Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228856--65263-3277377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herr Seminardozent Dr. Horovitz brachte im Namen des Lehrerkollegiums des jüdisch-theologischere Semrnars zu Breslau den Schmerz der Anstalt zum Ausdruck, die in dem Toten einen ihrer befähigsten und fleißigsten, durch seine praktischen wie wissenschaftlichen Leistungen gleich ausgezeichneten Schüler verlor. Im Namen der Familie sprachen die Herren S. Michälski und' I. Schlamm. Der Liebe und Anhänglichkeit der Kollegen und Freunde, die in großer Zahl, zum Teil aus weiter Ferne herbeigeeilt waren, gab in zu Herzen gehenden Abschiedsworten Herr Dr. Kahlberg Ausdruck. Herr Dr. Salzberger, als Vertreter der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, und Herr Rabbiner Dr, Chone. Nürnberg, als einer der nächsten Freunde des Entschlafenen, sprachen tief empfundene Abschiedsworte. i Lurrebltrg, 6. Januar. Am 26. v. M. verstarb hier im 90. Lebensjahre der langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde Marcus Heinemann. Ein Mann von seltener Tatkraft und großen Geistesgaben, der das höchste Alter erreichte, ohne dessen Beschwerde zu erfahren. Sein Herz gehörte dem väterlichen Glauben, der jede Faser seines Wesens beherrschte: Treu an den von Jugend aus gewohnten Gebräuchen festhaltend, bewahrte er sich eine freie, selbstständige Auffassung auch in religiöser Beziehung, das Judentum mehr von dem universellen Standpunkt der Prophetie, denn von dem beschränkten Standpunkt einer Partei betrachtend. Dieses ermöglichte ihm bei aller Treue und bei allem Festhalten gegenüber anderen Anschauungen tolerant sich zu erweisen. Er war sein Leben lang bestrebt, seine Kenntnis der Quellen der jüdischen Religion zu vertiefen.' Er hatte für alle jüdischen Zwecke offene Hand, übte die Mildtätigkeit in großem Umfang; er hat jahrzehntelang grundsätzlich den zehnten Teil seines Einkommens hierfür verwandt und genau hierüber Buch geführt. Er hat für unsere Gemeinde, die kaum 150 Seelen zählt, ein Gotteshaus geschaffen, welches dem Baustile der alten Hansastadt angepaßt als Bauwerk der Stadt zur'Zierde gereicht und dem Gottesdienst eine würdige, schöne Stätte bietet. Er selbst hat einen sehr erheblichen Teil der Baukosten gestiftet. Von goldenem Gemüt, von wahrhafter, tief religiöser Stimmung war er bis in sein spätestes Alter der verehrte Mittelpunkt der Gemeinde, der dem Gottesdienst, an dem er eifrigst sich beteiligte, die wahre Weihe gab. Er nahm auch in der Bürgerschaft eine sehr geachtete Stellung ein und beteiligte sich an allen Fragen des kommunalen und politischen Lebens. Seit Einrichtung der Handeskammer, deren eifrigstes Mitglied, teilweise in leitender Stellung, er war, setzte'er seine ganze. Kraft für die öffentlichen Interessen dieses Standes ein. Als im Jahre 1888 Ueberschwemmungen der Elbe große Schäden verursachten, beteiligte er sich bei den Bestrebungen, den Geschädigten Unterstützung zu verschaffen, er war Schatzmeister des Hauptkomitees. Seine besondere Liebe galt der Erbauung von Wohnhäusern für die arbeitenden Klassen. Er hat jahrzehntelang, bis zu seinem Tode die Gemeinnützige Baugesellschaft geleitet und war stolz auf die große Anzahl der unter seiner Leitung erbauten Häuser. Der durch seii.e ' patriarchalisch-ehrwürdige Erscheinung auffallende, bis zuletzt geistig und körperlich frische Mann, der durch seinen Gemeinsinn allen ein Vorbild war, genoß die allgemeine Anerkennung und Liebe seiner Mitbürger. Dieses trat bei seiner Bestattung zutage. Bei der würdigen Leichenfeier im Hause sprach zuerst sein langjähriger Freund, Religionslehrer Philipp, der sich vom Krankenlager erhoben hatte, um herzliche, tiefergreifende Abschiedsworte zu sprechen. In der zahlreichen Trauergemeinde befanden sich die besten Kreise der Bürgerschaft. Dann hielt der Landrabbiner Dr. Gronemann aus Hannover die Grabrede: „Nicht den Toten, sondern die Ueberlebenden sollt Ihr beweinen". Endlich sprach der älteste Sohn im Namen der Kinder innige Worte des Abschieds. Marcus Heinemann war eine sittliche, edele. Persönlichkeit durch und durch. Sein Andenken sei zum Segen! --- Marburg a. 6. Januar. Unter lebhafter Beteiligung der aus allen Gauen Deutschlands herbeigeeilten Mitglieder fand am 28. und 29. v. M. Hierselbst in dem großen Saale des Schüler- Heims die sechste Generalversammlung der Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner statt, die einen sehr angeregten Verlauf'nahm. Es waren 50 Mitglieder erschienen. Nach einer herzlichen Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, Dr. D. Hoffmann-Berlin, Rektor des Rabbinerseminars, wurde in die Tagesordnung eingetreten und zunächst der Bericht des Vorstandes erstattet. Aus demselben sei mitgeteilt, daß seit dem letzten Versammlungsjahre die Zahl der Mitglieder von 86 auf 108 gestiegen ist. Den Hauptteil des Berichts bildeten interne Angelegenheiten der Vereinigung, sowie die Stellungnahme zu verschiedenen aktuellen Vorgängen der letzten beiden Jahre. UeberauS lebhaft gestaltete sich die Erörterung der Beratung über den Zionismus. Das Referat erstattete Rabbiner Dr. Goitein-Burgkunstadt, der die einmütige Annahme folgender Resolution vorschlug: „Die Bereinigung traditionell-gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands' erklärt, daß das Programm des Misrachi in vollem Einklang steht mit den Lehren und Vorschriften des überlieferten Judentums." Der Korreferent, Rabbiner Dr. Kohn-Ansbach, forderte dagegen nach längeren Ausführungen: „Wenn die Erklärung,, der Zionismus werde nichts unternehmen, was gegen das Religionsgesetz verstößt, eine kleine Erweiterung erfahren würde, die nämlich, daß. sie lautet: „im Namen des Zionismus werde nichts unternommen werden usw"; wenn ferner diese Erklärung entweder in den Leitpunkten zum Baseler Programm oder, sonst irgendwie offiziell programmgemäßen Ausdruck finden würde, dann stünde vom religiösen Standpunkte ans einer Förderung der auf liselmb Erez Jisroel gerichteten Bestrebungen des Misrachi nichts entgegen." An die Referate schloß sich eine vielseitige, mehrstündige Diskussion an, in der die entgegengesetzten Standpunkte zur Darlegung gelangten: Eine Gutheißung des nichtmisrachischen Zionismus wurde von keinem Redner beantragt. Während dagegen von einigen Seiten der Anschluß an den Misrachi befürwortet wurde (Lewy-Neustettin, Cohn-Rawitsch) und andere erklärten, daß die Möglichkeit einer korporativen Stellungnahme gegenüber dem Misrachi seitens, der Vereinigung noch nicht gegeben sei (Bamberger-Hanau, M. Hildesheimer-Berlin, Wreschner-Samter) von dritter Seite wurde unter. Hinweis auf das uuu einmal bestehende Nebel eines. destruktiven Zionismus bedingungsweiser Förderung des Misrachi das Wort geredet (Hoffmann-Berlin, M. Horowitz-Frankfurt a. M.), von anderer Seite für das praktische Verhalten mit Rücksicht auf die vielfachen Variationen der zionistischen Bewegung jede Normierung abgelehnt (Liebermann-Königsbergi. Pr.) und endlich die Konstituierung des Misrachi als eine selbständige Organisation gefordert (Lerner-Altona, Bondi-Mainz). Erst am zweiten Verhandlnngstage wurde die Beratung. über den Zionismus beendigt. Der Vorstand schloß sich in seiner Vorberatung der am Schluß des Korreferates dargelegten Anschauung an, nach welcher, abgesehen von den Möglichkeiten, die in der Entwicklung des Zionismus geborgen liegen, der Weg vorgezeichnet werden könne, welcher den Zutritt zum Misrachi ermöglicht, und legte der Versammlung folgende Resolution vor: „1. Angesichts der Wandlung, welche die Tendenzen des Zionismus seit Festsetzung des Baseler Programms erfahren haben, sowie der Unbestimmtheit ihrer zu'-? künftigen Gestaltung erscheint die Möglichkeit einer generellen Stellungnahme nicht gegeben. 2. Die Förderung der ans liselmd. Erez Israel gerichteten Bestrebungen des Misrachi erscheint dann statthaft, wenn der auf dem VI. Kongreß abgegebenen feierlichen Erklärung, der Zionismus werde nichts unternehmen, was gegen das Religionsgesetz verstößt, im offiziellen Programm des Zionismus präziser Ausdrück gegeben sein wird." Bei der auf Grund des bortägigen Beschlusses debattelos erfolgenden Abstimmung wurde Absatz 1 mit allen gegen 5. Absatz 2 mit 23 gegen 14-Stimmen angenommen. — Bei dem folgenden Punkte der Tagesordnung, welche den „Religionsunterricht in lehrerlosen Gemeinden" betraf, beehrte der landesherrliche Kommissar beim Israelitischen Vorsteheramt, Landrat von Negelein, die Versammlung mit seiner Anwesenheit. Der Vorsitzende begrüßte den Gast, der seinerseits versicherte, daß dem Beratungsgegenstande sein lebhaftes Interesse zugewandt sei. Rabbiner Dr. M. Lew in-Wreschen, hatte in Vertretung des. am Erscheinen verhinderten Referenten unmittelbar vor. dem Versammlungstage das Referat übernommen. Seminarlehrer Dr. M. Auerbach-Köln begründete und beantragte folgende Thesen, welche einstimmig angenommen wurddn: 1. „Keine jüdische Gemeinde soll einen Lehrer Religionsunterricht erteilen lassender hierfür keinen Befähigungsnachweis erbracht hat. 2. Wennes Gemeinden nicht möglich ist, einen eigene» Religionslehrer anzustellen, so sollen sie sich entweder, mit einer Nachbargemeinde vereinigen oder ihren Kultus beamten, veranlassen, einen Befähigungsnachweis zu erbringen- 3. Zur Abhilfe der augenblicklichen Notlage beziehungsweise des jüdischen