Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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Vorsätze geschah die innerhalb fder Orthodoxie v oryän denen Gegensätze unter -strenger Wahrung der voll -SaMföri Raphael Hirsch vorgezeichneten Grundprinzipien immermehr zu mildern. Aber in diesen Worten lieget das Zugeständrns vorhandener Gegensätze innerhalb der Orthodoxie, ja liegt das Eingeständnis, daß es auch außerhalb der Frankfurter Kreise Juden gibt, die selbst er der Orthodoxie zurechnet. Die Grenze, bis zu der die Orthodoxie einstweilen noch geht, bezeichnet für die süddeutsche Richtung das Grundprinzip Samson Raphael Hirschs. Das schließt nicht aus, daß eine nahe Zeit diese Grenze noch mehr verwischen wird, als es bereits heute der Fall ist. Dem Strome der Zeit und der Notwendigkeit der Entwicklung wird auch die moderne Orthodoxie sich nicht widersetzen können. Indessen sei dem, wie ihm wolle. Eines steht fest: Die imposante Heerschau der Orthodoxie ruft dem liberalen Judentum eindringlich zu: Ahmet Rührigkeit und Eifer der Orthodoxen nach, bauet die Organisation der. „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" mit allen Kräften aus, im Interesse des deutschen Judentums, ja, im Interesse des Judentums überhaupt! Die Mache. Berlin, 20. Januar, s ist wirklich eine sehr müßige.Frage, ob der Antisemitismus Lot ses öder nicht? Auf unsere Bemerkungen über die langsame Auflösung der verfchiehenen Radau- Assoziationen gehen uns von mehreren Seiten Aeußerüngen zu, die vor einem unberechtigten Optimismus warnen und zum Zeichen dafür, daß der Antisemitismus noch lange nicht tot sei, verschiedene Vorkommnisse aus dieser oder jener Stadt ins Treffen führen. Da ist in Beuthen ein. Juristenball gefeiert und die Juden sind nicht eingeladen worden. Da hat in Darmstadt ein Professor sich einen Witz über den Namen Cohn gestattet. Da sind in einer mitteldeutschen Stadt Freisinnige mit Antisemiten bei den Stadtverordnetenwahlen zusammengegangen. Also der Antisemitismus sei keineswegs tot. Zunächst haben wir dieses gar nicht'behauptet. Wir Haben nur gesagt, daß der Radau-Antisemitismus ausgespielt habe, und ferner haben wir konstatiert,, daß die verschiedenen antisemitischen Vereinigungen sich auflösen oder ihrer Auflösung entgegensetzen, daß sie alle an Mitglieder- und Kassenschwund leiden, Welche Folgerungen daraus zu ziehen sind, haben wir den Lesern selbst überlassen. Im übrigen können Vorkommnisse wie die oben erwähnten gar nichts beweisen; denn man darf nicht übersehen, daß solche und noch viel schlimwere Dinge zu allen Zeiten, selbst in der vielgerühmten Blütezeit, des Liberalismus, passiert sind und leider auch noch lange passieren werden, so lange Junkertum, Bureaukratie und religiöse Intoleranz den Judenhaß teils der Tradition wegen, teils aus purem Interesse sorgsam konservieren und pflegen werden. Damit müssen wir uns ein für allemal abfinden. Sehr interessant ist aber bei dieser Untersuchung ein Artikel des Stöckerschen „Reich". Zum Beweise dafür, daß der Antisemitismus nicht tot sei, zitiert es den — japanischen Grafen Okuma, den Freund des Mikado, oder vielmehr das durchaus nicht beglaubigte Interview einer Newyorker Korrespondentin der „Nowoje Wremja", einer Frau Gorjatschowska, mit diesem . Diplomaten. Bei dieser Gelegenheit soll auch die Rede aus den Grafen Witte gekönünen sein. Und da soll Gras Okumä gesägt haben: ■ ^Das einzige, was ich dem Grafen Witte vorwerfeü könnte/ das ist eine judenfreun.dli.che Politik, die er gänz offen in. Portsmouth zur Schau trug. Ich möchte dem Grafen Witte den gutgemeinten Rat geben, sich vom Judentum zu emanzipieren. - Die Juden arbeiten an der Zerstörung Rußlands, indem sie die Grundpfeiler des Patriotismus zu untergraben trachten. Frankreich und einige andere Staaten sind heute von Juden schon zersetzt und zerstört. Ich beschäftige mich, viel mit der Judenfrage, und mich interessierten besonders die Ursachen des grenzenlosen Hasses, von dem die ganze Welt gegen die Juden erfüllt ist. Dieses Nomabenvolk hat kein Vaterland, und wohin es zieht, trachtet es, die Vaterlandsliebe und gesunde Moral der Völker-Gastgeber zu entweihen und zu zersetzen. In Japan gibt es keine Juden, wir kennen deshalb dieses Volk praktisch nicht. Nichts? destoweniger haben wir Japaner einen Heidenrespekt vor dieser Raffe und lassen die Juden unter keiner Bedingung in Japan sich ständig ansiedeln. Die Juden streben danach, eine einzige internationale Republik zu gründen, wo sie die unumschränkte Herrscherrolle spielen wollen. Wir sehen, wie sie Amerika und Europa schon erobert haben. Ohne jede Uebertreibung kann man sicher behaupten, daß der gesamte Wellreichtum unter jüdischem Einflüsse steht. Von ihnen hängt jetzt Krieg und Frieden ab. Das haben wir erlebt und auch im letzten Kriege verspürt. Die Juden allein tragen die Schuld, daß Rußland heute so geschwächt und erniedrigt ist. Deshalb rate ich dem Grafen Witte, dem Judentum keine weiteren Konzessionen zu machen," Dieses Interview scheint uns aus vielen Gründen sehr verdächtig. Einmal ist es sehrunwahrscheinlich, daß der schlaue und schweigsame japanische Diplomat jener weiblichen Ausfragerin gegenüber sich so undiplomatisch äußern würde. Sodann aber halten wir-den Mann für viel zu klug, als daß er in einem Athem erklären sollte, , die Japaner kennen die Juden.nicht, mißbilligen sie aber trotzdem. Drittens ist es mehr als unwahrscheinlich, daß der vorsichtige Japaner sich in solcher Weise gerade über den Grafen Witte äußern sollte. Endlich muß man noch den infernalen Haß mit in Erwägung ziehen, mit dem die „Nowoje Wremja" den Grafen Witte beehrt, um das große Mißtrauen gegen das ganze Interview zu begreifen. Man wird es sich ja in Newyork jedenfalls angelegen sein lassen, die Authentizität des Interviews seftzustellen. Aber selbst für den Fall, daß es authentisch wäre, stehen diesen judenfeindlichen Tiraden des japanischen Diplomaten andere entschieden judenfreundliche von japanischen Staatsmännern und Gelehrten gegenüber, die erst vor kurzem die Runde durch die gesamte europäische Presse gemacht haben.. Und schließlich — für die Untersuchung, , ob der Antisemitismus in Preußen und in Deutschland tot sei, können die antisemitischen Redensarten eines japanischen Grafen in Newyork. doch wahrhaftig nichts beweisen. _ / In Russisch-Polen hat in dieser Woche eine Konferenz der orthodoxen Rabbiner stattgefunden. Etwa hundert Rabbiner, zumeist aus Russisch-Polen, aber auch aus Rußland und Galizien, haben daran teilgenommen. Ueber den Verlauf der. Verhandlungen ist noch nichts bekannt. Bloß die folgenden Mitteilungen sind einem gewöhnlich gutunterrichteten Blatte zugegangen: Aus Warschau ist nur ein Rabbiner), namens.Feigenbaum. Den Vorsitz soll der Rabbiner des Städtchens Bendzin führen. Es verlautet, daß unter anderem ' folgende Anträge in Form von Wünschen, die der Regierung zu unterbreiten wären, aus der Konferenz gestellt werden sollen: 1. Den Rabbinern soll die Berechtigung eingeräumt werden, Religionsverbrecher gegen den :Schulchan Aruch zu bestrafen. 2. Jünglinge, die sich zu Rabbinern, Schächtern,