Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„So ist^s; der Jude soll schwören," beschlossen die Ratsherren. „Und sein Schwur gilt mehr als mein Wort?" brauste Diether aus. ' ,/Junger Herr," sagte der Stadtrichter sehr ernst, ,^Jhr verfolgt Eure Sache gar ingrimmig und mit einer Rachsucht, die sich nicht ziemt für einen Christen; es ist ein schlimm Ding, daß Euer eigener Vater, gegen Euch zeugte, und ich dächte, Ihr ließet dem Rechte seinen Lauf." „Bist Du gesonnen, den Schwur zu leisten?" fragte er dann den Juden. ’ „So bin ich, Ew. Gestrengen," versetzte der Jude. „Willst also Christ werden?" fragte der Richter weiter.: „Heiliger Gott, warum?" rief erbleichend der Jude. „Weil Dir nur als Christen der Schwur erlaubt ist," fuhr der Stadtrichter fort, „in einer halben Stunde kannst Du die wichtigsten Glaubenslehren wissen und getauft sein; wo nicht so muß ich mein früheres Urteil bestätigen." «Ihr Herren, ich bin alt geworden im Glauben meiner Väter," jammerte der Jude. „Ich kann Dir nicht helfen," sagte der Stadtrichter. Ephraim sank wieder auf die Bank und verhüllte sein Gesicht in den Falten des Gewandes. Die Wahl, die man ihm gelassen, war eine grausame, kam aber in jenen Zeiten der Rechtlosigkeit nur zu oft vor. Zudem gärten um diese Zeit in Wien die Keime der Judenverfolgung, welche im nächsten Frühling denn auch wirklich ausbrach. — Ephraim überlegte, daß -sein Weib und seine Kinder elend umkommen müßten, wenn man sie in dieser Jahreszeit hinausstoße, da der Winter seit Jahren einer der fürchterlichsten war; sein Haus und Hof sollte eingezogen werden, und die Liebe, die jeder Mensch zu seinem Eigentum trägt, vereinigte sich mit der heiligeren Liebe zu seinem Weibe und zu seinen Kindern, daß es ihn allmählich zog, den Vorschlag anzunehmen. Anderseits erschauerte er vor dem Gedanken, den Glauben seiner Väter, dem er mit so inniger Treue angehangen hatte, und der ihm, wie jedem Juden, um so teurer war, je mehr er seinetwillen geduldet und gelitten hatte, nunmehr zu verlassen. Er zitterte in dem Gedanken an seine Väter und Ahnen; er gedachte des Abscheus, den seine Glaubensbrüder vor dem Abtrünnigen empfinden. Wie sollte er auch seinem Weibe, seinen Kindern, die er zur festen Treue im Glauben angehalten hatte, Plötzlich das Entsetzliche und Schreckliche bekanntmachen! So in seiner Unentschlossenheit saß er da, bis die Stimme des Richters ihn von neuem zurief: „Nun, Jude, was hast Du beschlossen?" „Habt Erbarmerl," wimmerte Ephraim, „und lasset mich sterben in dem Glauben meiner Väter, in dem ich erzogen, in dem ich alt geworden bin." „Das kümmert uns nichts," sagte der Stadtrichter, „es handelt sich darum, ob Du den Schwur der Reinigung leisten willst; das kannst Du aber nur, so Du eintrittst in den Schoß der allein seligmachenden Kirche." „Ich kann nicht!" rief der Jude. - „So habe das Gesetz seinen Lauf," fuhr der Richter fort, „ich wiederhole mein Urteil und verlange Eure Bestätigung, edle und ehrenfeste Beisitzer des löblichen Wiener Stadtgerichts. Kommt zum Spruche! Aktuarius, tut Eure Pflicht." „Haltet ein," ries der Jude, „ich will!" „Das läßt sich hören, das Gericht ist mithin aufgehoben," fuhr der Richter fort, „der Proselyt soll in die Ratsstube geführt und dort vom Stadtpfarrer unterrichtet werden. Wir -sind zu Ende, Ihr Herren." Der Richter erhob sich, und seinem Beispiele folgten die Beisitzer. Auch das Volk verlies sich, und der Ratsdiener geleitete den halb ohnmächtigen Juden hinab, wo die Taufe seiner: harrte. Halb triumphierend, halb wütend entfernte sich Diether, hatte jedoch kaum die Mauern des Rathauses hinter sich, als sich eine Hand auf seine Schultern legte. Er wendete sich um und starrte in das finstere Antlitz Thomas B'reitners. „Was willst Du?" fragte er überrascht. „Diether," sagte Breitner mit dumpfer Stimme, „wir sind Freunde gewesen, denn ich hielt Dich für einen ehrlichen Mann, aber Du bist ein Schurke!" Wütend griff Diether nach dem Schwerte, aber Breitner hielt ihm die Hand und fuhr fort: „Laß stecken, wir reden später davon. Jetzt aber höre: ' Deine Anklage gegen den Juden war eine schändliche Verleumdung; Deine Rache wolltest Du sättigen und einen ehrlichen Mann ins Unglück stürzen. Der Schmuck, den Du ihm gegeben zu haben behauptest, befindet sich in einem Hanse, das Du täglich besuchest. Du siehst, ich bin von allem unterrichtet, und ich wiederhole es: Du bist ein Schurke." Schäumend vor Wut rief Drethner: „Das soll Dir nicht ungestraft hingehen, wir treffen uns." „Wann und wo es Dir beliebt," versetzte Breitner kalt. „Morgen auf der Gänsweide." „Gut, Gott wird das Recht schützen." „Um welche Zeit?" „Am Abend vor Sonnenuntergang, so es Dir genehm ist." -„So sefis." Und die beiden Männer, die noch vor kurzem als Freunde beisammen gelebt hatten, trennten sich mit dem festen Vorsatze, sich das Schwert durch den Leib zu rennen. (Fortsetzung folgt.) . Lprrchlssl. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie einige Worte bezüglich des in Nr. 2 dieser Zeitung befindlichen Artikels „Die kantorale Ausbildung in den jüdischen Seminarien" von Herrn Oberkantor Kerschner in München. Nicht ein Widerspruch gegen seinen Vorschlag, der mir vielmehr sehr sympathisch ist, sondern nur die tatsächliche Berichtigung einiger seiner Aeußerungen ist der Zweck dieser Zeilen. Herr Kerschner unterschützt die Leistung der Seiuinarien in bezug auf kantorale Ausbildung allzu sehr — wenigstens die des Seminars der Berliner Gemeinde, wie es gegenwärtig beschaffen ist, nebst der ihm angeschlossenen, jetzt dreiklassigen Präparandenanstalt. Er sagt, daß für die „Pflege des Tonsinns, rationelle Tonbildung, Entwicklung und Vervollkommnung der Stimme" nichts geschehe, es werde „losgesungen, unbeschwert von der Kenntnis der Atemsührung, des Tonansatzes, der Ausnutzung der Resonanzräume, unbekümmert darum, ob kehlige, gaumige oder nasale Töne produziert werden." Diese Meinung ist irrig. Die Gesetze der Stimmbehandlung und alles hiermit Zusammenhängende werden bei uns gelehrt und in der Praxis befolgt, und für die Entwicklung des Tonsinns geschieht nicht Weniges durch Treffübungen, Darstellung gehörter Melodien auf dem Klavier und anderes mehr. Ferner meint Herr, Kerschner, daß die freie Recitation, das sogenannte „Sagen", das ist der Vortrag in den charakteristischen liturgischen Wendungen nach dem Impuls des Augenblicks, nicht geübt werde; aber die Beschäftigung hiermit ergibt sich von selbst, weil viele liturgische Partien in .Noten gar nicht vorliegen, oder nur deren Anfänge in ein bis zwei Musterbeispielen gegeben sind. — Im übrigen stimme ich der Ansicht des Herrn Kerschner, daß die Lehrerbildungsanstalten nur einen Bruchteil der kantoralen Ausbildung bieten können, welcher sehr' wesentlicher Ergänzungen bedarf, vollständig zu. Berlin, 10. Januar 1909. Professor William Wolf. - Druck und Verlag von Rudolf .Masse in Berlin. .' Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.