Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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daß er drei Tage vor seinem Tode ihn besuchte, und unter anderem sagte, daß er. fünf Rubel in der Tasche habe. Dies war sein ganzes Vermögen, das er nach Ablauf von 28 Jahren mühevoller Arbeit besaß. Allerdings die Gemeinde, tat ihr möglichstes, aber bei einer zahlreichen Familie, und bei der Teuerung, die damals in Odessa herrschte, war es faktisch unmöglich, etwas zu ersparen. . ■ ' Als ihm die dankbare Gemeinde an seiner letzten Ruhestätte ein Denkmal setzte, wurde eine ergreifende Totenfeier veranstaltet, bei der Rechtsanwalt M. Morgulies in russischer, und Kommerzienrat O. Chajes in deutscher Sprache in schönen, inhaltreichen Worten den großen Prediger feierten. Herr O. Chajes sagte in seiner Festschrift zum Jubiläum unter anderem: „Seine Nachfolger werden ihn verewigen!" Und in der Tat, dies geschah auch wirklich, wie es sein alter treuer. Freund prophezeite. Im Geiste steht noch vor mir das Bild dieses Mannes, wie ich denselben zum erstenmal 1859 sah. Ein halbes Jahrhundert ist seitdem vorübergerauscht! Eine imponierende Gestalt, ein schöner Mann, in der vollen Kraft seines Lebens, stand er auf der Kanzel, von Hunderten umgeben, die seinen bilderreichen Worten lauschten, und an seinen Lippen hingen! — Wer nur einmal im Leben das Glück hatte, Schwabacher in der Synagoge sprechen zu hören, der wird ihn nicht so leicht. und schnell vergessen. Seine Worte waren Musikklänge; er war, mit einem Worte, ein Meister der Rede. Seine Diktion, der Klang seiner Stimme, das vornehme Wesen, seine imponierende Haltung auf der Kanzel übten einen mächtigen Eindruck auf die Zuhörer aus. Auch wenn man seine Predigten las, boten dieselben dem Leser einen hohen Genuß, aber — es fehlte der herrliche Vortrag des großen Predigers, der den Zuhörer in vollem Sinn bewältigte und gefangen hielt. Gerade zwei Jahrzehnte sind feit jenem Tage verstrichen, da der unerbittliche Tod Dr. Schwabacher jählings dahinraffte, seit sein beredter Mund verstummt, sein Grab geschlossen ist. Seither ist die Kanzel in den Synagogen Odessas verwaist! Allerdings, hervorragende Rabbiner und Prediger in der Art von Schwabacher gibt es in Rußland nicht! Aber daß im Laufe einer so langen Zeit die Gemeinde ruhig zusieht, wie die Jugend, ohne ein Wort Gottes zu hören, heranwächst, dies können wir, aufrichtig gestanden, nicht begreifen. Das Andenken des ausgezeichneten Mannes wurde^ in Odessa durch eine Stiftung auf seinen Namen im jüdischen Waisenhause, wie durch die Aufstellung seines Bildes in dieser Anstalt und in der Handwerkerschule „Trud" für die späteren Nachkommen verewigt. — Außerdem gab ein jüdischer Literat, dessen Name mir aber jetzt entfallen ist, seine Biographie in hebräischer Sprache heraus. Ich selbst habe in Nr. 50 des Jahrganges 1899 dieser Zeitung ein Lebensbild des von mir hochgeschätzten Rabbiners in kurzer Darstellung gegeben. Ehre seinem Andenken! Line Sozial- und Wirtlchaktsgelchichte der Juden. Von Dr. Simon Bernfeld. ie wissenschaftliche Geschichtsschreibung der Juden ist noch keine neunzig Jahre alt. Als I. M. Jost im Jahre 1820 mit seinem großen Geschichtswerkhervortrat, unternahm er diese Arbeit mit sehr unzulänglichen Mitteln. Das wußte er selbst am besten; und vierzig Jahre später bekannte er offen, daß ihm die Mängel feines geschichtlichen Werkes von Anbeginn gegenwärtig waren. Er wollte, wie er sich (Lerem chemed IX, 133) ausdrückt, das Gebäude, so notdürftig es auch sein, mochte, unter Dach bringen, es den Späteren überlastend, für dessen reichliche Ausstattung zu sorgen. Der Hauptmangel der älteren Geschichtsschreibung der Juden lag auch darin, daß man nach den damals vorhandenen und bekannten Quellen bloß daran gehen konnte, die politische Geschichte der Juden und eine Gelehrtengeschichte zu schreiben. Für die zuletzt genannte war bereits seit Jahrhunderten ein reiches Material vorhanden, sogar auch ziemlich gute Vorarbeiten, weil das jüdische Volk selbst in den schlimmsten Zeiten seine geistigen Güter zu schätzen und zu wahren wußte. Und wenn auch der geschichtliche Sinn, ich möchte sogar sagen, das geschichtliche Bewußtsein, unter den Juden in früheren Zeiten nicht genügend entwickelt war, so blieb doch das Feld der Literaturgeschichte niemals ganz unbebaut. Denn man legte großes Gewicht darauf, den Zusammenhang in der Entwicklung der heiligen Lehre zu kennen. .Viel schwieriger war schon die Schaffung der politischen Geschichte der Juden, wozu das Material nicht nur aus den entlegensten Stellen ausgesucht, sondern auch erst anwendbar gemacht werden mußte. Es war auch keine Kleinigkeit, den inneren Zusammenhang in der Geschichte des jüdischen Volkes, bei dessen ungeheurer Zerstreuung, zu finden und herzustellen. Man wird es unter solchen Umständen begreiflich finden, daß dem inneren Kulturleben der Juden in der Diaspora tt^enig Beachtung geschenkt wurde. Wir erfuhren aus unserer Geschichte, was das jüdische Volk durch die Jahrhunderte erdulden und ertragen mußte, welche brutale Behandlung ihm an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten zuteil wurde; wir wissen, welche unsinnigen und unmenschlichen.Gesetze gegen die Juden erlasten wurden, und welches schwere Joch von Steuern sie im finsteren Ghetto zu tragen hatten. Nebenbei lehrte uns die jüdische Geschichte noch, was dieses Volk in dew Jahrhunderten der harten Bedrängnis geistig geschaffen hat. Hingegen blieb es uns unbekannt, wie dieses Volk gelebt hat, wie sich damals das Familienleben gestaltete, die Kindererziehung, die täglichen Gewohnheiten und Bräuche, wie sich die breiten Volksschichten zu gewissen Zeitpunkten und bei gewissen Anlässen belustigt und wie sie getrauert haben. Wir kennen eine Unzahl von gesetzlichen Bestimmungen, herbeigesührt durch den Fanatismus der Pfaffen, die Gewinnsucht der Fürsten und. die Roheit des Pöbels, welche alle den Zweck hatten, den Juden die Nahrungsquellen zu verstopfen, aber wir wissen nicht, wie sie trotzdem gelebt und dabei ihre geistige Frische und Bildungsfähigkeit sich bewahrt Haben. Das Kulturleben der Juden im Mittelalter auf Grund des vorhandenen geschichtlichen Materials zu schildern, dazu sind in der letzten Zeit manche dankenswerte Beiträge von Güdemann, Berliner, Abrahams und anderen geliefert worden. Es fehlt aber leider noch eine zusammenhängende Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des jüdischen Volkes, die bei dem jetzigen Stand der Forschungen bereits sehr gut geschrieben werden könnte. Der erste Versuch auf diesem Gebiete ist jetzt von Georg Caro unternommen worden, von dessen Buch: „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und [inj der Neuzeit" dieser Tage der erste Band erschienen ist. (Schriften, : herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Leipzig 1908.) Der Verfasser hat sich, wie das Titelblatt besagt, zur' Aufgabe gestellt, die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden nach der talmudischen Epoche zu geben. Er leitet aber doch sein interessantes Werk, was natürlich nur lobenswert ist, mit einer knappen Schilderung der wirtschaftlichen Verhältnisse, der. älteren Zeit ein, wobei er sich bemüht, sowohl die Zustande in Palästina,