Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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werden konnte. ■ Wie man sieht, war ein- Entschlüß und eine Entscheidung ungemein schwer. Man darf auch nicht vergessen, daß Schwabacher damals schon Frau und Kind, hatte, -und daß es ihm um so schwerer war, einen endgültigen Entschluß zu fassen, Der verewigte Moses Trachtenberg war aber - der Mann nicht, um so leicht Von dem Ziele,, das er sich gesetzt, zurückzutreten, ohne erst alle Hebel in Bewegung zu setzen, den Zweck zu erreichen. Da wurde beschlossen, daß Schwabacher Ende August 1859 nach Odessa gehen solle, um das Terrain zu rekognoszieren und Land und Leute aus eigener Anschauung zu studieren. Und wirklich, er traf um diese Zeit an den Gestaden des Schwarzen Meeres ein und wurde mit ungeheurem Jubel von den Vertretern der intelligenten Gemeinde empfangen! Er kam allerdings unter dem Vorwände, Seebäder zu nehmen.. Der Gelehrte, Moses Victor Lichtenstadt, ein Mann von tiefem Wissen,, der aber deu Gemeindeaugelegenheitenfernstand, meinte in seiner sarkastischen Weise, daß es „fürs Baden zu spät, und für einen Prediger noch zu früh sei!" Aber der Mann hatte vollkommen unrecht. Schon damals — vor ungefähr einem halben Jahrhundert — war die Gemeinde so gebildet und intelligent, daß sie ganz gut einen tüchtigen Prediger und ein würdiges geistliches Oberhaupt gebrauchen konnte. . Als Schwabacher im Jahre 1859 nach Odessa kam — ich war damals ein Jüngling von kaum 18 Jahren wohnte er bei dem Gelehrten, Dr. Salomon Löwensohn seligen Angedenkens, dem Biographen von Simcha Pinsker. Schwabacher wurde im Kreise der gebildeten Gemeindeglieder sehr gefeiert, und es wurden ihm zu Ehren Feste veranstaltet. Zu einem solchen wurde er auch von meinen seligen Eltern eingeladen. Mir, als dem jüngsten Sohn des Hauses, wurde die ehrenvolle Mission zuteil, den berühmten Gast abzuholen. . Zu diesem Behufe wurde der Wagen mit zwei feurigen Nossen angespannt, und fort ging es nach der Behausung des erwarteten Gastes. Als wir nach unserem Hause zurückkehrten, wurde er von sämtlichen Familiengliedern ehrfurchtsvoll begrüßt. Ich erinnere mich, wie heute, wiewohl seitdem fast fünf Dezennien verflossen sind, und ich seitdem ein alter Mann mit weißen Haaren geworden bin, wie er vor dem Mahle Wasser zum Händewaschen verlangte, welches bereits vorbereitet dastand. In anregender, gemütlicher Unterhaltung — denn | mein seliger Vater besaß die Gabe der Rede, war sehr witzig und geistreich in der Konversation, stets lebensfreudig und in animierter Stimmung — wurde das M.ittagmahl beendigt. Hieraus kamen die beiden ehrwürdigen Onkel Bermann und Moses zu uns; man servierte den Kaffee im Salon und hier wurde die wichtige Frage der Berufung Schwabachers und seine Zustimmung reiflich erörtert. Ich stand abseits und lauschte, den Worten der ernsten Männer. Schon damals, noch im Jünglingsalter, hatte ich für meine armen, schwerbedrückten Glaubensgenossen im allgemeinen, und für die Odessaer Gemeinde insbesondere, warmes Interesse. Vergessen wir nicht zu erwähnen, daß Schwabacher während seines kurzen Aufenthalts in Odessa seine erste geistliche Funktion verrichtete, indem er die prächtige H'auptsynagoge, Ecke der Richelieustraße, in feierlicher Weise einweihte. Wenn ich nicht irre, wurde der Grundstein zu diesem Tempel im Jahre 1852 gelegt, bei welcher Gelegenheit der gelehrte Schuldirektor Bezalel Stern (aus Tarnopol) die Festrede hielt. Nach der Rückreise, Schwabachers wurden die nötigen Schritte beim damaligen humanen und geschätzten Generalgouverneuv Grasen Strogonow wegen Berufung desselben als Stadtrabbiner >und Prediger, gemacht. Der große Staatsc. dfr W iffl nrnnTt;; dem. wir Juden stets ein dankbares Andenken bewahren für sein Wohlwollen und für seine berühmte Denkschrift über die Judensrage in Rußland, welche natürlich zugunsten der Juden, und zwar aus dem Gesichtspunkte eines unparteiischen Staatsmannes war, tat alles mögliche beim Ministerium des Innern, daß Dr. Schwabacher bestätigt werden solle. Im Jahre 1860 langte von Petersburg die nachgesuchte Bewilligung ein, und bald .darauf wurde er von der ganzen Gemeinde einstimmig gewählt; er wurde in Bälde von der hohen Behörde bestätigt und in sein Amt eingeführt. Bevor dies-, geschah, begannen aber die Mitglieder der Hauptsynagoge und anderer Bethäuser gegen die Anstellung Dr. Schwabachers zu agitieren. Natürlich ließen die Vertreter der intelligenten.Kultusgemeinde ihre Hände nicht im Schöße liegen, und sucht mit voller Energie, die Bewilligung für Schwabacher zu beschleunigen. Dank der Lokalbehörde, an deren Spitze, wie wir oben erwähnten, Graf Strogonow stand, erfolgte diese sehr rasch. Dr. Schwabacher kam in der zweiten Hälfte des Jahres 1860 nach Odessa, wo er sein schwieriges, verantwortungsvolles Amt antrat. Er fand eine reiche, gebildete und wohltätige Gemeinde vor, die bloß des tüchtigen, energischen Führers harrte und dessen Impulse diese mit Freude verwirklichte. — Allerdings, dank den Männern, die bereits im Jahre 1818 — also vor 90 Jahren, unter Alexander I. — aus Galizien, und namentlich aus Brodylmch Odessa einwanderten, war dort schon im Jahre 1827 die erste jüdische Bürgerschule in Rußland begründet worden,, die Kaiser Nikolaus I. während seiner Anwesenheit 1828 oder 1829 besuchte. Nach kurzem Wirken starb der erste Direktor Sittenfeld (ein Deutscher). Bald nach seinem frühen Tode folgte ihm im Amte, der bereits in diesem Aufsätze erwähnte Gelehrte Bezalel Stern aus Tarnopol, ein Freund des unvergeßlichen Joseph Perl seligen Angedenkens, des Gründers der Tarnopoler Schule. — In der Odessaer Schule wirkten zusammen mit Stern als Lehrer die tüchtigsten Pädagogen: Der große Forscher und Gelehrte Simcha Pinsker aus Tismenitz, in Galizien, Elias Finkel, Enkel des berühmten Gaon R. Elia Wilna, dessen Namen er trug, ein schöner Mann von imponierender Gestalt. Derselbe war zu jener Zeit schon der russischen Sprache mächtig und kannte die russische Literatur vorzüglich, während dieselbe für die übrigen Mitglieder der Ge- | meinde eine terra incognita blieb; Isaak Horowitz, der deutsches Wissen in hohem Grade besaß, das gelehrte Brüderpaar Leon und Eisik Landesberg, nahe Verwandte Isaak Beer Lewin-. sohns, des russischen Mendelssohn, der Dichter Markus Elias Werbel, Seehostower und noch viele andere. — Außer der vorzüglichen Schule besaß die Gemeinde ein Krankenhaus und noch einige andere Wohltätigkeitsanstalten. — Die jungen Leute aus Brody fanden bei ihrer Ankunft in Odessa den Gottesdienst in der alten Weise vernachlässigt. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam zufälligerweise dev berühmte Kantor Nissen Blumenthal aus Jassy nach Odessa; er.wurde sofort von der „Brodyer"-Synagoge als Ollerkantor und Dirigent des von ihm begründeten Chores gewählt. Der treffliche Mann besaß einen selten edlen Charakter, verstand vorzüglich Hebräisch (er war für das Rabbineramt bestimmt), war in den europäischen Sprachen und Literaturen sehr bewandert; hauptsächlich besaß er aber eine wunderschöne, angenehme Stimme,' war sehr musikalisch, und spielte vorzüglich Violine. Er war der Schöpfer des.synagogalen Gesanges in Rußland und führte die Sulzerschen Gebete in der Brodyer- Synagoge ein. Volle 55 Jahre wirkte der edle, bescheidene Mann in unserer Gemeinde , und starb, von allen Schichtern der Gesellschaft hochverehrt, im Alter von nahezu 95 Jahren j~ t r -t- , V 1