Staates heranbilden, mittelalterliche Weltanschauung und konfessionelle Vorurteile schwinden. , In diesem Sinne hat der Mische Kommilitone eine Kulturaufgabe zu erfüllen. .? Wie anders war es doch früher! Jüdische und christliche Studenten kämpften im großen Erhebungsjahre 1813 Schulter an Schulter für den Sieg der deutschen Waffen. Franz Neumann, Professor in. Königsberg und Begründer der mathematischen Physik, bringt uns in' seinem Tagebuche eine OpisöW ' ' „Zwei Juden waren unter.'den Jägern meiner Kompagnie (Kolberger Regiment). Der'eine von ihnen, Löwenthal, -. wurde auch viel geneckt, vielleicht nürdarum, 'weil er die Neckereien schwer ertrug: Sie reizten ihn.; stets, ittib. - eme, Forderung war dann die Folge. Die Forderungen mehrten sich, er wies .sie' aber'alle bestimmt zurück mit.den Worten: „Dazu bin ich nicht, in den Krieg gegangen." Als später , in äußerst exponierter Stellung auf uns herabgeschossen, wurde und es hieß: „Jetzt vorwärts", rief Löwenthal: „Alle, die mich gefordert haben, können mir nun folgen, jetzt fordere , ich und gehe voran!" Und nochmals: Der jüdische Student darf nicht-in atomistischer Vereinzelung verschwindenim Zwecke des Ganzen muß er entschlossen Mitarbeiten, erfüllt von freudigem. Gemeinschaftsgeist. 'Jzsfä&iu ■ Gedanken einesLaien über dssIudentum. Veröffentlicht von Dr. J. Ziegler-Karlsbad. ' ' . YI. ' Die Speisegesetze. Geehrter Herr Rabbiner! Oft und lange habe ich darüber nachgedachy wie doch eigentlich die Menschen zu der Art der Verehrung gekommen sind, die sie Gott entgegengebracht haben und entgegenbringen, und wie zu der Vorstellung von Gott, die sich bis auf unsere Zeit vererbt hat. Wissen Sie, wer mir die klarste und bündigste Antwort gegeben hat? Kein Philosoph und kein Religionshistoriker. Der Prophet Maleachi. Als ich eines Tages die Worte las, die er im Aufträge Gottes dem Volk und den Priestern zurief: „Ein Sohn ehrt den Vater, ein Sklave seinen Herrn. Bin ich Vater, wo ist meine Ehrung, bin ich Herr, wo bleibt die Furcht vor Mir? Wenn Ihr Blindes zum Opfer bringet, ist das nicht schlimm? Und wenn ihr Lahmes und Krankes'bringet, ist das nicht schlimm? Bringe es. doch nur , d einem Statthalter zum Geschenk, ob er dir wohl wird wyllen, dich freundlich, aufnimmt!" (1/6,8) Als ich diese Worte las, da stand alles so klar vor mir, wie es mir klarer die gelehrteste Abhandlung nicht hätte vorführen können. In der Verehrung seines Gottes und in der Vorstellung von Gott spiegelt sich das staatliche Gefüge eines jeden Volkes, wie auch das der Familie, der Gesellschaft. König, Vater und Herr sind die drei höchsten Rangstufen im Leben der alten Völker gewesen, und so sah man auch in Gatt den König, den Vater, den Gebieter. Wie das Verhältnis des Königs zum Volke war, des Vaters, zu Frau und Kindern, des Herrn zu den Sklaven,' so haben Volk und Priester die Vorstellung von Gott ausgestaltet. Und genau so ehrte das Volk seinen Gott, wie es seinen König geehrt hatwie die" Familien den Vater, die - Sklaven ihren Gebieter ehrten: : man warf sich vor Gott nieder, gehorchte seinen Befehlen, sang ihm Hymnen und Jubellieder und brachte ihm Geschenke. Die Geschenke waren die Opfer. Und wie einem König nur das Beste vom Besten als Geschenk gereicht wurde, so durfte auch auf den 7Opferaltar nur das .Beste und Vollkommenste dargebracht werden. Im Lause der Zeit entstand bei. vielen Völkern, so auch bei den Israeliten, die Priesterkaste, jene Kaste von Männern, die für das Volk vor Gott opfern sollten. Wenn eine Gesandtschaft dem König Geschenke zu Füßen legte,, war e iner der Sprecher/ einer der Ueberbringer: so sollten auch vor Gott die besonders dazu Erwählten - im Namen -der Gesamtheit opserm