Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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n. Jahrgang. Nr. 3. Berlin, 15. Januar 1909. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". lkorrelpandkn?en und Sschrichtrn. Deutschland. L2 Berlin, 10. Januar. Ein Vortragszyklus von Professor Harnack in der Singakademie über die Entstehung der christlichen Religion wurde am 9. d. M. von dem Redner mit dem Thema „Das Evangelium und die jüdische Religion" eröffnet. Das Judentum — so führte Professor Harnack aus — hatte sich zwar von Anfang an in seinen Grundgedanken an das streng Nationale gebunden und diesem in allem. die höchste Bedeutung beigelegt. Es hatte aber trotzdem im Laufe seiner Entwicklung begonnen, ausländischen Einflüssen sich gefügig zn machen und von einzelnen starren Formen abzuweichen. So war der Opferkultus zurückgetreten und ein mehr geistiger, innerlicher Zug war in den Gottesdienst eingedrungen. Durch die Einschmelzung religiöser Anschauungen anderer Völker und die Einwirkung hellenischer Ideen seien zuletzt, während der ablaufenden zwei Jahrhunderte vor dem Erscheinen^ Christi, gewisse Ansätze in das Judentum gelangt, sich zu einer, Weltreligion zu erweitern. Allein zu einer Mission gestaltete es sich. nach Harnacks bekannter Anschauung, erst durch das Erscheinen Jesu. Diesen als eine erdichtete Persönlichkeit, die legendäre Verkörperung einer sittlichen Idee zu betrachten, sei gänzlich irrig.. Jesus habe wirklich gelebt und sei unzweifelhaft als ein Jude unter Juden anzusehen. Noch unwürdiger als seine geschichtliche Existenz zu leugnen, sei es, ihn zu einem Germanen stempeln zu wollen. Germanischer Chanvinismus sei übel angebracht in geschichtlichen Dingen. Jesus sei ein echter Sohn seines Volkes gewesen und habe nur im Rahmen des Judentums gewirkt und gekämpft. Was er wollte und predigte, war sicher nicht neu. Neu war nur, daß er es verstanden, seinen Ideen Hörer und Jünger zu schaffen. Es sei auch zunächst nur sein Streben gewesen, eine Volksreligion zu prägen. Daß diese sich dann zu einer Ueberzeugung entwickelte, die eine Welt in sich faßte, das sei „die göttliche Frucht, die aus einem göttlichen Samenkorn emporgewachsen". Trotzdem war in dem Vortrag recht deutlich die Einwirkung der neueren jüdischen Apologetik zu erkennen, die die Schriften Harnacks bisher nicht aufwiesen. Einige Sätze werden das schon erkennen lassen. Der Vortrag war voll Anerkennung der Juden („unserer lieben jüdischen Brüder"), der „ausgezeichneten und von Wohlwollen gegen das Christentum erfüllten jüdischen Gelehrten" und des Judentums. Dessen hoher ethischer Gehalt wurde als unübertroffen gepriesen. Was brachte denn Christus Neues, fragte Harnack: 1. Er lehrte das allerdings schon von den jüdischen Lehrern Ausgesprochene „mit größerer Kraft", 2. die jüdischen Lehrer haben außer den erhabenen religiösen und sittlichen Lehren noch viel anderes gelehrt (natürlich „das Gesetz") 3. die Persönlichkeit Jesu (von der wir doch nichts wissen). Dann kamen natürlich mehrere alte Fehler. Die Juden haben viel von der griechischen Religion übernommen (anstatt von'der griechischen Philosophie). Die Juden empfanden peinliche Furcht, ob sie auch das „Gesetz" in allen Einzelheiten erfüllen; von dieser Last hat Jesus seine Anhänger befreit. Jesus wertete stillschweigend (!) alle Worte um. Ueber diese ( Ansichten wie über die Meinung, das Judentum habe seine universal- ' geschichtliche Rolle ausgespielt, es sei eine „wesentlich national beschränkte Religion geblieben" und dergleichen mehr läßt sich bekanntlich nicht mehr streiten. Harnack ist eben dieser Ansicht, und er muß es anderen gestatten, anderer Ansicht zu sein und zu bleiben, solange er keine konkreteren Beweise für die seine hat, als die auch diesmal wieder vorgebrachten Gedanken und Anschauungen. s. Berlin, 12. Januar. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" hielt am 11. d. M. seine diesjährige Generalversammlung in dem Fürstenberg-Saal, Rosentalerstraße 38 ab. Das Gepräge der Versammlung unterschied sich vorteilhaft von früheren Versammlungen dadurch, daß zahlreiche Damen sich - an derselben beteiligten. In Verhinderung des ersten Vorsitzenden Justizrat Plonsker leitete Prof. Blaschke die Verhandlungen und gab einen kurzen Bericht über die Wirksamkeit des Liberalen Vereins im verflossenen Jahre. Rabbiner Dr. Hochfeld hält sodann einen sehr interessanten mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die Berechtigung des Fortschritts im Judentum," der jedenfalls im Druck erscheinen wird. Die freimütigen und geistvollen Ausführungen des Redners haben allgemein gefallen und wohltuend berührt. Herr Benas Levy erstattete den Kassenbericht und wies darauf hin, daß der Vorstand es als seine Ehrenpflicht betrachtet habe, alle die Kosten zu bestreiten, die die Begründung der Liberalen Vereinigung für Deutschland verursacht hat. Der Verein würde viel mehr wirken können, wenn weit mehr liberale Gemeindemitglieder beitreten und den Verein unterstützen würden. An der lebhaften Diskussion beteiligten sich besonders die Herren Professoren Philippson, Just-izrät Breslauer und v. a. * Berlin, 10. Januar. In aller Stille und Zurückgezogenheit beging am 21. v. M. Herr Bernhard Behrens seinen achtzigsten Geburtstag. Der greise Jubilar, ein Gönner und Förderer aller gemeinnützigen Bestrebungen, hat sich in seiner segensreichen Wirksamkeit besonders große Verdienste um die Waisenkommission der jüdischen Gemeinde und um die Gründung der Kinderheilanstalt in Elmen erworben. Neben verschiedenen humanitären Vereinen gehörte er eine Reihe von Jahren dem Vorstande des Vorschußvereins für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde an, und von 1891 bis 1900 auch dem Vorstand des Vereins Freunde der Taubstummen — Jedide Ilmim, zu dessen werktätigen Gönnern er noch bis heute zählt. In Anerkennung seiner auf dem. Gebiete der Humanität in unermüdlicher Hingabe zum Segen der Armen und Unglücklichen geübten Tätigkeit, benutzten Bekannte und Freunde sowie die Vorstände verschiedener Vereine, in deren Mitte er jahrelang segensreich gewirkt hat, die Gelegenheit seines achtzigsten Geburtstages, um ihm ihre Freude und Teilnahme zu bekunden. Mit gebührendem Dank für seine manigfache gemeinnützige Wirksamkeit sprachen ihm alle auch den von uns geteilten Wunsch aus, daß Gott ihn noch recht lange seinen Angehörigen und der Berliner Gemeinde erhalten möge. s. Berlin, den 10. Januar. Am 7. dieses Monats fand hier ein großes Fest des Bundes der Bodenreformer im Neuen Königlichen Opern-Theater. statt,' das sich in seinem Verlause nicht nur als eine sehr glänzende und geschmackvolle Veranstaltung erwies, sondern auch gerade für unsere Kreise ein besonderes Interesse hatte, und zwar vor allem durch das Festspiel, dessen einzelne 'Bilder von verschiedenen Künstlern arrangiert worden waren. Durch alle diese Bilder zog sich als Leitmotiv die Geschichte der Bodenreformidee. Und es war für uns ein erhebender Gedanke, daß diese Geschichte auf dem Boden unserer religiösen Entwicklung begonnen hat. Das erste und zugleich eines der glänzendsten Bilder war-: „Ein Richterspruch Mose", verfaßt von Dr. Franz Oppenheimer, voll poetischer Schönheit und tiefer Wahrheit. Das Bild war künstlerisch, dargestellt von E. M. Lilien, und man braucht nur diesen Namen zu nennen, um die vollendete Wahrheit und echt künstlerische Durchführung des Bildes zu konstatieren. Dasselbe fand allgemeinen Beifall.' Auch die anderen Bilder waren von großer Schönheit. Das ganze Fest darf als ein durchaus gelungenes bezeichnet werden, das der Gemeinschaft, die es veranstaltet, sicher viele neue Anhänger erworben hat. —ä. Dresden, 10. Januar. Heute fand unter zahlreicher Beteiligung aller Kreise der hiesigen Gemeinde das Begräbnis des von einem jähen Tode in der Blüte seiner Jahre hinweggerafften Räbbinatskandidaten, Herrn Dr. Julius Wolffohn, Sohn des hiesigen Oberkantors Wolssohn, statt, der eben im Begriff stand, seine theologischen Studien zu beenden. Mit ergreifenden Worten tröstete Herr Rabbiner Dr. Winter die tiefgebeugten Eltern und Angehörigen über den Verlust eines zu so reichen Hoffnungen berechtigten Lebens.