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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-15 · Heft 3 (15.1.1909) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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In den vierziger Jahren weilten in Odessa ferner der Gelehrte Dr. M. Pinner, der Uebersetzer eines Traktats des babylonischen Talmuds, und Dr. Max Lilienthal aus München, der auf Empfehlung des unvergeßlichen Begründers dieser Zeitung. Dr. Ludwig Philippson seligen Angedenkens, nach Rußland ging, um im Aufträge der Regierung Schulen für die jüdische Jugend zu errichten. Im Jahre 1842 wurde derselbe zum- Rabbiner und Prediger' der Odessaer Gemeinde gewählt: Er predigte oft in den Odessaer Synagogen, nahm aber die dortige Stelle nicht an und folgte einem Rufe nach Riga, wo er "mehrere Jahre segensvoll wirkte. Er war Mitglied der Rabbinerkommission in Petersburg und hat viel zur Verbreitung der Bildung der russischen Juden beigetragen. Wir erinnern uns in unserer 'Jugend im „Jüdischen Volksblatt", wenn wir nicht irren im Jahrgang 1852, seinen überaus interessanten Aufsatz: „Meine Reisen in Rußland" gelesen zu haben. Trotz der Unterstützung und Protektion des damaligen, Ministers der Volksaufklärung, des Gelehrten Grafen Sergei Uwarow, gelang es Dr. Lilienthal nicht, die ihm von der Behörde auferlegte Mission zu erfüllen. In vielen Städten, wie Minsk, Berdyezew und in anderen Orten stieß er auf Schwierigkeiten seitens der zahlreichen Anhänger der orthodoxen Partei. — Der Kampf entbrannte auf beiden Seiten, und er sah voraus, daß alle seine Mühe vergebens sei. So faßte er den Entschluß, Rußland gänzlich zu verlassen, und ging nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Er wirkte eine lange Reihe von Jahren segensvoll als Rabbiner und Prediger in Cincinnati, wo er in hohem Alter starb. Er war ein Anhänger der äußersten Reform, und er war es auch, der einst in einer Kirche predigte, während der Pastor derselben vor der jüdischen Gemeinde in der Synagoge das Wort Gottes verkündete. Wir erinnern uns im elterlichen Haufe das Jugendporträt Lilienthals aus dem Jahre 1842 im Ornat und mit der Inschrift: „DerHerristmeinPanier!" gesehen zu haben. Nun kehren wir wieder zu unserem wackern Schwabacher zurück, zu dessen 20jährigem Todestag diese Erinnerungen niedergeschrieben wurden. Im Mai des Jahres 1860 ging ich nach dem Auslande und blieb 3V4 Jahre in Leipzig, wo ich meinem Studium oblag. Fern von meiner geliebten Vaterstadt Odessa, folgte ich im Geiste der Tätigkeit Schwabachers mit lebhaftem Interesse. Außer den obenerwähnten Instituten fehlten noch sehr viele, die geschaffen werden mußten. Schwabacher sah die Notwendigkeit derselben ein; er appellierte an den Wohltätigkeitssinn seiner Gemeinde und diese kam ihm mit Freude entgegen; die Gemeindemitglieder öffneten ihre Herzen und ihre Taschen dem geliebten Seelsorger; die Gaben stoffen ihm tu n allen Seiten reichlich zu. Er sah unzählige arme, verwahrloste, elternlose jüdische Kinder auf den Straßen herumbalgen; sein Herz schnürte sich vor Kummer zusammen. Er hielt einen Zyklus deutscher Vorlesungen, die stets stark von allen Schichten der Gesellschaft besucht wurden, und die gesammelten Gelder bildeten den Grundstock des jüdischen Waisenhauses für Knaben und Mädchen! Bald darauf folgte diesem die Handwerkerschule „Trud“, deren erster Präsident er war. In rascher Folge entstanden auf seiner Initiative „der jüdische Kommis-Verein" .(dessen Statuten er verfaßte), die Armenküche, der Wöchnerinnenverein nnd noch andere wohltätige Anstalten. Trotzdem sein Amt in einer so großen Gemeinde, fast alle seine Zeit in Anspruch nahm, predigte er sehr oft in den verschiedenen Synagogen in erhebender Weise, hielt Vorlesungen und widmete die kurze Muße, die ihm zu Gebote stand, literarischen Arbeiten. Im Jahre 186.3 kehrte ich wieder nach meiner geliebten. Vaterstadt zurück. Ich etablierte mich. als Kaufmann und trat in freundschaftliche Beziehungen zu Schwabacher, die bis zu seinem jähen Tode dauerten. Ich war Zeuge seiner fast 28jährigen segensreichen Tätigkeit! — In würdiger Weise vertrat er stets seine Gemeinde. Mit dem Generalgouverneur Grafen Kotzebue (Sohn des Dichters August Kotzebue) innig befreundet, verwendete er sich bei ihm oft in jüdischen Angelegenheiten. Während seiner Amtszeit weihte er in feierlicherWeise den Tempel in der Puschkinstraße (1867), die Synagoge in der Ekaterinenstraße, die Bethäuser des Waisenhauses, des Krankenhauses und Greisenasyls ein. Es war am 29. November/10. Dezember 1888 frühmorgens, als ich mich anschickte, ins Bureau zu gehen, da hielt mich am Tore des Hauses, wo Schwabacher wohnte, ein Bekannter mit dem Ausrufe an: „Gestern ist Dr. Schwabacher plötzlich gestorben!" Die Hiobspost, daß der von mir hochgeschätzte Mann abgerufen sei, erschütterte mich aufs tiefste. Zwei Tage darauf, an einem grimmig-kalten Wintertage, trug man die sterblichen Reste des verdienstvollen Mannes, der sich die Liebe und die Hochachtung von Juden und Christen erwarb, in Gegenwart von Taufenden von Menschen, darunter der General-Gouverneur, der Stadthauptmann, der Bürgermeister, der kaiserlich deutsche General-Konsul, der Chacham der karaitischen Gemeinde, der evangelische Pastor-und mehrere andere, in die Synagoge der Ekaterinenstraße. Sämtliche jüdische und viele christliche Geschäfte waren geschlossen. Die Straßenlaternen waren angezündet und mit Trauerflor bedeckt. Nach einem kurzen Trauergebet wurde die sterbliche Hülle des großen Kanzelredners nach dem neuen Friedhose geleitet, wo sie dem Schoße der Erde übergeben wurde. Von den Schriften, die er im Laufe von 28 Jahren in Odessa veröffentlichte, erwähne ich bloß „Die drei Gespenster", „Von Sephoris nach Rom", die „Denkschrift über die Judenverfolgungen in Südrußland im Jahre 1881", dem Regierungskommissar, Grafen Kutaisow überreicht, und viele andere. Schwabacher war bekanntlich ein Kanzelredner ersten Ranges, und es war ein Genuß, ihn sprechen zu hören. Ich versäumte fast nie seine Predigten und Vorlesungen. Seine besten Predigten waren, soweit ich mich erinnern kann, die Gedächtnisrede auf Alexander II., die Einweihungsreden der Synagogen, namentlich der Puschkinstraße, in Gegenwart der höchsten Behörden, mit dem Grafen Kotzebue an der Spitze. Ich erinnere mich ganz genau, wie er die Bibel in die Hand nahm und sich an die Versammlung mit folgenden Worten wendete: „Mit diesem Buche in der Hand, fordere ich alle Völker dieser Erde vor die Schranken!" Es war ein mächtiger Eindruck, den diese Worte aus die zahlreich Versammelten machten. Dann die Einweihungsrede im jüdischem Krankenhause, die Denkrede auf die wohltätige Fürstin Elisabeth Woronzow, Witwe des General-Feldmarschalls Fürsten Michael Woronzow, des langjährigen neurussischen und bessarabischen Generalgouverneurs, des Wohltäters der Juden, auf Osip Rabinowitsch, auf den Erzbischof Dimitry, aus den berühmten Rechtsgelehrten Elias Orschansky, den Verteidiger seiner Glaubensgenossen, auf den Stadtrat und Oberarzt des städtischen Hospitals den Gelehrten Dr. Emanuel Soloweitschik, Redakteur der Zeitung „Zion", „Großvater, Vater und Sohn",' und noch mehrere andere. Die Rede am Sarge des in der Blüte der Jahre dahingeschiedenen Albert, des Gründers der Asyle für junge Sträflinge in Odessa, war sein Schwanengesang. Alles in allem' war Schwabacher ein hervorragender Mann als Mensch, als Kanzelredner und Seelsorger. — Ein Freund, der kürzlich erst in Odessa verschieden ist, erzählte mir.

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